Warum die Medien bei Occupy Wall Street versagen

Titelbild
Demonstranten von Occupy Wall Street sind schon seit dem seit dem 17. September im Zuccotti-Park.Foto: Amal Chen/The Epoch Times
Von 13. November 2011

Eines Nachts eilte ich zu einem erfahrenen Journalisten, einem Schriftsteller, von dem ich immer dachte, er zähle zu den Insidern.

Als ich ihm jedoch sagte, dass ich über Occupied Wall Street berichte, klinkte er sich aus und starrte mich ratlos an.

„Was wollen die?“, fragte er und wiederholte damit die Fragen, die auch TV-Experten und redaktionelle Kommentatoren permanent stellen.

Er schien nicht zu wissen oder sich darum zu kümmern, wer „sie“ sind oder warum sie in Parks leben, um ihre Argumente vorzubringen.

Er und seine Kollegen meinen, zum Verständnis der Ereignisse sollte dies alles zuerst stichpunktartig in einer Pressemeldung veröffentlicht werden, worauf dann weitere Einzelheiten folgen könnten.

„Ich verstehe es nicht“, seufzte er.

Ich antwortete: „Es geht um die Bewegung Occupy Wall Street, die die Wall Street mit ihrer wirtschaftlichen Macht infrage stellt.“

Ein weiterer leerer Blick …

Es sieht so aus, als ob wir unsere Politik brauchen, damit wir uns nach einer planbaren Entwicklung richten. Sie wird von Gesetzgebern bestimmt, die uns vor den Kameras und in den Nachrichtensendungen mit markigen Parolen etwas vorspielen.

Weitgehende Ablehnung

Die Vorstellung von der weitgehenden Ablehnung eines völlig infrage gestellten Systems, in dem das große Geld und spezielle Interessen eine wichtige Rolle spielen, wird von einigen Leuten als eine Anomalie betrachtet, die in ein anderes Jahrhundert gehört.

Außerparlamentarische politische Bewegungen rechnen sich für diejenigen nicht, die die politische Diskussion auf Rituale wie Wahlen, traditionelle „Debatten“ und Zustimmung oder Ablehnung einzelner Gesetze reduzieren möchten.

In dieser Welt sollte Politik am besten Politikern überlassen werden, deren Bürger nur zuschauen, aber nicht handeln.

Dabei scheinen folgende drei Faktoren eine Rolle zu spielen:

1. Finanzthemen werden als exotisch behandelt, entziehen sich unserem Verständnis und werden möglichst auf der Rückseite der Wirtschaftsseiten erwähnt, wobei eine so obskure Sprache verwendet wird, dass die meisten Leser weiterblättern.

2. Die oberen Klassen, die von jetzt an das „eine Prozent“ genannt werden, und die Leute, die sich mit ihnen identifizieren oder sich kritiklos auf deren finanziellen Sachverstand verlassen, können keine Kritik verstehen, die deren Vorrechte und Macht infrage stellt. Sie benutzen Begriffe wie „undifferenziert“, um Demonstranten die Fähigkeit abzusprechen, ihre Ansprüche und Vorrechte infrage zu stellen.

3. Einige verstehen es nicht und wollen es auch nicht verstehen, weil es nicht in ihrem Interesse liegt. Sie setzen schamlos ihre Macht ein, um dem Gesetzgeber ihren Willen aufzuzwingen. Dabei achten sie darauf, dass Finanzreformen aufgeweicht oder aufgegeben werden, die eine größere Transparenz vorschreiben.

Beispiel: Gerade als Occupy Wall Street für ihre Kampagne gegen die Ungleichheit und zur Ablehnung großer Banken und Konzerne öffentliche Unterstützung erhält, macht sich die Obama-Regierung daran, Gesetze außer Kraft zu setzen, die die Rechenschaftspflicht von Konzernen gewährleisten.

Mike Taibbi erklärt in der Zeitschrift Rolling Stone, wie sich Washington zuletzt an die Wall Street anpasste ( ist doch erstaunlich, dass eine Musik-Zeitschrift diese Themen besser behandelt als unsere Finanzmedien).

Er schreibt: „Barack Obama drückt anscheinend seine Bereitwilligkeit aus, große Teile des US-Bundesgesetzes Sarbanes-Oxley zurückzunehmen, um dafür Unterstützung für sein Job-Programm zu erhalten. Die Wirtschaftsmanager scheuen sich davor, neue Arbeitsplätze zu schaffen, solange Obama an S-O festhält für alle Firmen, die auf weniger als eine Milliarde US-Dollar geschätzt werden.

„Diesen Schachzug kann man so verstehen: Firmen sagen, sie könnten keine Investoren anlocken, solange sie ihre Finanzdaten nicht vor Kapitalanlegern verbergen können. Deshalb möchten die Konzernschefs und unzählige andere in Obamas Jobs Council dafür sorgen, dass der politisch verwundbare Präsident ihnen die Erlaubnis gibt, die Bilanz zu verschleiern, als Gegenleistung für die Unterstützung seines Job-Programms.“

Aus der Pittsburgh Post-Gazette:

„Was Sie dabei sind, zu tun ist, mehr Betrug zuzulassen. Die größten Verlierer sind dabei die Kapitalanleger“, sagte Jeff Klink, ein ehemaliger Bundesankläger, dessen Firma Gateway Center Kunden hilft, Schwindel zu verhindern und aufzudecken.

Massiver Betrug

Leider haben die Occupy Wall Street-Aktivisten, so wie der Rest des Landes, keinen Zugriff auf die beträchtlichen Dokumentationen, die den riesigen Betrug der Finanzindustrie belegen.

Als der ehemalige Bankenregulierer William Black, der den Betrug der Konzerne am meisten kritisiert und jetzt an der Universität der Juristischen Fakultät von Missouri in Kansas City arbeitet, am 25. Oktober Occupy Wall Street besuchte, wurde er von den meisten Menschen, die sich im Lager aufhielten, und von vielen Presseleuten, die mit dem Ausmaß der Verbrechen der Wall Street nicht vertraut sind, nicht erkannt.

Diese Verbrechen wirken sich gerade nicht auf grosse Kapitalanleger aus, treffen aber die Durchschnittsamerikaner hart. Sie schließen die zweitklassigen Hypotheken sowie Kreditkarten mit Wucherzinsen mit ein. Black schaute sich das Problem systematisch an.

Am selben Abend sprach er in einer Diskussionsrunde bei Occupy Wall Street vor einer aufmerksamen Menge. Es war einer der ersten Vorträge über Aspekte der Finanzkrise, die viele wirklich nicht kennen. Es ist wichtig, mehr Gespräche wie dieses mit Kritikern zu führen, die die Protestierenden sich darüber klar werden lassen, was es bedeutet, „undifferenziert“ zu sein.

In der nahen Zukunft werden noch mehr Experten wie Black im Park sprechen.

Vielleicht behauptet die Harvard-Professorin Elisabeth Warren, die eine Verbraucherschutzagentur vorschlug, deshalb, dass sie die intellektuellen Ideen hervorbrachte, die zur Occupy-Bewegung führten.

Samuel P. Jacobs von der amerikanischen Internet-Publikation Daily Beast berichtet, dass „viel vom intellektuellen Fundament“ für die Occupy Wall Street-Bewegung von ihr stamme. Sie spricht auch über ihr vorheriges Leben als Republikanerin und über die Herausforderungen, als Frau auf Wahlkampftour zu gehen – und sagt, sie sei kein „argloser Marxist“.

Ironischerweise trifft das auch auf viele im Zuccotti-Park zu, die scheinbar den Anarchismus bevorzugen. Doch zumindest kritisieren sie heftig die Einstellung beider Parteien und scheinen viel weitergehendere Reformen zu wollen als diejenigen, die von Warren vorgeschlagen werden.

Mitschuld der Medien

Vielleicht können deshalb selbst ernannte „Liberale“ wie Richard Cohen von der Washington Post keinerlei Zuneigung für Protestierende empfinden, die von der amerikanischen Israel Lobby-Gruppe American Israel Public Affairs Committee, kurz AIPAC, sehr hart kritisiert und als antisemitisch bezeichnet werden wegen eines Ereignisses, das zwei Menschen betraf. Doch äußert sich AIPAC nicht zu den Hunderttausenden von Israelis, die gegen die wirtschaftlichen Missstände in Israel selbst protestieren.

Aber wie FAIR bemerkt, setzt Cohen seine Kritik an den Protesten fort. Die Überschrift heißt: „Richard Cohen: OWS ist nicht antisemitisch, sondern nur unwissend, widerlich.“

Cohen schreibt: „Dieser Versuch des rechten Flügels, sowohl die Occupy Wall Street- Bewegung als auch die demokratische Partei, die sie zögernd unterstützt, in ein schlechtes Licht zu rücken, ist verwerflich. Es wurde jedoch dadurch möglich gemacht, weil niemand auf dieser Seite des Mondes genau weiß, was die Occupy Wall Street-Bewegung zu tun versucht.

„Sie kümmert sich jeden Tag nur darum hervorzuheben, was wir alle wissen – dass die Kerle von der Wall Street reich sind – und ihre Parolen deuten einen müden Sozialismus an, der mir ebenso abstossend ist wie der verbrecherische Kapitalismus, der die Hypothekenluftblase und die Verarmung von Millionen von Amerikanern bewirkte.“

Vor einigen Jahren war ich zusammen mit Richard auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Hier ist der intellektuelle Konzernspielplatz des „einen Prozents“ und ich erinnere mich an nichts, was er in dieser verrückten und scheußlichen Art über die gierigen Konzernchefs schrieb, die auf Kosten der Armen und des Mittelstands reich wurden.

Es wäre leicht, diese Heuchelei zu verurteilen, aber es ist noch schlimmer, weil die hohen Tiere der Medien klar daran scheiterten, ihre eigene Mitschuld am Misserfolg der Medien zu kritisieren, diesen „verbrecherischen Kapitalismus“ anzuprangern, als es von Nutzen gewesen sein könnte. Sie werden durch eine Bewegung bedroht, die öffentliche Unterstützung gewinnt, weil auch ihr eigener Elitejournalismus im Dienst des Status quo abgelehnt wird.

Der Nachrichtenkritiker Danny Schechter bloggt bei newsdissector.com. Sein Film Plunder und sein Buch Crime Of Our Time untersuchen Finanzverbrechen der Wall Street.

Artikel auf Englisch: Why the Media Fail at Covering Occupy Wall Street

 



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