HOFFNUNG & VERZWEIFLUNG – das Universum ist heilig

Von 9. Juli 2012 Aktualisiert: 9. Juli 2012 9:28

 

Die Etymosophie-Kolumne von Roland R. Ropers erscheint wöchentlich exklusiv in der EPOCH TIMES Deutschland.

Unter Hoffnung verstehen wir landläufig eine zuversichtliche Erwartungshaltung. Hoffnung (engl.: hope) hat etymologisch mit hüpfen zu tun (mittelhochdeutsch: hoppen). Zuversicht hat mit sehen zu tun und wird im Englischen mit confidence übersetzt anstatt mit expectation (von lat.: spectare = sehen). Erwartung ist engl.: waiting for. Und schon befinden wir uns im Dschungel eines lingualen Chaos.

Das lateinische Verb für hoffen heißt: sperare, das entsprechende Substantiv: spes. Das Gegenteil davon, die Distanz von hoffen, ist im Lateinischen desparatio (engl.: despair); sinnvollerweise sollte die lateinische Sprache das Substantiv speratio anstelle von spes anbieten. Hiermit sei das noch nicht existierende Wort eingeführt.

Sperare und spirare, hoffen und atmen, sind eng miteinander verknüpft und nur durch eine minimale Vokalverschiebung voneinander zu unterscheiden. Das lateinische Verb despirare (vom Atmen Abstand nehmen) gibt es leider (inkonsequenterweise) nicht. Wir kennen lediglich inspirare und exspirare (ein- und ausatmen, Inspiration und Exspiration).

Der Mensch ist auf Hoffnung angelegt, auf den Atem Gottes, der immerwährend verfügbar ist. Die Verzweiflung ist die Abkehr, die Trennung von dem göttlichen Atemgeschehen. Und die Zuversicht, welcher der Engländer mit confidence bezeichnet (lat.: fides = Glaube, Vertrauen) ist der gemeinsam mit dem Urgrund, der Lebensquelle verbundene Vertrauenszustand.

Das Wort „Zweifel“ leitet sich vom althochdeutschen „zwifal“ ab und setzt sich aus zwei Begriffen zusammen, aus „zwei“ und dem althochdeutschen „faldan“ (falten; altisländisch „fel“). Dieses „zweigefaltet“ besagt demzufolge, dass etwas zwei Seiten, zwei Ansichten hat, dass das „Eins-Sein“ aufgehoben ist und damit seine Eindeutigkeit eingebüßt hat. Gebräuchlich sind heute noch die Begriffe: „einfältig“, „zwiefältig“, „dreifaltig“, „vielfältig“. Der Verlust der Eindeutigkeit eröffnet die Möglichkeit zu mehr- bzw. vieldeutigen Interpretationen. Eindeutigkeit vermittelt das Gefühl von Sicherheit, von nicht zu hinterfragender Gültigkeit, während im Freiraum unterschiedlicher Erklärungsmöglichkeiten Entscheidungen notwendig werden. Das Wesen des Menschen beruht auf der Freiheit, sich entscheiden zu können, auf der der Freiheit innewohnenden Notwendigkeit, sich entscheiden zu müssen. Das Dasein des Menschen besteht aus einer Aneinanderreihung von zu treffenden Entscheidungen. Diese Fähigkeit aber auch diese Bürde unterscheidet ihn von allen anderen Lebewesen.

Getrieben vom Bedürfnis nach Sicherheit sucht der Mensch den Schutz und die Aufgehobenheit in der Anonymität einer fragwürdig legitimierten Mehrheit. Dort, wo Freiheit nicht gelebt wird, entsteht notgedrungen Abhängigkeit. Eine gewisse Perfidie zeigt sich darin, dass die Systeme in unterschiedlich verführerischer Weise Freiheit, Schutz und Sicherheit zu vermitteln versuchen, dass sie dabei aber nicht das Wohl des Einzelnen im Auge haben, sondern Abhängigkeit, Gefolgschaft und nicht zuletzt den eigenen Vorteil. Dies ist eine Gefahr, die jedem System immanent ist, sei das System politisch, wirtschaftlich, kulturell oder religiös geprägt.

An der Quelle, im Seinsgrund ist ständig Hoffnung und Leben. Wer ursprünglich lebt, wird ständig von hoffen und atmen (sperare & spirare) genährt.

Der Weg bis zum tiefsten Wesensgrund mag über Strecken der Verzweiflung gehen, aber die Suche nach dem Leben lohnt sich.

Lao TseTao Te King“, Kapitel 29:

„Willst du die ganze Welt besitzen?
Glaubst du, dass du die Welt verbessern kannst?
Ich glaube nicht, dass das möglich ist.
Das Universum ist heilig, so wie es ist.
Du kannst es nicht besser machen.
Wenn du es versuchen würdest,
du würdest es zerstören.
Und wenn du versuchst,
es festzuhalten und zu besitzen,
dann wirst du es verlieren.
Denn:
Die einen führen, die anderen folgen.
Die einen atmen leicht, die anderen schwer.
Die einen sind stark, die anderen schwach.
Die einen zerstören, die anderen werden zerstört.
Darum vermeidet der Weise Übertreibung,
Überspanntheit und Überheblichkeit.“

 

{R:2} Der Religionsphilosoph Roland R. Ropers ist Autor und Herausgeber etlicher Bücher:

Was unsere Welt im Innersten zusammenhält: Hans-Peter Dürr im Gespräch mit bedeutenden Vordenkern, Philosophen und Wissenschaftlern von Roland R. Ropers und Thomas Arzt; 2012 im Scorpio Verlag

Eine Welt – Eine Menschheit – Eine Religion von Bede Griffiths und Roland R. Ropers

Gott, Mensch und Welt. Die Drei-Einheit der Wirklichkeit von Raimon Panikkar und Roland R. Ropers

Die Hochzeit von Ost und West: Hoffnung für die Menschheit von Bede Griffiths und Roland R. Ropers

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