Fernsehen ist eine gut geplante Show.Foto: iStock

„Zuschauerkoordination“: Wie ARD und ZDF sich die gewünschten Klatschhasen ins Publikum holen

Von 25. Dezember 2019 Aktualisiert: 15. Januar 2020 15:12
Polit-Talkshows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zeigen: Ganz Deutschland lehnt die Vorstellungen konservativer Politiker und Persönlichkeiten ab – was man auch an den Reaktionen des Saalpublikums erkenne. Ein Publizist zweifelt an dessen zufälliger Auswahl.

Wer Polit-Talkshows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen verfolgt, kann darin mehrere stetig wiederkehrende Muster erkennen: Zum einen ist von den im Regelfall zwischen vier und sechs Studiogästen meist einer ein eindeutig Konservativer – entweder ein AfD-Politiker oder eine Persönlichkeit aus dem vorpolitischen Raum.

Zum anderen wenden sich nicht nur alle übrigen Studiogäste und der Moderator gegen ihn, sondern auch das Saalpublikum, durch Totenstille oder Missfallensbekundungen zu dessen Beiträgen und tosenden, frenetischen Applaus zu Kontern vonseiten seiner Gegner.

Reitschuster wies bereits zuvor Voraufzeichnung und Schnitte nach

Die psychologische Botschaft, die davon ausgeht, ist klar: Die konservative Position sei mitnichten nur bei deutschen Journalisten, die „Haltung“ offenbaren, disqualifiziert, sie habe auch die gesamte deutsche Bevölkerung gegen sich.

Die Lanz-Sendung mit Ex-Verfassungsschutz-Chef Hans-Georg Maaßen am 17. Dezember, die diese Konstellation besonders deutlich zum Ausdruck gebracht, hat allerdings den Argwohn des bekannten Publizisten Boris Reitschuster geweckt. Er ist einigen Fragen rund um die Sendung auf den Grund gegangen.

Dabei hat er nicht nur eruiert, dass die Sendung voraufgezeichnet und in eigenwilliger Weise zusammengeschnitten worden sei. Nun hat Reitschuster auch Hinweise dahingehend gefunden, dass auch die Begeisterung des Saalpublikums für den „demokratischen Konsens“ und dessen spürbare Abneigung gegen konservative Positionen nicht von ungefähr kommen.

In einem Beitrag auf seinem persönlichen Blog verweist Reitschuster auf die ihm übermittelten Recherche-Ergebnisse eines Lesers, der sich der Frage angenommen hatte, wer eigentlich welche Zuschauer als Publikum in welche Sendung holt.

Im Fall von „Lanz“ etwa sei dies – neben einem Unternehmen, dessen Mitgründer der Moderator selbst ist – auch das Produktionsunternehmen „Fernsehmacher“. Zu den Angeboten, das dieses bietet, gehört unter anderem auch die „Zuschauerkoordination“.

Setzen von „zielgruppenspezifischen Merkmalen“

Was darunter zu verstehen ist, erläutert der Dienstleister wie folgt: „Zusätzlich zu den aus unserer umfassenden Datenbank stammenden Kunden generieren wir durch unsere geschulten Promotionteams Ihr formatspezifisches Publikum auf öffentlichen Veranstaltungen oder einfach ‚von der Straße‘. Der persönliche Kontakt steigert gezielt die Bekanntheit Ihres Formates und bindet die Zuschauer.“

Neben der persönlichen Ansprache durch Promotion-Teams besteht auch ein Callcenter, das sich mit Outbound-Marketing befasst. Über diese Form der Publikumsakquise schreiben die „Fernsehmacher“:

Wir haben die Möglichkeit, innerhalb kurzer Zeit Ihr Wunschpublikum aus unserer Datenbank (über 200 000 Kunden) zu generieren und in Ihr Studio einzuladen. Unser System ermöglicht das Setzen von zielgruppenspezifischen Merkmalen (u. a. Alter, Einzugsgebiet, …) für Ihr TV-Format. Wir erstellen in Abstimmung mit Ihnen Tickets, Einladungsschreiben und Anfahrtsskizzen und verschicken all dieses an die Zuschauer. Ferner wickeln wir die Bareinnahme oder die Vorab-Banküberweisungen von Ticketgeldern ab.“

Zuschauer werden „nach Ihren Prämissen platziert“

Zu guter Letzt überlässt das Eventmanagement-Unternehmen auch im Studio selbst nichts dem Zufall, sondern bietet auch „Hostessenkoordination & Garderobenservice“ an:

Die Zuschauer werden in minutiöser Abstimmung mit Ihrer Set-Aufnahmeleitung ins Studio begleitet und nach ihren Prämissen platziert.“

All dieser Aufwand, der nicht unentgeltlich vonstattengeht, lässt erahnen, dass bei der Auswahl des Zielpublikums bewusst nicht alles dem Zufall überlassen wird, meint Boris Reitschuster. Vor allem das „Generieren“ von „Wunschpublikum“ auf der Basis von „zielgruppenspezifischen Merkmalen“ sollte die Alarmglocken schrillen lassen:

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„Man braucht nicht viel Fantasie, um sich unter den drei Punkten, die hinter den Beispielen für die möglichen ‚zielgruppenspezifischen Merkmale‘ stehen, allerlei vorzustellen. Und sich auszumalen, wie man das Publikum vorab zusammenstellen bzw. filtern kann nach passenden ‚Merkmalen‘, die vorab die richtigen Reaktionen garantieren.“

„Schweigespirale“ reloaded?

In der Psychologie sei bekannt, wie wichtig diese Reaktionen für die Meinungsbildung der Zuschauer seien. Bereits in den 1970er Jahren hatte Elisabeth Noelle-Neumann die These von der „Schweigespirale“ begründet.

Demnach hänge die Bereitschaft vieler Menschen, sich öffentlich zu ihrer Meinung zu bekennen, von der Einschätzung des Meinungsklimas ab. Widerspreche die eigene Meinung der als vorherrschend betrachteten Meinung, so gäbe es Hemmungen, sie zu äußern, und zwar umso stärker, je ausgeprägter der Gegensatz werde. Die Meinungsmacht der Massenmedien gründe sich nicht zuletzt auf die Erkenntnisse, die der Theorie zugrunde lägen.

Neben „Lanz“ geben die „Fernsehmacher“ auf ihrer Webseite auch NDR-Talkshows und solche auf Privatsendern als Referenzen an. Reitschuster erklärt, die Polit-Talksendungen nach dem Fund auf der Homepage der Lanz-Produktionsfirma „nochmal mit ganz neuen Augen“ zu sehen:

„Für diese Selbst-Entlarvung muss man den ‚Fernsehmachern‘ eigentlich dankbar sein. Sie erinnern anschaulich daran, dass uns im Fernsehen eine künstliche Realität vorgespiegelt wird. Leider recht erfolgreich.“

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