Arbeiter entsorgen Materialien mit Asbest.Foto: iStock

Frühere Gastarbeiter besonders stark durch Asbest beeinträchtigt – Klagen auf Entschädigung möglich?

Von 25. Februar 2020 Aktualisiert: 26. Februar 2020 15:52
Im Jahre 1993 wurde die Verwendung von Asbest in der Produktion verboten. Zuvor waren zigtausende Menschen, insbesondere frühere Gastarbeiter, ungeschützt dem Stoff ausgesetzt. Oft zeigen sich erst jetzt die Spätfolgen. Nun werden Forderungen nach Entschädigung laut.

Vor seinem Verbot im Jahr 1993 ist Asbest nach Einschätzung von Fachleuten in mindestens 3000 Produkten eingesetzt worden. Bereits 1972 wurde erste Schutzmaßnahmen geschaffen, um dem damals bereits bestehenden Verdacht, das Einatmen der Fasern könnte Krebs begünstigen, Rechnung zu tragen. Vor allem frühere Gastarbeiter blieben jedoch in intensiver Weise und oft ungeschützt dem Stoff ausgesetzt.

Das Bewusstsein für die Gefährdung durch die Substanz war häufig wenig ausgeprägt. In vielen Fällen war die Belastung auch dann, wenn beide Teile um das Risiko wussten, kein Thema, weil man im Fall der Gastarbeiter aufgrund der Anwerbeabkommen ohnehin nur mit einem zeitlich begrenzten Engagement rechnete. Vor allem Arbeitnehmer schwiegen häufig über dieses Thema, da sie um ihre Job fürchteten. Fälle dieser Art wurden beispielweise in der Undercover-Reportage „Ganz unten“ vom Enthüllungsjournalisten Günther Wallraff dokumentiert.

Bis dato war auch von Einwandererverbänden nicht viel zu dieser Problematik zu hören. Nun könnte es jedoch sein, dass Betroffene nach Wegen suchen werden, um Entschädigung für die Spätfolgen der gesundheitsgefährdenden Bedingungen zu erhalten, unter denen sie über Jahre und teilweise Jahrzehnte hinweg gearbeitet hatten.

EGMR erstreckte Beginn der Verjährungsfrist in Asbest-Fällen

Im März 2014 hatte, wie damals der „Tages-Anzeiger“ berichtete, der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in einem Schweizer Präzedenzfall die Chancen für Betroffene erhöht, auch noch dann Schadensersatz geltend machen zu können, wenn die Tätigkeit, die der späteren Erkrankung zugrunde liegt, schon längere Zeit zurückliegt.

Ein Anspruch auf Entschädigung kann demnach nicht verjähren, bevor der Schaden eintritt und bevor die betroffene Person Kenntnis vom Schaden hat. Anlassfall war die Klage einer Aargauerin und ihrer Töchter, deren Mann beziehungsweise Vater 2005 an asbestverursachtem Krebs gestorben war. Zuvor hatte der Mann über 40 Jahre lang bei der früheren Maschinenfabrik Oerlikon Turbinen montiert und dabei regelmäßig Asbeststaub eingeatmet. Innerstaatliche Gerichte hatten Ansprüche dieser Art meist abgewiesen.

Es dauert im Regelfall sehr lange, bis sich die Folgen der Ablagerung der feinen Asbestfasern in der Lunge in Form von Krankheiten wie Asbestose oder Lungenkrebs zeigen. Die Latenzzeit bis zur Erkrankung kann bis zu 60 Jahre dauern. Je länger und stärker Arbeiter Asbest ausgesetzt waren – und dieser kam unter anderem im Bergbau und in unterschiedlichsten Produkten rund um Hausbau, Elektrogeräte oder Auto- und Schiffsbau zum Einsatz –, umso größer ist das Risiko, einer asbestbedingten Krebserkrankung anheimzufallen.

Arbeitsunterlagen früherer Gastarbeiter häufig nicht mehr verfügbar

Wie Burak Altun auf „TRT Deutsch“ schreibt, ist in der Zeit zwischen 2015 und 2030 mit den meisten Fällen des Ausbruchs asbestbedingter Berufskrankheiten zu rechnen. Im Zeitraum zwischen 1995 und 2012 wurde in weniger als der Hälfte von 143.488 Verdachtsfällen ein kausaler und adäquater Zusammenhang zwischen Berufstätigkeit und Erkrankung als bewiesen angesehen. Gleichzeitig starben im gleichen Zeitraum 26.000 Menschen an Krankheiten, die häufig mit Asbestbelastung in Verbindung stehen.

Es ist im Einzelfall für die Betroffenen schwer, über die Jahre hinweg einen unwiderlegbaren Beweis zu führen, dass eine Erkrankung darauf zurückzuführen sei, dass man Jahrzehnte zuvor Asbest ausgesetzt war. Es fehlen meist betriebliche Unterlagen, Akten sind vernichtet, Zeugen verstorben oder der Aufwand für medizinische und sonstige Gutachten ist zu hoch. Zudem gibt es auch nur wenige speziell auf solche Fälle spezialisierte Anwälte oder Beratungs- und Hilfestellen, die den Betroffenen zur Seite stehen könnten.

Viele Betroffene, bei denen die Erkrankung festgestellt wurde, wollen den – in Regelfall nicht mehr übermäßig langen – Zeitraum ihrer Rest-Lebenszeit nicht in einen zähen Rechtsstreit investieren. Auch deshalb fordern Vertreter von Einwandererverbänden vermehrt geeignete Maßnahmen und Gesetze, um Betroffene unbürokratisch in den Genuss einer Entschädigung kommen zu lassen.

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