In Kürze:
- „Erneuerbare“ Energien haben in den ersten drei Quartalen 2025 fast 57 Prozent des Stromverbrauchs in Deutschland abgedeckt.
- Das bedeutet nahezu keine Änderung im Vergleich zum Vorjahreszeitraum – trotz Zubau bei Wind und Solar.
- Die Energieministerin Katherina Reiche hält derweil an ihrer geplanten Reform in der Energiepolitik fest.
Die ersten drei Quartale von 2025 sind vorbei. In diesem Zeitraum haben „erneuerbare“ Energien rechnerisch fast 57 Prozent des Stromverbrauchs in Deutschland abgedeckt. Das zeigen vorläufige Berechnungen des Zentrums für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg (ZSW) und des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW).
Mehr als 20 Gigawatt ohne Wirkung?
Dieser Anteil liegt nach Angaben der Branchenverbände auf dem gleichen Niveau wie im Vorjahreszeitraum. Dabei ist zu bedenken, dass der Ausbau von Windkraft und Photovoltaik hierzulande kräftig vorangeschritten ist. Während die installierte Leistung aller „Erneuerbaren“ aktuell bei rund
196,5 Gigawatt (GW) liegt, waren es ein Jahr zuvor noch
176,2 GW.
Obwohl die installierte Leistung also um mehr als 20 GW angestiegen ist, blieb die Stromausbeute nahezu unverändert. An der Photovoltaik lag es nicht. Die am schnellsten wachsende „erneuerbare“ Energiequelle konnte ihren Stromertrag laut den Verbänden um knapp ein Viertel steigern.
Demgegenüber steht jedoch ein deutliches Minus von 12 Prozent bei der Stromerzeugung von Windrädern an Land – trotz 3,8 GW zusätzlich installierter Leistung als vor einem Jahr. Grund sei ein windschwaches erstes Quartal gewesen.
Heimlicher Grund für das windige Minus
Neben
schwächerem Wind gibt es allerdings einen weiteren, nur selten erwähnten Grund für den Ertragsrückgang bei der Windkraft. Durch den Zubau der „Erneuerbaren“ kommt es gerade in den Sommermonaten immer häufiger zu einer Stromüberproduktion.
Das ist jedoch ungünstig für die Netzinfrastruktur. Denn im Stromsystem müssen sich Stromerzeugung und -verbrauch stets die Waage halten, um die Netzfrequenz stabil bei 50 Hertz zu halten. So verhindern die Netzbetreiber
Stromausfälle, wie sie dieses Jahr bereits
mehrfach vorgekommen sind.
Wenn nun Wind und Solar deutlich mehr produzieren, als das Land gerade benötigt, muss der Überschussstrom dennoch abgeführt werden. Das geschieht häufig durch Stromexporte. Deutschland
exportiert im Sommer meistens in den Mittagsstunden, wenn
die Solaranlagen viel Strom produzieren. Zudem können Pumpspeicheranlagen netzdienlich Strom bei Überangebot verbrauchen.
Teilweise erzeugen die „erneuerbaren“ Kraftwerke aber so viel Überschussstrom, dass die Kapazitäten von Export und Pumpspeicher nicht mehr ausreichen. Dann müssen die Netzbetreiber
Anlagen drosseln, um den Überschussstrom zu reduzieren. Dies geschieht überwiegend mit
Windrädern, was letztlich deren Gesamtertrag schmälert. Vielerorts ist dann zu
beobachten, dass Windräder trotz Wind stillstehen.
Künftig sollen auch
Batterieparks Überschussstrom zwischenspeichern können. Die bisher installierten Kapazitäten in diesem Bereich können die Netze aktuell jedoch nur geringfügig entlasten. Hinzu kommt, dass immer mehr Betreiber neue Windräder in
Schwachwindgebieten errichten, weil es inzwischen kaum noch unbebaute windreiche Gebiete in Deutschland gibt.
Reiche will Kurswechsel in der Energiewende
Weiter teilten die Branchenverbände mit, dass die sogenannte Bruttostromerzeugung von Januar bis September um 0,9 Prozent höher war als im Vorjahreszeitraum. Daran hatten Braun- und Steinkohlekraftwerke einen Anteil von zusammen etwas mehr als 20 Prozent. Gaskraftwerke kamen auf einen Anteil von rund 16 Prozent.
Wirtschafts- und Energieministerin Katherina Reiche (CDU) strebt einen Kurswechsel in der Energiewende an. Sie rechnet mit einem weniger starken
Anstieg des Jahresstromverbrauchs von Deutschland in den kommenden Jahren. Im vergangenen Jahr lag dieser netto bei rund 465 Terawattstunden (TWh). Verschiedene Studien rechnen mit einem Anstieg auf teils mehr als 1.000 TWh bis 2045.
Das könnte Folgen für den Ausbau der „erneuerbaren“ Energien sowie des Stromnetzes haben. Um Kosten zu senken, plant Reiche unter anderem, die staatliche Förderung für neue, kleine Solaranlagen auf dem Dach zu streichen. Das könnte das aktuelle Ausbautempo spürbar einbremsen.
Förderung für den Bau neuer Gaskraftwerke
Die Koalition hat die Streichung der Förderung allerdings noch nicht beschlossen. Am Ziel, den Anteil des Ökostroms bis 2030 auf 80 Prozent zu steigern, hält Reiche aber weiterhin fest.
Um die schwankende Stromerzeugung aus „erneuerbaren“ Energien auszugleichen, plant die Regierung im Zuge des schrittweisen Kohleausstiegs eine staatliche Förderung für den Bau neuer Gaskraftwerke.
Erst Anfang September hat die Bundesnetzagentur ihren Bericht zur Versorgungssicherheit veröffentlicht. Demnach seien in den kommenden zehn Jahren bis zu 35,5 GW an steuerbarer Kapazität, also grundlastfähige Reservekraftwerke, nötig. Sie sollen die Stabilität des Stromnetzes gewährleisten. Hierfür sind Gaskraftwerke favorisiert, da das Atomgesetz in der aktuellen Version die Stromerzeugung durch Kernkraft verbietet und auch der Kohleausstieg beschlossen ist.
Sollte diese Kapazität tatsächlich benötigt werden, müssten rund 118 neue Gaskraftwerke mit einer mittleren Leistung von 300 Megawatt bis 2035 errichtet werden. Das entspräche einem neuen Gaskraftwerk pro Monat ab jetzt.
(Mit Material von dpa)