Bescheid zur Sozialversicherung.Foto: iStock

Bertelsmann-Studie warnt vor dramatisch steigenden Sozialversicherungsbeiträgen

Epoch Times18. November 2021 Aktualisiert: 18. November 2021 7:33

Ohne breit gefächerte Reformen würden die deutschen Sozialversicherungsbeiträge wegen der Alterung der Bevölkerung laut einer Analyse der Bertelsmann-Stiftung in weniger als 15 Jahren auf fast die Hälfte der Erwerbseinkommen steigen. Mit der nun beginnenden Verrentung der geburtsstarken Jahrgänge der sogenannten Babyboomer werde sich das Verhältnis von Beitragszahlern und Rentenbeziehern „drastisch“ verschlechtern, heißt es in einer am Donnerstag von der Stiftung in Gütersloh veröffentlichten Studie.

Ohne Reformen würden die Beitragssätze zur Sozialversicherung in Deutschland demnach von heute 39,8 Prozent der beitragspflichtigen Einkommen auf 47,9 Prozent im Jahr 2035 steigen. Kommen derzeit in etwa 35 Ruheständler und Ruheständlerinnen auf 100 Erwerbstätige, werden es dann bereits 48 sein. Dadurch droht laut Analyse auch ein Teufelskreis aus Arbeitslosigkeit und sinkenden Einnahmen für Sozialversicherungen und Staat. Grund sind die steigenden Abgaben.

Nach den Simulationsberechnungen des Bochumer Sozialpolitikexperten Martin Werding dürften höhere Abgaben zu steigenden Bruttolöhnen führen und die Arbeitskosten insgesamt erhöhen. Das wiederum birgt das Risiko, dass sich die Nachfrage nach Arbeitskräften trotz des zunehmenden Fachkräftemangels verringert und die Arbeitslosigkeit zunimmt. Demnach dürfte die Arbeitslosenquote binnen 15 Jahren auf acht Prozent steigen, aktuell sind es etwas mehr als fünf Prozent.

Die Folge wären sinkende Einnahmen für die Sozialversicherungen und negative Auswirkungen auf die öffentlichen Haushalte. Laut Analyse wäre dann auch an eine Verringerung der jüngst im Kampf gegen die Corona-Pandemie stark angestiegenen Staatsverschuldung nicht zu denken. Von heute 66,7 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts (BIP) dürfte sie bis 2035 auf voraussichtlich 71,5 Prozent steigen.

Bertelsmann-Wirtschaftsexperte Andreas Esche warnte angesichts der Ergebnisse der Untersuchung vor einer „gefährlichen Belastungsprobe für Staatsfinanzen und Sozialsysteme“ durch den demografischen Wandel. Erschwerend hinzu komme, dass die Veränderungen schleichend erfolgten und den Zeitdruck für notwendige Reformen „verschleiern“.

Abwenden ließe sich die Entwicklung nach Angaben der Stiftung nur durch ein Paket an breitgefächerten Reformen in der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik. Dazu zählen die „Steigerung von Beschäftigung und Wachstum“ durch verstärkte Zuwanderung und schnellere Integration von Fachkräften aus dem Ausland sowie einen weiter erleichterter Zugang für Frauen zum Arbeitsmarkt. „Derzeit stecken Mütter zu oft in der Zweitverdienerinnenfalle, weil die Betreuungsmöglichkeiten für Kinder noch immer nicht ausreichen“, erklärte die Stiftung dazu.

Damit kombiniert werden sollte der Analyse zufolge unter anderem auch eine Anhebung des Renteneintrittsalters. Konkret empfiehlt die Stiftung, eine nach 2030 erwartete Steigerung der Lebenserwartung um ein Jahr aufzuteilen, wobei zwei Drittel des dadurch „gewonnenen Jahres“ der Arbeitszeit und ein Drittel dem Rentenbezug zugeschlagen werden sollten. Dadurch bliebe das Verhältnis insgesamt etwa gleich.

Zugleich ließe sich der Beitragssatz demnach so bei etwa 24 Prozent stabilisieren, während das Rentenniveau bis nach 2060 bei über 45 Prozent gehalten werden könnte. Die Renten wären dabei laut Analyse bei „stabiler und positiver Entwicklung der gesamtwirtschaftlichen Produktivität“ absolut gesehen außerdem „deutlich höher“ als heute.

Dagegen sei der Status quo im deutschen Rentensystem, der das Rentenniveau bis 2025 auf mindestens 48 Prozent festlegt und den Beitragssatz zugleich bei maximal 20 Prozent deckelt, „nicht nachhaltig“. Bliebe diese Regelung dauerhaft in Kraft, müsste der Bund für massive Fehlbeträge in der gesetzlichen Rentenversicherung einstehen, erklärte die Stiftung. Bis 2035 wären dafür jährlich rund fünf Prozent des BIP oder knapp 181 Milliarden Euro einzuplanen. (afp)



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