Finanzinvestoren greifen zunehmend nach Arztpraxen und Pflegeheimen

Finanzinvestoren kaufen zunehmend Arztpraxen und Pflegeheime auf. Wie eine Studie des Instituts Arbeit und Technik ergab, kam der Gesundheitssektor im Jahr 2017 auf Platz eins der Übernahmen durch Kapitalbeteiligungsgesellschaften.
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Arztpraxis.Foto: iStock
Epoch Times20. Februar 2019

Finanzinvestoren kaufen zunehmend Arztpraxen und Pflegeheime auf. Wie eine am Mittwoch veröffentlichte Studie des Instituts Arbeit und Technik (IAT) ergab, kam der Gesundheitssektor im Jahr 2017 auf Platz eins der Übernahmen durch Kapitalbeteiligungsgesellschaften. Es handle sich um eine „neue Dimension“ der Privatisierung von Einrichtungen der öffentlichen Daseinsvorsorge, schrieb Studienautor Christoph Scheuplein. Die Leidtragenden könnten Patienten und Beschäftigte sein, warnte er.

„Es erscheint dringend erforderlich, den aktuellen Eingriff von Finanzinvestoren in den Gesundheitssektor wieder zu unterbinden“, erklärte Scheuplein. Für die von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung geförderte Studie untersuchte er die Unternehmenskäufe durch private Beteiligungsgesellschaften. Die Gesellschaften beschaffen Kapital überwiegend über Fonds, in denen institutionelle Investoren wie Banken oder Versicherungen und reiche Privatpersonen ihr Geld anlegen.

Die Fonds übernahmen 2017 laut der Studie insgesamt 274 Firmen – rund 30 Prozent mehr als im Jahr zuvor. In den Firmen arbeiteten 93.200 Beschäftigte, was einem Rückgang von 13 Prozent entsprach. Das zeigt laut Scheuplein, dass inzwischen auch die mittleren und kleinen Unternehmen in den Einflussbereich der Finanzinvestoren geraten. Sie bezahlten für die Unternehmen insgesamt zwischen 21,7 und 24,5 Milliarden Euro.

15,3 Prozent der Firmen kamen aus der Gesundheitsbranche und beschäftigten mehr als ein Drittel der betroffenen Arbeitnehmer. Daneben waren auch Softwarefirmen und Maschinenbauer begehrte Übernahmekandidaten.

Das Problem an den Investoren ist laut Scheuplein, dass die Laufzeit der Fonds in der Regel begrenzt ist. In dieser Zeit müsse eine möglichst hohe Rendite erzielt werden. Deshalb suchten die Investoren häufig den schnellen Erfolg, indem sie etwa Vermögenswerte und Randbereiche verkauften, Arbeitsplätze an Subunternehmen auslagerten, Firmen aufspalteten und Stellen abbauten. Neue Produkte zu entwickeln oder Zukunftsmärkte zu erschließen, komme hingegen zu kurz.

Wenn ein Finanzinvestor nach wenigen Jahren aussteige, stehe ein weiterer Eigentümerwechsel an – mit erneuten Veränderungen von Unternehmensstrategien, Geschäftsfeldern und Standorten. Die Beschäftigten erlebten diese Wechsel häufig als eine Zeit der jahrelangen Unsicherheit. Insbesondere, wenn der nächste Eigner wiederum ein sogenannter Private-Equity-Fonds ist – was 2017 Scheuplein zufolge in knapp 60 Prozent der Fälle zutraf.

Die Mitbestimmung von Arbeitnehmervertretern im Aufsichtsrat könne ein gewisses Gegengewicht zu kurzatmigen Strategiewechseln bilden. Firmen im Eigentum von Finanzinvestoren ignorierten oder verwehrten Mitbestimmungsrechte allerdings häufiger, als das im Durchschnitt vergleichbarer Unternehmen vorkomme. Wenn sich Finanzinvestoren ins operative Geschäft einmischten, verringere sich zudem der Entscheidungsspielraum der Geschäftsführung vor Ort. Damit könne den Betriebsräten ihr Gesprächs- und Verhandlungspartner verloren gehen – erst recht, wenn es sich bei den neuen Eigentümern um Investoren handelt, die ihren Sitz im Ausland haben.

Der Anteil der in Deutschland ansässigen Investoren fiel auf 38 Prozent. Auf Großbritannien und die USA entfielen rund 31 Prozent der Käufe. Die in Deutschland aktiven Fonds zahlten ihren Anlegern 2017 im Schnitt eine Verzinsung von 18,6 Prozent. Diese außerordentliche Rendite könnte laut Scheuplein auch deshalb erzielt werden, weil 63 Prozent der Fonds ihre Gewinne in „Steueroasen“ wie den britischen Kanalinseln Guernsey und Jersey, den Kaimaninseln oder Luxemburg versteuern. (afp)



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