Finanzrisiko Türkei – erste Investoren verlassen das Land

Epoch Times22. Juli 2016 Aktualisiert: 22. Juli 2016 17:07
Die Folgen von Erdogans Säuberungswelle sind bereits auf den türkischen Finanzmärkten zu spüren. Internationale Investoren verlassen das Land, es droht ein finanzieller Kollaps. Auf der anderen Seite - ein gefundenes Fressen für Spekulanten.

Die Risiken seien gestiegen, heißt es aus Investorkreisen,  oder wie es Özlem Derici, Chefvolkswirt beim Finanzdienstleister Deniz Investment in Istanbul ausdrückt: „Das Risiko einer Kapitalflucht bleibt solange bestehen, bis die Maßnahmen, die während des Ausnahmezustands ergriffen wurden, klar offengelegt werden.“

Vor 13 Jahren verabschiedete das türkische Parlament eine Reihe von weitreichenden Reformen. Damals, 2003, wurde Erdogan Regierungschef. Die Demokratisierung des Landes schritt vorwärts, die Todesstrafe wurde abgeschafft, die Meinungsfreiheit wurde gestärkt und das Land näherte sich weiter der Europäischen Union an. Die Türkei wurde interessant für Investoren.

Das scheint vorbei. Die Anleger fürchten Erdogans Reaktionen nach dem gescheiterten Militärputsch und seinen autokratischen Alleingang in eine ungewisse Zukunft. Mehrere Zehntausende Verhaftungen und Suspendierungen, nicht nur bei der Polizei und der Armee, sondern hauptsächlich von Lehrern, Beamten, Richtern und Staatsanwälten, zerstörten das Vertrauen in eine türkische Rechtsstaatlichkeit fast über Nacht.

Seit 15. Juli: größter Kursrutsch der Geschichte

Seit dem verhängten Ausnahmezustand am Mittwoch kann Erdogan nahezu allein regieren, per Dekret. Grundrechte und Freiheiten können eingeschränkt oder gar aufgehoben werden – kein sicheres Pflaster für internationale Kapitalgeber.

Sollte es zu einem entsprechenden Kapitalabfluss kommen, wird dies auch die Landeswährung, die türkische Lira in Mitleidenschaft ziehen, das Wirtschaftswachstum leiden, bei gleichbleibender Preisbeschleunigung.

Die ersten Anleger ziehen sich bereits zurück, der Leitindex der Istanbuler Börse fiel am Donnerstag um bis zu 3,8 Prozent auf ein Fünfmonatstief von 72.065 Punkten und summiert das Minus seit dem gescheiterten Putsch am 15. Juli auf rund 13 Prozent – den größten Kursrutsch der Geschichte.

Ratingsturz: Fonds und Banken auf dem Rückzug

Die politischen Turbulenzen in der Türkei wirkten sich auch negativ auf deren Kreditwürdigkeit aus. Die Rating-Agentur Standard & Poor (S&P) stufte die Türkei von BB+ auf BB herab, was das Land stärker in den spekulativen Bereich bringt. Weitere Schritte wurden von S&P bereits angedroht.

Auch dies dürfte Investoren abschrecken, so Özlem Derici. Die Folgen wären ein Kapitalabzug von auf Ratings fokussierten Fonds. Die Fonds Aviva und GAM reduzierten bereits ihr Engagement in der Türkei.

Auch Banken deuteten an, sich zurückziehen zu wollen: Morgan Stanley, Societe Generale, BNP Paribas und die Citigroup.

Fonds: von Vorsicht bis Spekulation

Ein Fondsmanager der BNP Paribas Investment Partners, Patrick Mange, sieht türkische Anlagen schon als kritisch an. Er wolle sie in seinem Portfolio „untergewichten“, bis es Klarheit über die Entwicklungen in der Türkei gebe. Er erwartet eine Neuverteilung der Fondsgelder in der nächsten Zeit.

Andere sind weniger pessimistisch, sehen gar Spekulationsmöglichkeiten. Die Vermögensverwalter Aberdeen, Baring und Berenberg sehen in den jüngsten Kursrückgängen eine Chance für Schnäppchenjäger und setzen auf das langfristige Potenzial des Landes.

Die Türkei – ein Schwellenland für Investoren

Auch die Vermögensverwaltung der UBS sieht die Türkei weiterhin als ein bevorzugter Aktienmarkt in den Schwellenländern, mit einer günstigen Bewertung der dortigen Papiere, günstiger im Vergleich mit anderen Schwellenländern. Die Risiken seien bereits einberechnet.

Doch vor allem jene Fonds, die normalerweise nicht in Schwellenländern investieren, aber durch die hohen Anleihe-Renditen der letzten Jahre in diesem Sektor angelockt wurden, beobachten vorsichtig das Geschehen und warten die Bewertung der Rating-Agenturen Fitch und Moody’s im kommenden Monat ab, bevor sie ihre Investitionsentscheidungen treffen.

Die amerikanische Bank JP Morgan schätzt ein Abstoßen türkischer Anleihen aus Fonds im Volumen von rund zehn Milliarden Dollar, allein wegen der Herabstufung der Türkei durch die Bonitätswächter.

Dies berichtete die „DWN“ aus einem Hintergrundartikel von Sujata Rao und Asli Kandemir bei Reuters. (sm)

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