Sie hängen in Nischen, auf Wiesen oder quer über Waldwege: Spinnennetze. Morgentau macht diese Wunder vor der Haustür sichtbar. Ihre Baumeister sind klein, doch sie vollbringen Großes – und übertreffen mit ihren Fähigkeiten den Menschen.
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Morgentau macht oft unsichtbare Spinnennetze sichtbar, bis zur ersten Erschütterung, wenn die Wassertröpfchen abfallen.
Die scheinbar Unsichtbaren werden im herbstlichen Morgentau sichtbar. Nach winzigen Erschütterungen sind sie jedoch plötzlich für unsere Augen wieder verschwunden. Denn die herrlich glitzernden Wasserperlchen sind vom Netz gefallen. Dabei stellt sich die Frage: Sind Spinnennetze Kunstwerke oder technische Wunder? Oder beides?
Geheimnisvoll bauen kleine Tierchen im Verborgenen ihre Behausungen, die auch als Liebesnester, Beutefanggeräte und Beutespeicher dienen. Webspinnen (Araneae) sind die Baumeister dieser kleinen Wunder vor der Haustür. Nicht nur die Bauarten ihrer Netze faszinieren uns, sondern wir beneiden sie auch um deren Material. Dies wird in ihren Spinndrüsen hergestellt und ist hochelastisch. Spinnenseide ist dünner als menschliches Haar, hat aber eine vierfach höhere Belastbarkeit als Stahl.
Mit einem sehr geringen Gewicht, Wasserfestigkeit und großem Wasseraufnahmevermögen sowie Resistenz gegen Mikroorganismen ist sie ein Traummaterial für uns Menschen. Es ist sogar gut biologisch abbaubar. Dabei haben die Fäden je nach Funktion verschiedene Strukturen. Es gibt Material für Netzgrundgerüste, Sicherungs-, Klebe- und Abseilfäden sowie für Fäden zur Abgabe von Botenstoffen.
Spinnen können vielerlei Fäden spinnen: Neben Gerüst- und Klebefäden für den Netzbau gibt es Spezialfäden, unter anderem zum Abseilen, für Fortpflanzung und Brut sowie zum Fliegen und zur Kommunikation.
Foto: Undine Adler
Weibchen produzieren außerdem Fäden für Samentaschen zum Aufbewahren von Sperma sowie Kokonfäden für die Brutpflege. Im Kokon tragen sie ihre Eier bei sich, bis die Jungen schlüpfen. Jungspinnen stellen den sogenannten Altweibersommer her. Mit diesen Flugfäden können sie an einen anderen Ort „fliegen“, was auch Spinnenflug genannt wird.
Fäden zur Übertragung taktiler Informationen brauchen sie, um Feind, Beute und Geschlechtspartner voneinander zu unterscheiden. Wenn ein Männchen beispielsweise das artspezifische Ritual nicht einhält, erkennt das Weibchen es nicht als Sexualpartner und verspeist es als Feind.
Spinnen, Seide und die Medizin
Bei allen Webspinnenarten sind die Fadenproteine unterschiedlich aufgebaut. Dabei gibt es allein in Deutschland rund 1.000 verschiedene Arten. Und weil sich Spinnen nicht züchten lassen, versuchen Wissenschaftler seit Jahrzehnten, das Material synthetisch zu gewinnen.
Besonders für die Medizin interessant sind die beiden Eigenschaften, dass es bakterienresistent ist und vom menschlichen Immunsystem nicht als fremd erkannt wird. Erste Erfolge gibt es deshalb bei Verkleidungen von Implantaten, die dank der Spinnenseide nicht abgestoßen werden und keine Entzündungen verursachen. Auch wurden auf Spinnenseidengewebe schon Bindegewebs- und Blutzellen kultiviert.
2016 wurde ein Schuh aus Spinnenseide entwickelt und die Textilindustrie hat ebenfalls große Hoffnungen auf erfolgreiche Anwendungsgebiete. Leider sind die Hersteller dieses natürlichen Hochleistungsmaterials Ursache der häufigsten Angststörung in unserer Kultur, der Arachnophobie, die inzwischen gut zu therapieren ist. In anderen Kulturen werden Spinnen in der Nähe der Menschen toleriert, weil sie gute Insektenvertilger sind, als Delikatesse verspeist oder sogar als Gottheit verehrt.
Spinnennetze sind nicht immer rund. Sogenannte Baldachinnetze bestehen oft aus unregelmäßig verspannten Fäden zwischen den Halmen hoher Gräser.
Dr. med. dent. Undine Adler ist Zahnmedizinerin. Aus einer naturinteressierten Familie stammend, hat sie sich schon immer mit Themen der Natur befasst. Nach der langjährigen Führung ihrer Zahnarztpraxis arbeitet sie aktuell beim NABU Kreisverband Gera-Greiz in Thüringen. Ihr persönlicher Anspruch ist es, interessierten Menschen zum Staunen über Phänomene und Schönheiten der Natur zu verhelfen. Sie ist davon überzeugt, dass Wissen über andere Lebewesen sowie unsere Bewunderung von Zusammenhängen und Prozessen dabei helfen, behutsamer und überlegter mit ihnen umzugehen.