Medien-Hype um den Überforderungs-Mythos entzaubert

„Man treibt uns in die Überforderung, also geht es uns schlecht. Ich nenne dieses universale Erklärungsmodell den Überforderungs-Mythos. Es wird nicht wahrer, je öfter es uns von den Medien vorgebetet wird“, sagt Jugendpsychiater und Bestsellerautor Michael Winterhoff.
Titelbild
Von 16. Oktober 2015

Viele Menschen fühlen sich überfordert, alleingelassen, sind nervös und gehetzt – und resignieren! In dem aktuellen Buch „Mythos Überforderung – Was wir gewinnen, wenn wir uns erwachsen verhalten“ wird der verhängnisvolle Mechanismus der  Opferrolle von dem Jugendpsychiater und Bestsellerautor Michael Winterhoff gründlich entlarvt. Und wir erkennen, dass wir wieder Verantwortung für uns übernehmen und klare Entscheidungen treffen müssen und können.

Dr.med. Michael Winterhoff, geb. 3. Januar 1955, verheiratet, zwei Kinder, lebt und arbeitet in Bonn. In bislang drei Bestsellern analysiert er die schwer wiegenden Folgen veränderter Eltern-Kind-Beziehungen für die psychische Reifeentwicklung junger Menschen und bietet Wege aus den durch die Reifedefizite verursachten Beziehungsstörungen an. Seine ersten Bücher erreichten 2008 und 2009 zwischenzeitig Platz 1 und 2 der Spiegel-Bestseller-Listen. Der Bestseller „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ inzwischen in 27. Auflage.

In seinem neuen Buch vom „Mythos Überforderung“ schreibt er:

„Als Auslöser für das, was mit uns in Beruf, Partnerschaft und Familie passiert, gelten die gesellschaftlichen Bedingungen: Wir sind überlastet, erschöpft und fertig, weil unser Umfeld es von uns verlangt. Wir können uns nicht in Ruhe auf eine Aufgabe konzentrieren, sondern müssen auf vielen Hochzeiten gleichzeitig tanzen (Multitasking), uns werden keine Ruhepausen mehr zugestanden (ständige Erreichbarkeit), und das sollen wir noch unter enormem Zeitdruck bewältigen (ewige Hetze)."

"Überall, wo etwas schiefgeht, wird dieser Zusammenhang aus dem Hut gezaubert: Man treibt uns in die Überforderung, also geht es uns schlecht. Ich nenne dieses universale Erklärungsmodell den Überforderungs-Mythos. Es wird nicht wahrer, je öfter es uns von den Medien vorgebetet wird. Ich will es nicht hinnehmen, dass wir uns mit einer einfachen Erklärung zufriedengeben. Denn Selbstbetrug macht uns nicht gesund. Das Problem sind nicht die anderen – das Problem liegt in uns selbst.“

In 12 sehr spannenden Buchkapiteln öffnet der erfahrene Humanmediziner und Psychiater dem Leser die Augen und beschreibt anschaulich den Zustand einer Gesellschaft im Dauer-Online-Modus.

Im Kapitel 3 „Bitte erpress mich!“ geht es um die Abschaffung unserer Willenskraft und die Manipulation unseres Lebens durch andere. Erwachsen sein geht anders.

„…Einer der aktuellen Megatrends heißt: Do it yourself. DIY ist mehr, als einen Schal zu stricken. Es bedeutet, dass wir vieles selbst tun, was unseren Eltern bzw. Großeltern im Traum nicht eingefallen wäre. Die Ikone des DIY-Phänomens ist das IKEA-Möbel. Auch wenn manche Beziehung Gefahr lief auseinanderzubrechen, weil plötzlich die sechste Schraube nicht mehr aufzufinden war, hat das den Siegeszug der Selbstbaumöbel nicht bremsen können…

Vor ein, zwei Generationen begann der Megatrend DIY unseren analogen Alltag zu bestimmen. Zum Ende des 20. Jahrhunderts kam dann die digitale Revolution. Manager, Ärzte und Rechtsanwälte diktieren nicht mehr Sekretärinnen per Diktaphone die Korrespondenz, sondern die Kommunikation selbst – E-Mail sei Dank. An Universitäten tritt das selbstregulierte E-Learning per Video seinen Siegeszug an. Lernplattformen ermöglichen es uns, nachts um zwei Uhr ein Lernmodul aufzurufen und zu bearbeiten. Die Hörsäle leeren sich…

Alles geschieht auf Knopfdruck. Niemand muss mehr warten. Wir sind nicht an Öffnungszeiten gebunden. Die Welt scheint einfacher geworden zu sein. Das alles wird als große Freiheit wahrgenommen. Das Problem ist nur, dass wir Menschen so gestrickt sind, dass wir mit dieser Freiheit nicht viel anfangen können. Die Psyche macht da bei vielen ganz einfach nicht mit…

Fitness-Coach, Hochzeitsplaner, Ernährungsberater, Gesundheits-Coach, Lebensberater, Karriereberater, Hunde-Coach, Sex-Coach, Anlageberater, Kreativitäts-Coach. Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Die Überforderung im täglichen Leben weckt in vielen Menschen die Sehnsucht nach Fremdbestimmung. Einfach nicht mehr entscheiden zu müssen – ein Traum! Überforderte Menschen wollen an die Hand genommen werden. Nicht mehr entscheiden müssen. Wieder Kind sein…

Sich beraten und coachen zu lassen, ist teuer und aufwendig. Immer nur einzelne Bereiche des Lebens können so – mehr oder weniger nachhaltig – entschärft werden. Es gibt aber auch die Totalvariante, also das Abgeben von Entscheidungen ein für alle Mal. Dieses Verhalten hat einen Namen: Resignation…

Resignation ist das Abgleiten in die kurzfristig erlebte Schmerzlosigkeit. Der Selbstbetrug der Resignation geht so weit, dass sie sich wünschen, zu den alltäglichsten und auch zu den wichtigsten Dingen gezwungen, also erpresst zu werden. Es ist wie ein Domino-Effekt: Hat sie sich erst einmal in einer Persönlichkeit festgefressen, dann schwächt sie die Willens- und Antriebskraft des Betroffenen mehr und mehr…"

In dem Schlusskapitel 12 „Der Bergführer beschreibt Michael Winterhoff Wege zur dringend notwendigen Psychohygiene. Mit seiner Tochter und seinem Sohn, 26 und 23 Jahre alt, machte er eine Canyonig-Tour am Comer See, ein Abenteuer durch Wildwasserschluchten, das Mut und Vertrauen verlangt.

Der versierte Führer fordert Entscheidungen: „Entweder Du vertraust mir und springst, oder wir hocken hier noch fünf Stunden!“ Und der Familienvater und Psychotherapeut springt. „Habe ich mich in die Kinderposition begeben, weil ich mich und mein Leben einem Mann anvertraute, den ich gerade einmal ein paar Minuten kannte? Nein, denn ich habe ihm ja nicht blind vertraut, wie es ein Kind machen würde. Ich habe mich bewusst entschieden. Ich vertraute meiner Lebenserfahrung und meiner Intuition, die mir sagten, dass ich einen Mann vor mir hatte, der fähig war, hier und heute für mich zu sorgen…

Die Königsdisziplin des Erwachsenseins

„Nicht die Welt ist härter und fordernder geworden, sondern wir selbst sind schwächer geworden. Denn als Reaktion auf eine steigende Informationsflut haben wir uns in eine Kinderwelt zurückgezogen. Es braucht die Erwachsenenperspektive, um zu erkennen, was da mit uns geschieht: Ich bin es selbst, der mich überfordert. Ich allein muss besser für mich sorgen.“

In unserem „Sozial-Paradies“ Deutschland herrscht eine große diffuse Angst. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen haben sich verändert. Viel zu häufig wird mit den Nachwirkungen der 1968-er Jahre argumentiert. Das hat nur am Rande mit dem Zustand der derzeit feststellbaren psychischen Befindlichkeit zu tun.

Michael Winterhoff arbeitet und schreibt sehr authentisch. Wer keine eigenen Kinder großziehen musste, kann nicht gleichwertig qualifiziert mitreden. Beeindruckend für mich ist das Therapiekonzept in der Bonner Praxis der psychiatrischen Fachärzte Michael Winterhoff und Angelika Rischar, das man auf der Web-Page nachlesen kann.

Nach dem Studium der Humanmedizin ließ Michael Winterhoff sich 1988 in Bonn mit einer eigenen Praxis als Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie nieder. Als Sozialpsychiater hat er sich darüber hinaus im Bereich der Jugendhilfe einen Namen gemacht. Er ist Initiator eines Kinderheimes.

Michael Winterhoff

Mythos Überforderung

Was wir gewinnen, wenn wir uns erwachsen verhalten

Verlag: Gütersloher Verlagshaus

Gebundenes Buch mit Schutzumschlag,

256 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-579-06620-2
€ 19,99 [D] | € 20,60 [A] | CHF 26,90 * (* empf. VK-Preis)



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