Gesamtansicht der Saint-Bélec-Platte von der Unterkante.
Gesamtansicht der Saint-Bélec-Platte von der Unterkante. Sammlung des Museums für Nationale Archäologie MAN 90 960.Foto: Mit freundlicher Genehmigung INRAP

Saint-Bélec-Platte: Archäologen (wieder-)entdecken eine der ältesten Karten Europas

Von 9. April 2021 Aktualisiert: 9. April 2021 7:42
Die verzierte Steinplatte von Saint-Bélec aus Leuhan (Bretagne, Westfrankreich) ist wahrscheinlich die älteste bekannte kartographische Darstellung eines Gebietes in Europa. Zu diesem Ergebnis kommen französische Archäologen nach der Wiederentdeckung und Untersuchung einer Jahrtausende alten Steinplatte.

Als Forscher vor Kurzem im Musée d’Archéologie nationale (MAN) die bronzezeitliche Saint-Bélec-Platte wiederentdeckten, standen diese erneut vor einem Tonnen-schweren Rätsel. Dabei ist ihre Antwort wortwörtlich in Stein gemeißelt. Genauer gesagt in eine zerbrochene Steinplatte aus der frühen Bronzezeit (2150 – 1600 v. Chr.).

In einer kürzlich veröffentlichten Studie legen Forscher des französischen Nationalen Instituts für präventive archäologische Forschung (INRAP), der Universität Bournemouth, dem Nationalen Zentrum für wissenschaftliche Forschung (CNRS) und der Universität der Westbretagne (UBO) dar, dass es sich bei der gravierten Steinplatte um eine der ältesten Karten Europas handeln könnte.

Die Saint-Bélec-Platte: Vergraben, gefunden, verloren und wiederentdeckt

1900 entdeckte der französische Prähistoriker Paul du Chatellier die Saint-Bélec-Platte während der Ausgrabung des Grabhügels Saint-Bélec 1. Verbaut in der Wand der Steinkiste des Hügelgrabes „entsorgten“ die Menschen am Ende der frühen Bronzezeit (ca. 1900 – 1640 v. Chr.) die bereits unvollständige Platte. Ihre gravierte Seite zeigte dabei ins Innere des Grabes.

Kurz nach der Bergung im selben Jahr brachte Chatellier die Platte ins Château de Kernuz (Departement Finistère), seinem Wohnsitz und Privatmuseum. Das MAN erwarb schließlich 1924 die bedeutende Sammlung Chatelliers inklusive der Saint-Bélec-Platte. Doch irgendwann ging das Wissen um die Existenz der Platte verloren. Erst mit ihrer Wiederentdeckung 2014 in einem Keller des Schlosses rückte sie erneut in den Fokus der Forschung.

Seit 2017 führten die Forscher nun aufwendige Dokumentationen und hochauflösende 3D-Vermessungen durch, um die Oberflächentopografie der Platte zu erfassen. Außerdem sollten die Struktur, die Bearbeitungstechnik und das Alter der Gravuren ermittelt werden.

Bilden die komplexen Zeichen eine prähistorische Karte?

Die Saint-Bélec-Platte besteht aus grau-blauem Schiefer lokaler Herkunft. Mit einer Länge von 2,20 Metern und einer Breite von 1,53 Metern wiegt die Platte etwa eine Tonne. In der Mitte befindet sich ein tief eingraviertes, trapezförmiges Motiv mit nach außen gebogenen Kanten. Zudem trägt es zwei Achsen: eine Horizontale, die die Platte von Kante zu Kante durchquert, sowie eine Vertikale, die aufgrund von Brüchen schwieriger zu erkennen ist.

Wie die Forscher in einer Pressemitteilung schreiben, scheint die Darstellung auf der Platte insgesamt in vier Viertel unterteilt zu sein. Diese zeigen weitere Zeichen wie runde und ovale Formen, gerade oder gebogene Linien, Quadrate, Kreise, Ovale und birnenförmige Motive. Zusammen bilden sie eine Reihe komplexer Muster.

Das Vorhandensein von sich wiederholenden Motiven, die durch ein Netz von Linien verbunden sind, gebe dieser Darstellung das Aussehen einer Karte, so die Forscher. Per Definition ist eine Karte ein „graphisches Zeichenmodell des oberflächennahen Bereichs der Erde oder eines Teils davon“. Zudem müssen Merkmale wie verkleinert, maßstäblich, vereinfacht und erläutert vorliegen.

„Es wurde viel über prähistorische kartographische Darstellungen gearbeitet. Wir gehen davon aus, dass wir eine Karte betrachten, wenn sich Motive wiederholen und durch Linien zu einem Netzwerk verbunden sind – in einem zusammenhängenden Ganzen“, erklärt Yvan Pailler, Archäologe bei INRAP. „Die Kriterien zur Erkennung einer Karte beziehungsweise einer kartographischen Darstellung sind gut erfüllt.“

Um ihre Hypothese zu bestätigen, verglichen die Forscher die Platte mit anderen ähnlichen Darstellungen aus der europäischen Vorgeschichte sowie aus der Ethnographie. Außerdem verglichen die Wissenschaftler die auf der Platte dargestellten Strukturen mit lokalen Landschaften. Ziel war es, herauszufinden, ob es sich dabei um einen realen Ort handelt.

Saint-Bélec-Platte könnte einen realen Ort darstellen

Mithilfe aufwendiger Methoden und Analysen zur Untersuchung der gravierten Oberfläche entdeckten die Forscher, dass es sich tatsächlich um die Darstellung einer realen Landschaft handeln könnte. So stellen die Forscher die These auf, dass es sich bei der Lokalität um den Fundort der Platte und seiner Umgebung handeln könnte.

Das dargestellte Territorium scheine sich demnach auf ein etwa 30 mal 21 Kilometer großes Gebiet in der Bretagne zu beziehen. Zudem sei es entlang des Flusslaufs des Odet ausgerichtet. Daneben enthält die „Karte“ die Hügelketten Coadri, Montagnes Noires und Landudal.

Weiterhin vermuten die Forscher, dass es sich bei dem trapezförmigen Motiv um das Zentrum des Territoriums handeln könnte. Die Forscher deuten es als ein umzäuntes Gebiet. Betrachtet man zudem die anderen Motive, könnte das Gebiet zwischen drei Flussquellen (des Odet, der Isole und dem Stêr Laër) gelegen haben.

Die Archäologen weisen jedoch auch daraufhin, dass es sich bei der Saint-Bélec-Platte wahrscheinlich um eine „Gedankenkarte“ handelt. Aus diesem Grund könnten einige der dargestellten Elemente überdimensioniert sein und ihre Position nicht unbedingt im richtigen Verhältnis zu den realen Entfernungen stehen.

Das völlige Fehlen von Verwitterungsspuren zeige indes, dass die Platte nicht lange Luft und Wetter ausgesetzt war. Dies spreche laut dem INRAP-Archäologen Clément Nicolas dafür, dass zwischen dem Zeitpunkt, an dem die Gravuren gemacht wurden, und dem Zeitpunkt, an dem die Platte vergraben wurde, eine sehr kurze Zeitspanne lag.

(Mit Material des Institut national de recherches archéologiques préventives (INRAP) und afp)


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