Eine reife Mohnkapsel wird geprüft.Foto: Getty Images

Erhöhte Morphingehalte in Mohnsamen

Von 21. Februar 2006 Aktualisiert: 16. Juni 2020 12:41
Gesundheitsrisiko nicht ausgeschlossen

Mohnsamen haben einen typischen Geschmack und sind reich an Fett und Protein. Deshalb werden sie gerne für Brot, Brötchen und Kuchen verwendet oder zur Gewinnung von Speiseöl genutzt. Obwohl der Samen vom Schlafmohn stammt, aus dem auch pharmazeutisch wirksame Alkaloide wie Morphin oder Codein gewonnen werden, enthält der Speisemohn naturgemäß nur Spuren dieser Stoffe. Analysen belegen aber, dass die Morphingehalte von Speisemohn stark variieren und in letzter Zeit offensichtlich angestiegen sind. Mohnsorte, Erntezeitpunkt und geografische Herkunft können die Alkaloidmengen beeinflussen. Hauptursache für deutlich erhöhte Werte dürften aber Verunreinigungen durch alkaloidhaltige Bruchstücke von Samenkapseln oder Milchsaft bei der Gewinnung des Samens sein. In ungünstigen Fällen können damit über Lebensmittel Morphinmengen aufgenommen werden, die im therapeutischen Bereich liegen. „Im schlimmsten Fall kann es bei solchen Dosen zu Bewusstseinsbeeinträchtigungen, Atemdepression und Herzkreislaufeffekten kommen“, warnt BfR-Präsident Professor Dr. Dr. Andreas Hensel. Um dieses Risiko für den Verbraucher auszuschließen, hat das BfR im Auftrag des Verbraucherschutzministeriums eine maximale tägliche Aufnahmemenge abgeleitet und einen Richtwert für Morphin in Mohnsamen empfohlen. Bis die Hersteller die Morphingehalte erfolgreich reduziert haben, rät das Institut Verbrauchern vom übermäßigen Verzehr stark mohnhaltiger Lebensmittel ab – besonders während der Schwangerschaft.

Der Schlafmohn Papaver somniferum ist eine traditionelle Arzneipflanze: Aus dem getrockneten Milchsaft der unreifen Samenkapseln werden Opium und seine Alkaloide gewonnen. Zu den bekanntesten Opiumalkaloiden zählen Morphin und Codein. Morphin wird therapeutisch hauptsächlich zur Behandlung starker Schmerzen eingesetzt. Zu den unerwünschten Wirkungen, die dabei auftreten können, gehören Übelkeit, Erbrechen, Benommenheit, Atemdepression und Herzkreislaufeffekte. Die individuelle Empfindlichkeit gegenüber der Substanz schwankt erheblich. In Tierversuchen hatte Morphin negative Auswirkungen auf die Entwicklung der Nachkommenschaft und die Fortpflanzung. Auch erbgutschädigende Effekte wurden beobachtet.

Neben der medizinischen Bedeutung des Schlafmohns spielt die Pflanze aber auch eine Rolle im Lebensmittelbereich. So werden die reifen Samen vor allem in Mohnkuchen verbacken, können aber auch in kleineren Mengen auf Brötchen und Bagels enthalten sein. Wegen des hohen Gehalts an Öl wird aus den Samen außerdem Speiseöl hergestellt. Zwar können auch die Samen Alkaloide enthalten, natürlicherweise kommen sie aber nur in Spuren vor. In Speisemohn dürfte Morphin deshalb eigentlich nur in kleinsten Mengen enthalten sein.

Untersuchungen zum Alkaloidgehalt von Speisemohn zeigen aber, dass die Mengen stark variieren und in den vergangenen Jahren insgesamt angestiegen sind. Sowohl die Mohnsorte als auch der Erntezeitpunkt und die geografische Herkunft könnten die Alkaloidgehalte beeinflussen. Die Hauptursache für den beobachteten Anstieg scheint aber in der Verunreinigung der Samen mit alkaloidhaltigen Kapselbruchstücken oder dem Milchsaft selbst zu liegen. Neu eingeführte Erntetechniken, bei denen die Kapseln gequetscht werden und der austretende Milchsaft die Samen kontaminieren könnte, werden als Grund diskutiert.

Im ungünstigen Fall können damit schon bei üblichem Verzehr mohnhaltiger Lebensmittel Morphinmengen aufgenommen werden, die im therapeutischen Bereich liegen und das gesamte Spektrum unerwünschter Wirkungen entfalten können. Dazu gehören zentralnervöse und periphere Wirkungen wie etwa Bewusstseinsbeeinträchtigungen, Atemstörungen und Herzkreislaufeffekte.

Dass derart hoch kontaminierte Mohnsamen gefährlich und nicht für Handel und Verzehr geeignet sind, ist offensichtlich. Schwieriger ist die gesundheitliche Beurteilung des Verzehrs von Mohnsamen mit niedrigen Morphinkonzentrationen unter vorsorgenden Aspekten. Um der Lebensmittelüberwachung hierfür ein Instrument an die Hand zu geben, hat das BfR eine „vorläufige maximale tägliche Aufnahmemenge“ für Morphin abgeleitet, die nicht überschritten werden sollte. Sie liegt bei 6,3 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag. Unter Berücksichtigung der geschätzten Verzehrsmengen resultiert daraus ein vorläufiger Richtwert für Mohnsamen von höchstens 4 Mikrogramm Morphin pro Gramm.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung fordert die Hersteller auf, größte Anstrengungen zu unternehmen, die Gehalte aller pharmakologisch aktiven Opiumalkaloide in Mohnsamen auf das technologisch erreichbare Mindestmaß zu senken. Solange dies nicht erreicht ist, sollten Verbraucher – und insbesondere Schwangere – den Verzehr von Lebensmitteln mit einem hohen Gehalt an Mohnsamen einschränken bzw. darauf verzichten. Dazu gehören vor allem Mohnkuchen, mohnsamenhaltige Desserts wie Mohnpielen und mit Mohnsamen bestreute Nudelgerichte wie Dampfnudeln.

Weitere Informationen des BfR zu diesem Thema finden Sie in einer ausführlichen Stellungnahme auf der Homepage des BfR http://www.bfr.bund.de unter dem Menüpunkt Lebensmittel/Lebensmittelsicherheit/Stoffliche Risiken.


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