Unterlassene Hilfeleistung: Warum wir lieber wegschauen, anstatt hinzusehen und zu handeln…

Von 3. Januar 2015 Aktualisiert: 3. Januar 2015 19:51
In Wien – so wurde jetzt  berichtet – starb ein Obdachloser in einem Bahnhofsfahrstuhl am 2. Weihnachtsfeiertag, obwohl mehrere Passanten ihn sehen konnten, aber achtlos über ihn hinweggestiegen waren. Stundenlang …

In Wien – so wurde jetzt  berichtet – starb ein Obdachloser in einem Bahnhofsfahrstuhl am 2. Weihnachtsfeiertag, obwohl mehrere Passanten ihn sehen konnten, aber achtlos über ihn hinweggestiegen waren. Stundenlang holte niemand Hilfe, obwohl es gefahrlos möglich gewesen wäre. Ein Problem, das es nicht nur in Wien gibt. Die Autorin Sandra Maxeiner erlebte ähnliche Situationen in New York.

New York, Fifth Avenue im Dezember: Eilig strömen Einwohner und Touristen in den frühen Morgenstunden zur nächsten Subway-Station, hetzen zur Arbeit oder zur nächsten Sehenswürdigkeit. Die Straßen Manhattans sind dicht befahren, immer wieder gehen einem die ohrenbetäubend lauten Sirenen der Polizeifahrzeuge oder Krankenwagen durch Mark und Bein.

Auf dem Weg zur St. Patrick’s Cathedral bemerke ich einen Mann am Straßenrand. Seinen Kopf hält er gesenkt. Alles, was ich von ihm wahrnehmen kann, ist verbrannte Haut. Sein Gesicht ist bis zur Unkenntlichkeit entstellt, Augen, Ohren und Lippen sind verbrannt, seine Hände so verstümmelt, dass er noch nicht einmal mehr die paar Cents greifen kann, die ihm hin und wieder in die Mütze geworfen werden, die er vor sich platziert hat. Ein Anblick, den ich nicht vergessen kann. Doch am meisten bewegt mich die Frage, warum die Mehrzahl der Passanten diesen Mann scheinbar nicht bemerkt und achtlos an ihm vorübergeht.

Wenig später bietet sich mir in der Subway von New York ein ähnliches Bild: Ich sehe einen Mann mit tief gebeugtem Rundrücken. Das Laufen fällt ihm schwer. Vermutlich leidet er an der Bechterew’schen Krankheit [Entzündlich-rheumatische Erkrankung, die zu einer Versteifung der Wirbelsäule führen kann].

Sein ungepflegtes Äußeres, seine hagere Gestalt, der zerschlissene Anorak und die gebrauchten Plastiktüten, die er mit sich führt, lassen darauf schließen, dass er „homeless“ ist. Der Mann geht auf eine der wenigen Sitzgelegenheiten zu, um auf die nächste U-Bahn zu warten. Ein Platz in der Mitte der Sitzbank ist frei. Als er sich schließlich umständlich setzt, stehen die Menschen rechter- und linkerhand wortlos auf. Wenig später fährt die U-Bahn ein. Nur langsam und beschwerlich erreicht er die geöffnete Tür des Wagens.

Warum wenden sich Menschen ab?

Keiner der Passanten würdigte die beiden hilfebedürftigen Obdachlosen eines Blickes – gerade so, als wären sie Aussätzige, die nicht in die schicke Hochglanzwelt der Weltmetropole New York passen. Niemand zeigte Mitgefühl, keiner half. Die Männer entsprachen ganz offensichtlich nicht dem Bild der offenen, freien Stadt, in der jeder willkommen und alles möglich ist, das die New Yorker so gern von ihr zeichnen. Einer Stadt, in der es jeder schaffen kann, weil sie jedem Chancen bietet, ganz egal welche Herkunft oder Hautfarbe er hat. Und doch scheint den Menschen hier bei aller Weltoffenheit und Toleranz eines abhanden gekommen zu sein: Das Gefühl für ihre Mitmenschen.

Die Hektik der Großstadt, in der viele jeden Tag ums Überleben kämpfen, lässt keinen Platz für Menschlichkeit. Man geht achtlos aneinander vorbei, ohne innere Beteiligung, hört nicht auf die leise innere Stimme, die einem sagt „Hey, da ist auch ein Mensch mit Gefühlen, einer der vielleicht deine Hilfe braucht“. Alle sind so sehr mit sich selbst und ihrem Streben nach Erfolg beschäftigt, mit den Gedanken an ihren Beruf, ihr Fortkommen und an die nächste Aufgabe, die sie auf dem Weg dorthin bewältigen müssen, dass der andere Mensch zwar gerade noch so wahrgenommen wird, aber nicht viel interessanter erscheint als ein achtlos weggeworfenes Kaugummipapier.

Und vielleicht sind all dies Symptome dafür, dass wir Stück für Stück unsere sozialen Fähigkeiten und unsere Begabung, die Gefühle unserer Mitmenschen zu verstehen und auf sie einzugehen, verlieren.

Der Verlust des Mitgefühls ist der Preis unserer zunehmenden Vereinzelung und Individualisierung, die dazu führen, dass sich jeder nur noch selbst der Nächste ist und sich ausschließlich um sich selbst kümmert und sorgt. Wir leben in einer Gesellschaft, in der für Mitgefühl kein Raum ist, in der der Einzelne immer stärker ins Zentrum rückt und das Erleben anderer Menschen zunehmend abstrakter wird, bis es ganz hinter den schattenhaften Gestalten der Großstadt verschwindet. Einer Gesellschaft, in der wir unsere Mitmenschen nur dann wahrnehmen, wenn sie unsere ureigenen persönlichen Interessen und Gefühle berühren.

Woher kommt das?

Doch warum schauen wir weg, wenn Menschen in Notsituationen geraten sind oder gehen achtlos an denen vorüber, denen Unglück widerfuhr? Warum reagieren wir mit Ignoranz und Abwendung anstatt mit Empathie und Mitgefühl? Sind wir eine Spezies von Wegsehern und Egoisten?

Ganz so einfach ist die Erklärung nicht, denn zunächst ist es wichtig, dass wir Menschen, die der Hilfe bedürfen, überhaupt erst einmal bemerken. Dazu gehört, achtsam durch die Welt zu gehen und andere Menschen wahrzunehmen. Wenn wir beispielsweise mit einem Kopfhörer laut Musik hören oder telefonieren, ist es wahrscheinlich, dass wir achtlos an ihnen vorrübergehen. Und noch etwas ist von entscheidender Bedeutung: Dass wir bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und sie nicht auf andere abzuwälzen – nach dem Motto: „Sollen die anderen doch was machen.“, „Irgendjemand wird sich schon darum kümmern.“ oder „Was geht es mich an?“. Voraussetzung für unser verantwortliches Handeln aber ist, dass wir Empathie, Einfühlungsvermögen und Mitgefühl empfinden.

Die Wurzel des Übels: Fehlende Empathie und Mitgefühl

Doch vermutlich ist es genau das, was uns am meisten fehlt. Wir haben das verloren, was uns menschlich macht. Untersuchungen haben zudem ergeben, dass unsere Hilfsbereitschaft sinkt, je mehr Menschen zugegen sind, die helfen könnten und je größer der Zeitdruck ist, unter dem wir stehen.

Je mehr Menschen helfen könnten, desto seltener schreitet der Einzelne ein

Ende der 60er Jahre führten die US-Psychologen John Darley und Bibb Latané Experimente zur Hilfsbereitschaft durch. Sie luden Probanden ein und spielten ihnen Tonbandaufnahmen vor, auf denen ein Mann einen epileptischen Anfall erleidet und dabei um Hilfe ruft. Die Psychologen wollten herausfinden, wie lange es dauert, bis die Probanden dem Opfer helfen oder ob sie überhaupt einschreiten. Dabei veränderten sie die Versuchsbedingungen. Die erste Probandengruppe glaubte, zu zweit zu sein. Die zweite Gruppe glaubte, sie wären zu dritt und die dritte, sie wären zu sechst. Das Ergebnis war ebenso eindeutig wie erschreckend: Je mehr Menschen anwesend waren und helfen konnten, umso seltener schritt der Einzelne ein. Wenn überhaupt geholfen wurde, dauerte es umso länger, je mehr Personen da waren. Allein die Annahme, dass  noch andere Menschen da seien, führte dazu, die Verantwortung abzugeben.

Je größer der Zeitdruck, desto geringer die Hilfsbereitschaft

Ein weiteres aufsehenerregendes Experiment führten John Darley und Daniel Batson wenige Jahre später durch. Sie luden 47 Theologiestudenten der Universität Princeton zu einer Studie ein. Die Studenten sollten dabei einen kurzen Vortrag vorbereiten – die einen zur Geschichte des barmherzigen Samariters aus der Bibel und die anderen zum Thema Karrierechancen für Theologen. Dabei sollten einige ihren Vortrag unter entspannten, normalen und einige unter stressigen Bedingungen und Zeitdruck halten. Der eigentliche Test jedoch begann erst später: Auf dem Weg zum Vortragsgebäude begegneten sie einem Mann, der jammerte und zusammengesunken und offensichtlich hilfebedürftig vor einem Hauseingang saß.

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Das Ergebnis der Studie überraschte: Die Studenten, die einen Vortrag über den barmherzigen Samariter halten sollten, halfen nicht etwa häufiger als die, mit dem Thema Berufschancen. Dagegen spielte der Zeitdruck eine entscheidende Rolle. Hatten es die Studenten eilig, halfen gerade einmal zehn Prozent. Ohne Zeitdruck waren es immerhin 45 Prozent, wenn sie viel Zeit hatten, sogar 63 Prozent. Die Psychologen folgerten aus ihren Ergebnissen, dass die Hilfsbereitschaft weniger von der inneren Einstellung der Studenten abhing, als vielmehr von äußeren Faktoren wie beispielsweise Zeitdruck.

Was zeigen uns diese Studien?

Die Studien zeigen, dass es auch die äußeren Bedingungen wie die ständige Zeitnot oder der Termindruck, unter dem Menschen in  einer Großstadt stehen, sind, die sie an hilfebedürftigen Menschen vorbeieilen lassen. Und vermutlich sagen sich einige von ihnen: Warum sollte ich helfen? Hier gibt es hunderte, tausende andere, die es tun könnten, warum also ich?

Mitgefühl verbessert unser Wohlbefinden

Besserung ist nur dann in Sicht, wenn wir verstehen, dass dazu ein tiefgreifender Bewusstseinswandel notwendig ist. Wir müssen begreifen, dass es auch uns stark macht, wenn wir uns gerade auch unter hektischen und stressigen Bedingungen die Zeit nehmen, innezuhalten, um uns selbst zu spüren und unsere Mitmenschen wahrzunehmen. Dabei sind Mitgefühl und Empathie wertvolle Güter, die es wiederzuentdecken gilt – auch oder gerade weil uns so manches Mal die eigenen egoistischen Ziele wesentlich wertvoller erscheinen. Denn Mitgefühl verbessert auch unser Wohlbefinden. Je empathischer wir auf andere Menschen eingehen, desto besser fühlen wir uns, und desto mehr sind andere Menschen bereit, uns zu unterstützen, wenn wir sie brauchen.

Der Artikel entstand unter Mitarbeit der Diplom-Psychologin Hedda Rühle.

Literatur: Sandra Maxeiner, Hedda Rühle (2015), 2. Aufl., Dr. Psych’s Psychopathologie, Klinische Psychologie und Psychotherapie. Die Nachschlagewerke mit der Lustformel, Band 1 und Band 2, Jerry Media Verlag

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