Die Welt des Rupert Sheldrake – Teil 2

Von 2. März 2011 Aktualisiert: 2. März 2011 21:24

„In all diesen Traditionen stoßen wir früher oder später an die Grenze zwischen konzeptionellem Denken und der Anerkennung dieser Limits. Nur der Glaube, die Kontemplation, die Erleuchtung oder die Gnade Gottes kann sie uns überwinden lassen.“ – Dies schreibt Dr. Rupert Sheldrake in „Das Gedächtnis der Natur“. Wenn Wissenschaftler irgendwo auf der Welt in einem Labor versuchen, aus einer neuen chemischenVerbindung einen Kristall zu züchten, beschreiben sie oft, wie schwer diese Aufgabe werden kann. Sobald aber einem von ihnen die Züchtung gelungen ist, scheint sich der Erfolg bei seinen Kollegen, die auch an dieser Chemikalie arbeiten, ebenfalls rasch einzustellen. Folgendes wurde festgestellt: Je öfter eine bestimmte chemische Verbindung kristallisiert, desto einfacher und schneller gelingt diese Prozedur bei nachfolgenden Versuchen.

Dieses seltsame Phänomen, das in der Wissenschaft weltweit als die „Hypothese des bärtigen Chemikers auf Wanderschaft“ bekannt ist, ist für die heutigen Wissenschaftler eine der unbegreiflichsten Erscheinungen. Der Name ist von der vernünftigsten Erklärung für dieses Phänomen abgeleitet: Demnach könnten in dem Labor, in dem die erste Synthese gelang, mikroskopisch kleine Partikel des neu gezüchteten Kristalls in den Bart oder die Kleidung von Wissenschaftlern, die sich während eines Besuchs oder auf der Durchreise dort aufgehalten haben, geraten sein. Gelangen solche Mikropartikel in ein anderes Labor, in dem ebenfalls eine Zucht dieses Kristalls versucht wird, könnten sie dort als Kristallkeime schließlich zum ersehnten Erfolg des Experiments führen.

Aber diese Hypothese birgt eine Schwierigkeit: Was ist, wenn die Kristallisation im zweiten Labor direkt nach der im ersten Labor erfolgt? Wenn es kein „bärtiger Wissenschaftler“ schaffen konnte, so schnell von einem Ort zum anderen zu reisen? Eine andere ähnlich geniale Hypothese schlägt vor, dass die Partikel durch die Luft übertragen werden könnten. Kurzum, dieses Geschehen gleicht einem Wunder.

Laut Aussage von Rupert Sheldrake, dem umstrittenen Doktor für Biologie aus Cambridge bedarf es weder eines bärtigen Forschers noch eines Wunders, um diesen Prozess zu erklären. Für Sheldrake können dieses Phänomen und viele andere – die bis jetzt für die konventionelle Biologie unerklärbar scheinen – einfach erklärt werden, sobald wir uns mit dem Gebiet der „morphischen Felder“ vertraut gemacht haben.

Was sind morphische Felder? Schauen wir uns zunächst das Experiment mit den Makaken (einer Affenart) auf der japanischen Halbinsel Koshima an, das in den späten 50er-Jahren unter den Biologen für weltweites Aufsehen gesorgt hat: 1952 fütterte eine Gruppe Wissenschaftler die Affen mit Süßkartoffeln. Sie bemerkten, dass ein Weibchen namens Imo es sich angewöhnt hatte, die Kartoffeln im Bach zu waschen und waren überrascht zu sehen, wie schnell die anderen Affen diesen Trick lernten. In wenigen Jahren hatten alle Affen der gesamten Insel gelernt, mit Wasser den Schmutz und Sand von den Kartoffeln abzuwaschen. Später nahm dieses Phänomen spektakuläre Ausmaße an, als die Wissenschaftler beobachteten, dass innerhalb von sechs Jahren die Affen in ganz Japan (obwohl sie keinen Kontakt zu den Affen auf der Insel hatten) ebenfalls damit begannen, ihre Kartoffeln vor dem Essen zu waschen.

Für Sheldrake folgen das Verhalten der Affen auf Koshima und das – anscheinend nicht damit in Verbindung stehende – Phänomen der aufeinander folgenden Produktion neuer Kristalle in verschiedenen Labors ein und demselben Prinzip. Wenn jedes Ereignis, jede Aktion oder Erschaffung eine Art im Universum gespeicherte Erinnerung bildet oder verstärkt, könnte es Einfluss auf zukünftige Ereignisse unter ähnlichen Umständen haben. Das bedeutet, wenn es das erste Mal – ohne den Einfluss eines bereits vorhandenen morphischen Feldes im Universum – zu einer solchen Handlung eines Affen kam, entsprach diese Handlung beim zweiten Affen, der diese Handlung vollführte, bereits so etwas Ähnlichem wie einem „Instinkt“ dieser Spezies. Versuchten es dann weitere Affen, würde das entsprechende morphische Feld durch diese Tätigkeit des „Waschens von Kartoffeln“ wiederum verstärkt werden. Auf diese Weise könnte ein Affe, der keinen körperlichen Kontakt mit anderen Affen hatte, über dieses morphische Feld sein Verhalten mit dem seiner Artgenossen verbinden. Genauso ist es auch für eine chemische Verbindung, der zu einem bestimmten Zeitpunkt ein morphisches Feld fehlt, viel schwieriger zu kristallisieren als für eine, die bereits ein solches Feld entwickelt hat.

Mit anderen Worten erzeugt ein Verhalten irgendeines Elements im Universum – sei es ein Tier, eine Pflanze oder ein Mineral (wie bei den Kristallen beschrieben) – eine Art resonanzfähiges Gedächtnis, das auf Elemente derselben Art übertragbar ist. Je ähnlicher ein Element dem anderen ist (zum Beispiel zwei Tiere derselben Spezies), desto einfacher ist es für das morphische Feld, dass Informationen zwischen diesen Elementen übertragen werden. „Jedes Individuum beansprucht das kollektive Gedächtnis seiner Spezies und trägt dazu bei. Das bedeutet, dass sich neue Verhaltensmuster schneller ausbreiten können, als es ohne diesen ‚Gedächtnisspeicher‘ möglich wäre. Es beinhaltet auch folgendes: Wenn Ratten einer besonderen Rasse in Harvard einen neuen Trick lernen, dann werden Ratten derselben Rasse überall in der Welt – zum Beispiel in Edinburgh und Melbourne – diesen Trick viel schneller lernen“, schreibt Sheldrake in seinem Forschungsbericht „Morphische Felder und morphische Resonanz“.

In der Tat haben bei zahlreichen Gelegenheiten Experimente dieses Prinzip veranschaulicht. Ein Beispiel war der klassische Versuch von Dr. William McDougall, einem Psychologen, der um die Jahrhundertwende lebte. McDougall führte Messungen der Intelligenz von Nagetieren anhand ihres Orientierungsvermögens in einem Labyrinth durch. Die als „intelligent“ geführten Ratten paarten sich ausschließlich untereinander; ebenso war es bei den als „dumm“ geführten. Die dummen und die intelligenten Linien wurden getrennt und isoliert und die Experimente mehr als 50 Jahre lang weitergeführt – beginnend an der Universität Harvard und später in Schottland und Australien. Am Ende war das Resultat genauso überraschend wie bezeichnend. Zehn, zwanzig und mehr Generationen später konnten sich beide Linien schneller und schneller im Labyrinth orientieren, ohne vorher damit konfrontiert worden zu sein. Beide, die Dummen und die Intelligenten, waren in der Lage, den Test mehr als zehnmal schneller zu vollenden als die ursprünglichen Ratten. Bis heute gibt es keine andere Theorie als die der morphischen Felder, um die gewonnenen Ergebnisse zu interpretieren.

Wissenschaftlern scheint es schwerzufallen, das seltsame Verhalten der Ratten, der Affen in Japan und der simultanen Kristallisation neuer chemischer Verbindungen zu erklären, – Rupert Sheldrake jedoch nicht. Wahr oder falsch, Realität oder Fantasie, die holistischen Wissenschaften scheinen in einer Welt, in der die „wissenschaftliche Methode“ über das allgemeine Gedankengut regiert, noch lange nicht ihr volles Potenzial ausgeschöpft zu haben.

Rupert Sheldrake, geb. 1942, studierte Naturwissenschaften und Philosophie in Cambridge und Harvard. Er promovierte in Biochemie und war als Direktor für Biochemie und Zellbiologie am Clare College in Cambridge tätig.

Lesen Sie Teil 1 unter: Die Welt des Rupert Sheldrake – Teil 1

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