Wien: Skandal an Ballettschule der Staatsoper – Lehrer sollen Schüler gequält und missbraucht haben

Von 10. April 2019 Aktualisiert: 10. April 2019 15:16
Im Januar trennte sich die Ballettakademie der Wiener Staatsoper von einer Lehrerin nach Vorwürfen brutalen Umgangs mit Kindern, ein Lehrer soll einen Schüler sexuell belästigt haben. Der Kulturminister fordert vollständige Aufklärung, eine ehemalige Ballerina mahnt zur Besonnenheit.

Ein Skandal erschüttert eine der international bedeutsamsten Institutionen der österreichischen Kultur: Wie die „Kronen Zeitung“ berichtet, sollen Schülerinnen und Schüler der Ballettakademie der Wiener Staatsoper über Jahre hinweg systematisch physischen und psychischen Quälereien und in mindestens einem Fall sogar sexuellem Missbrauch ausgesetzt gewesen sein.

Treffen die Angaben einer Lehrerin gegenüber der Wiener Stadtzeitung „Falter“ zu, sollen sich in der altehrwürdigen Einrichtung, deren Wurzeln bis in die Zeit der „Theatral-Tanzschule“ von Kaiserin Maria Theresia zurückreichen, Szenen abgespielt haben, die man eher mit heutigen Castingwettbewerben für Topmodels assoziieren würde.

Mehrere Fälle von Bulimie und Anorexie

Kinder seien, so der „Falter“, zum „Opfer autoritärer, gewalttätiger und gefährlicher Unterrichtsmethoden geworden“. Demütigungen, Gewalt und Vernachlässigung internationaler Standards seien an der Tagesordnung gewesen. Die Rede ist von unzureichenden Vorkehrungen bezüglich der notfallmedizinischen Versorgung nach Unfällen und einem Fehlen psychologischer und ernährungswissenschaftlicher Beratungsangebote. Schülerinnen seien in zahlreichen Fällen an Bulimie oder Anorexie erkrankt.

„Im Grunde hätten wir diesen Laden sofort zusperren müssen“, soll ein anonymer Beamter der Kinder- und Jugendanwaltschaft dem Wochenmagazin anvertraut haben. Die Behörde bemühe sich mittlerweile „seit Monaten“ gemeinsam mit der Leitung der Einrichtung um eine „lückenlose Aufklärung“ und die Behebung von Mängeln, die bis dato im Zuge der Affäre zur Sprache gekommen waren.

Als erste Maßnahmen seien eine Ombudsstelle eingerichtet und eine bessere Schulung der Pädagogen vereinbart worden. Zudem soll es künftig auch Unterweisungen der Schüler im Fach „Body Awareness“ geben. Kulturminister Gernot Blümel hat die Einrichtung einer Sonderkommission angeordnet, um die Vorfälle aufzuklären.

Staatsoper will vollständige Aufklärung ermöglichen

Ins Rollen kam die Affäre offenbar, als sich die Schule im Januar von einer Lehrerin getrennt hatte, der Schülerinnen vorgeworfen hatten, sie habe diese getreten, blutig gekratzt und an den Haaren gerissen. Staatsoperndirektor Dominique Meyer äußerte sich „betroffen“ hinsichtlich der Vorwürfe und erklärte gegenüber dem „Falter“: „Das wollen wir nicht, und das dulden wir nicht.“

In einer Erklärung vonseiten der Staatsoper heißt es, Schüler, die entsprechende Erfahrungen hätten machen müssen, hätten „unser volles Mitgefühl“. Weiter heißt es:

Jegliche Form von Übergriffen, ob physischer oder psychischer Natur, Grobheiten, Respektlosigkeit und Missbrauch einer Machtposition, ist inakzeptabel.“

Außerdem übermittelte die Staatsoper am Dienstag, wie die „Krone“ weiter berichtet, eine Sachverhaltsdarstellung an die Staatsanwaltschaft, die es dieser ermöglichen soll, Vorwürfen nachzugehen, ein mittlerweile dienstfrei gestellter Lehrer solle einen Schüler der Einrichtung sexuell belästigt haben.

Die ehemalige Leiterin der Ballettakademie, Jolantha Seyfried, sprach dem „Falter“ zufolge von einer „Sklavenmentalität“, die sich an der Einrichtung Bahn gebrochen habe. Die Kinder seien „hier nur eine Ware, um die Oper zu bespielen“. Eine frühere Tanzlehrerin bemängelt „Erziehungsmethoden aus dem 19. Jahrhundert“, die dort geherrscht hätten.

„Dass sie besonders streng und von der alten Schule war, ist jetzt aber nicht neu“

Etwas differenzierter äußert sich Primaballerina Karina Sarkissova in einem Gespräch mit der „Krone“. „Du schwitzt jeden Tag, du weinst und hast Blut in den Schuhen“, schildert sie ihre eigenen Erfahrungen mit der Ausbildung. Die Grenze würden die Schüler jedoch selbst bestimmen. Die Fähigkeiten, Härten zu ertragen, sei unabdingbar, um Karriere auf diesem Gebiet machen zu können. Die langjährige aktive Balletttänzerin erklärt:

Dieser Beruf ist schwer anders auszuüben. Er verlangt Selbstaufgabe, die Bereitschaft für Härte und für negative Kritik. In Europa wird diese Härte aber anders interpretiert als zum Beispiel in Russland, wo es die Regel ist.“

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Den Vorwurf, Kinder seien „wie Ware behandelt“ worden, weist sie zurück:

Wenn man als Eltern sein Kind in diese Schule abgibt, wird es zum Produkt und zum Teil dessen, dass danach jeden Abend Tickets verkauft werden. Wenn Eltern danach erstaunt sind, dann haben sie sich das davor einfach nicht klargemacht, was alles abverlangt wird.“

Wer Ballett-Star werden wolle, müsse bestimmte unschöne Gegebenheiten in Kauf nehmen, statt Klagen einzubringen. Wenn es jedoch „wirklich zum Äußersten kam, ist es unentschuldbar“, erklärte Sarkissova.

Die Vorwürfe körperlicher Gewalt vonseiten der im Januar von der Schule entfernten Lehrerin seien ihr nicht bekannt gewesen, „dass sie besonders streng und von der alten Schule war, ist jetzt aber nicht neu“.