In einem Einkaufszentrum in Managua in Nicaragua wählt ein Paar Blumen aus.Foto: Miguel Alvrez/AFP/Getty Images)

„Materieller Reichtum ist kein Garant für Glück“ – Eine andere Staatsführung

Von 4. März 2017 Aktualisiert: 5. März 2017 9:12
"Wie soll man glücklich sein, wenn die ganze Lebenszeit verplant ist? Alle sind in Eile, alle rennen. Wenn sie das dann merken, ist das Leben vorbei." Pepe Mujica war bekannt als der "ärmste Präsident" Lateinamerikas.

Pepe Mujica war bis 2015 Präsident von Uruguay. Er zählt zu den charismatischsten politischen Persönlichkeiten Lateinamerikas. Er lebt bescheiden und agierte unkonventionell, er kam mit zehn Prozent seines Präsidentengehaltes aus und spendete den Rest.

Über viele Jahre wurde er von Filmemachern begleitet, die ihn auf seinem Bauernhof besuchten, den er immer noch führt (er ist 81 Jahre alt). ARTE hat 2016 eine Dokumentation über ihn veröffentlicht, die seine Art der Staatsführung zeigt.

Pepe Mujica sagt im Video:

„Wie soll man glücklich sein, wenn die ganze Lebenszeit verplant ist? Alle sind in Eile, alle rennen. Wenn sie das dann merken, ist das Leben vorbei.

Wir werden von einer Kultur dominiert, die dem Kapitalismus dient. Alle müssen immer mehr verdienen, immer mehr anhäufen, um den Kapitalismus am Leben zu erhalten. Wir alle vergeuden unser Leben damit, Geld zu verdienen und es weiter auszugeben, verdienen und ausgeben und so die Wachstumsrate zu steigern. Aber das dient dem Kapitalismus und nicht dem menschlichen Glück.

In der Bibel steht, der glückliche Mensch besaß kein Hemd. Ich weiß nicht, wie er den Winter überlebt hat. Man muss das Ganze im metaphorischen Sinne verstehen: Materieller Reichtum ist kein Garant für Glück. Wir müssen lernen, bescheiden zu leben…

Glück kann man nicht kaufen. Es gibt keine Börse, an der Glück notiert ist. Stimmt’s? Es gibt keinen Markt für Glück.“

Oder wie Kurt Tucholsky in seinem Gedicht schon 1927 sagte:

‚Jedes Glück hat einen kleinen Stich.

Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten.

Daß einer alles hat:

das ist selten.‘

Das Ideal

Ja, das möchste:

Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,

vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße;

mit schöner Aussicht, ländlich-mondän,

vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn –

aber abends zum Kino hast dus nicht weit.

Das Ganze schlicht, voller Bescheidenheit:

Neun Zimmer – nein, doch lieber zehn!

Ein Dachgarten, wo die Eichen drauf stehn,

Radio, Zentralheizung, Vakuum,

eine Dienerschaft, gut gezogen und stumm,

eine süße Frau voller Rasse und Verve –

(und eine fürs Wochenend, zur Reserve) –

eine Bibliothek und drumherum

Einsamkeit und Hummelgesumm.

Im Stall: Zwei Ponies, vier Vollbluthengste,

acht Autos, Motorrad – alles lenkste

natürlich selber – das wär ja gelacht!

Und zwischendurch gehst du auf Hochwildjagd.

Ja, und das hab ich ganz vergessen:

Prima Küche – erstes Essen –

alte Weine aus schönem Pokal –

und egalweg bleibst du dünn wie ein Aal.

Und Geld. Und an Schmuck eine richtige Portion.

Und noch ne Million und noch ne Million.

Und Reisen. Und fröhliche Lebensbuntheit.

Und famose Kinder. Und ewige Gesundheit.

Ja, das möchste!

Aber, wie das so ist hienieden:

manchmal scheints so, als sei es beschieden

nur pöapö, das irdische Glück.

Immer fehlt dir irgendein Stück.

Hast du Geld, dann hast du nicht Käten;

hast du die Frau, dann fehln dir Moneten –

hast du die Geisha, dann stört dich der Fächer:

bald fehlt uns der Wein, bald fehlt uns der Becher.

Etwas ist immer.

Tröste dich.

Jedes Glück hat einen kleinen Stich.

Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten.

Daß einer alles hat:

das ist selten.

 


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