Was passierte mit Raoul Wallenberg?

Von 6. Juli 2009 Aktualisiert: 6. Juli 2009 10:15
Kanadier wollen Geheimnis um den mysteriösen Tod des Kriegshelden aus dem 2. Weltkrieg lüften.

Mit seinen einzigen Waffen Einfallsreichtum, einer naturgegebenen Autorität, klugem Verständnis des Feindes und am allermeisten mit unerschütterlichem Mut gelang es Raoul Wallenberg, während der letzten Monate des Zweiten Weltkriegs ungefähr 100.000 ungarische Juden vor den Gaskammern Hitlers zu retten.

Als Sohn einer prominenten schwedischen Familie von angesehenen Bankiers, Diplomaten und Politikern, ging Wallenberg auf Bitte des US-Kriegsflüchtlingsausschusses und der schwedischen Regierung im Juli 1944 als schwedischer Diplomat mit geheimem Auftrag nach Ungarn.

Am 17. Januar 1945 wurde Wallenberg von russischen Soldaten gefangen genommen, gerade sechs Monate nach Beginn seiner Mission. Danach verlor sich seine Spur.

In diesem Frühling jährt sich Wallenbergs Mission in Ungarn zum 65. Mal. Eine Gruppe von Kanadiern hat es sich zur Aufgabe gemacht, herauszufinden, was aus dem tapferen Schweden wurde. Die Gruppe hofft, dass das Geheimnis, das sein Verschwinden umgibt, bald aufgelöst wird.

Wallenbergs Mission bestand darin, so viele ungarische Juden wie nur möglich vor ihrer Ausrottung durch die Nazis zu bewahren. Als er nach Budapest kam, gab es dort nur noch 230.000 Juden; Adolf Eichmann, der so genannte Architekt des Holocausts, hatte bereits 400.000 in die Gaskammern geschickt.

Inmitten feindlichen Territoriums und direkt vor den Nasen der deutschen Soldaten verteilte Wallenberg falsche Pässe, die er für die Juden entworfen hatte, die sich in überfüllten Zügen oder zu Fuß auf  Todesmärschen von 200 Kilometern Länge befanden. Nach ihrer „Auslöse“ wurden sie dann in wartende internationale Lastwagen des Roten Kreuzes oder in Autos gepfercht, die mit den schwedischen Nationalfarben gekennzeichnet waren; mit diesen wurden sie zu sicheren Häusern gebracht.

„Er war ein großer Kriegsheld, und ich denke, zu wissen, was mit ihm geschah, würde helfen, die Erinnerung an das, was er tat, lebendig zu halten.“, sagt David Matas, ein in Winnipeg ansässiger internationaler Menschenrechtsrechtsanwalt und Wallenberg-Forscher.

„Das ist auch einfach eine Sache der Gerechtigkeit ihm gegenüber, ihn im Gedächtnis zu behalten. Ich denke, da er so viel getan hat, um so vielen Menschen zu helfen, sind wir es ihm und seiner Familie schuldig, alles in unserer Macht stehende zu tun, herauszufinden, was mit ihm geschah.“

Matas sagt, dass es eine „bunte Vielfalt von widerstreitenden Beweisketten“ gibt, die in die verschiedensten Richtungen weisen, dass er vielleicht erschossen, erstochen, vergiftet wurde, oder an einem Herzanfall starb.

Die russische Regierung wurde beschuldigt, sich gegenüber den Versuchen, herauszufinden, was mit Wallenberg nach seiner Festnahme und nachfolgender Haft im berüchtigten Gefängnis Lubyanka geschah, einer Hinhalte-Taktik zu bedienen. Direkt nach dem Krieg sagte die UDSSR, dass Wallenberg in Ungarn an den Folgen eines Auto-Unfalls gestorben sei, so Matas. 1957 hieß es, dass er 1947 an einem Herzanfall gestorben sei. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ließ Moskau verlauten, dass er 1947 ermordet wurde. Wie, wurde nicht bekannt gegeben. Seit Jahren jedoch kursieren zahlreiche Berichte von ehemaligen Gulag-Gefangenen, die Wallenberg nach 1947 in verschiedenen russischen Gefängnissen gesehen hätten, von ihm gehört oder mit ihm gesprochen hätten.

„Die Sowjetunion hat immer eine Position zu Wallenberg eingenommen. Die Schwierigkeit liegt in den wechselnden Positionen, denn die jeweils aktuelle Position widerspricht der vorhergehenden. Es ist eine fortwährende Verschiebung von einander widerstreitenden Positionen und für keine der bekannt gegebenen Versionen gibt es irgendwelche wirklichen Beweise“, sagt Matas.

Er verfasste 1998 einen Bericht über Wallenberg, der vom Auswärtigen Amt unter dem damaligen Außenminister Lloyd
Axworthy finanziert wurde.

„Fazit meines Berichts ist, dass die Antwort auf die Frage, was mit Wallenberg geschah, nicht bekannt ist, aber bekannt gemacht werden könnte“, sagt Matas. Er fand, dass die größte Schwierigkeit darin bestehe, dass es unabhängigen Forschern nicht möglich sei, auf geheime russische Archive zuzugreifen.

Doch das führende Ratsmitglied der russischen Botschaft in Ottawa, Vladimir Lapchin, wendet dagegen ein, dass alle existierenden Dokumente über Wallenberg den Forschern Anfang der 1990er Jahre zur Verfügung gestellt wurden. „Es gibt nichts Neues seitdem“, sagte er. „Es gibt nur Dokumente, die bestätigen, dass er im Gefängnis war und das ist alles. Ob er erschossen oder exekutiert wurde, darüber existieren keine Dokumente.“

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Er sagt, die Behauptungen einer Vertuschung durch Moskau seien grundlos. „Leute versuchen, die schwarze Katze in einem dunklen Zimmer zu finden, selbst wenn es keine schwarze Katze gibt.“

Wallenberg wurde zweimal für den Friedens-Nobelpreis nominiert und ist Ehrenbürger in vier Ländern, darunter Kanada und die Vereinigten Staaten. In zwölf Ländern stehen Denkmäler von ihm und in acht Ländern wurden Erinnerungsbriefmarken ausgegeben. Über ihn wurden zahlreiche Bücher geschrieben und Filme gedreht.

Kanada hat den 17. Januar, den Tag, als er verschwand, zum Raoul Wallenberg-Tag erklärt, und in mehreren kanadischen Städten sind Parks zu seinen Ehren nach ihm benannt woden. Es ist größtenteils Vera Gara, einer Bürgerin Ottawas, zu verdanken, dass in Ottawa ein Raoul Wallenberg-Park gebaut wurde. Gara, selbst eine Überlebende der Nazi-Todeslager, hat sich seit 1986 für das Wallenberg-„Projekt“ engagiert. Sie sagt, dass es neue und viel versprechende Hinweise gäbe, denen zurzeit nach gegangen wird.

Wallenberg-Forscher haben die ungarische Botschaft um Hilfe bei der Beschaffung von Informationen über drei Männer gebeten, von denen einer vor 1947 mit dem Helfer von Wallenberg eine Zelle im Lefortovo-Gefängnis teilte.

Die anderen zwei Männer gehörten zur ungarischen Widerstands-Bewegung, die direkten Kontakt mit Wallenberg hatte. Von allen Dreien weiß man, dass sie 1944 mit Wallenberg in Budapest zusammen gearbeitet  haben.

Der Konsulats-Beamte Imre

Helyes sagte in seiner Antwort, dass es „möglich ist“, dass das ungarische National-Archiv im Zusammenhang mit den drei Männern Material haben könnte, und bezogen auf den Erhalt von mehr Information „können Forscher im Archiv im Stande sein zu ermitteln, welche Informationsquellen dort bestehen können.“

Gara sieht das als ein positives Zeichen. „Ich bin sehr optimistisch,“ sagt sie. „Ich habe den Eindruck, dass etwas geschieht, und das muss jetzt auch sein. Ganz offen gesagt, muss das jetzt sein, weil es muss auch mal einen Schlusspunkt geben.“

An einem Essen im April zum Gedenken des Heldentums von Wallenberg übte der Wallenberg-Forscher und ehemalige kanadische Abgeordnete David Kilgour in seiner Rede Kritik an Ungarn, Schweden und den Vereinigten Staaten, dass sie nicht mehr tun, um herauszufinden, was aus dem Kriegshelden wurde.

Wenig Aufklärungsarbeit

Wallenberg und seine Mannschaft retteten mehr als ein Drittel aller durch den US-amerikanischen Kriegsflüchtlingsausschuss geretteten Juden, sagte er. „Bis zu seiner Festnahme war er der beste Mitarbeiter des Ausschusses. Und doch haben die danach folgenden US-amerikanischen Regierungen seit 1945 zur Aufklärung seines Verschwindens nur wenig mehr als Alibipolitik geboten.“
Kilgour sagte der Epoch Times, dass auch Kanada bei der Aufdeckung der Wahrheit über das Schicksal  von Wallenberg aktiver sein sollte, vor allem wegen des Vorfalls mit der  „St. Louis“, einem Schiff voll besetzt mit Juden, die vor dem Holocaust geflohen waren, und dem die Landung an kanadischen Küsten nicht gestattet wurde.  „Wir taten so wenig, um den Juden vor dem Krieg zu helfen, und das ist etwas, was wir tun sollten, um diese schreckliche Ungerechtigkeit [den Leuten an Bord der St Louis gegenüber wieder] wett zu machen.“

Wallenberg hatte an der Universität Michigan Architektur studiert, wo er für seine gute Laune, seine Energie und seinen „Anti-Snobismus“ bekannt war, so Kilgour.

Während der Ferien trampte er durch die Vereinigten Staaten, Mexiko und Kanada. Nach seiner Graduierung lebte er eine Zeit lang in Südafrika und dem Nahen Osten. Es war in Palästina (dem jetzigen Israel), wo Wallenberg, selbst ein Christ, zum ersten Mal Juden traf, die aus Hitler-Deutschland geflohen waren.

Kilgour hofft, dass das Mysterium um das Schicksal Wallenbergs gelöst wird, solange seine zwei Geschwister noch leben.

„Die Wahrheit wird an den Tag kommen. Es ist nur die Frage, ob sie noch vor dem Tod aller Geschwister von Wallenberg bekannt wird oder danach. Es wäre schön, wenn das jetzt und nicht erst in fünfundzwanzig Jahren geschähe.“

(Attila Kisbenedek/AFP/Getty Images)
(Attila Kisbenedek/AFP/Getty Images)

 

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