Ökonom Guido Hülsmann: Wie der Sozialstaat die zwischenmenschliche Empathie zerstört

Von 21. September 2018 Aktualisiert: 21. September 2018 11:08
In einem Interview mit der „Wirtschaftswoche“ übt Ökonom und Buchautor Guido Hülsmann scharfe Kritik an der dominanten Rolle des Staates im Bereich der sozialen Fürsorge. Während die Falschen davon profitierten, zerstöre die Bürokratie eine tatsächliche Kultur der Anteilnahme.

Der Sozialstaat gehört im heutigen Deutschland zu den Tabuthemen. Politische Debatten darüber drehen sich meist darum, wohin er noch ausgebaut werden könnte, bestenfalls darüber, wie er noch „treffsicherer“ werden könnte. Aber ob er tatsächlich überhaupt den Segen darstellt, den Politiker aller Parteien – selbst der AfD, die nächstes Jahr einen eigenen Parteitag zur Sozialpolitik abhalten wird – darin sehen, diese Frage stellen nur wenige.

Einer davon ist Guido Hülsmann, ein deutscher Ökonom, Autor, Professor an der Universität Angers und Senior Fellow am Ludwig von Mises Institute in Auburn, Alabama. Demnächst wird er ein weiteres Buch auf den Markt bringen, das sich mit der „Ökonomie der Unentgeltlichkeit“ befasst. Das unentgeltliche Gewähren von Leistungen ist nach der Überzeugung des Autors zu jeder Zeit ein wichtiger Teil menschlichen Handelns und Wirtschaftens gewesen. Der Wohlfahrtsstaat hingegen kultiviere eine Illusion der Unentgeltlichkeit, die positive externe Effekte freiwilligen menschlichen Handelns minimiere.

Im Interview mit der „Wirtschaftswoche“ verweist Hülsmann diesbezüglich auf die Enzyklika „Caritas in Veritate“ von Papst Benedikt XVI. aus dem Jahr 2009. Auch dieser beschreibt das Prinzip der Unentgeltlichkeit eine anthropologische Konstante. Alle Menschen seien abhängig von Gütern, die ihnen unentgeltlich zukommen. „Damit meinte Benedikt in erster Linie spirituelle Güter wie die göttliche Liebe und die göttliche Gnade. Aber auch in der weltlichen und ökonomischen Dimension spielt die Unentgeltlichkeit von Gütern eine große Rolle, und diese Rolle sollte nach Benedikt durchaus noch wachsen.“

Ungewollte Nebeneffekte staatlicher Bürokratie sind schlimmer als die des Marktes

Hülsmann unterscheidet bezüglich der unentgeltlich angebotenen Güter diejenigen, die absichtlich zu solchen gemacht werden, wie Geschenke oder Spenden, und die Nebenwirkungen menschlichen Handelns. Diese können positiv oder negativ sein. An diesen setzen aber auch meist die Apologeten staatlich hergestellter „Verteilungsgerechtigkeit“ an:

„Spürt der Verursacher die Folgen seines Handelns nicht, glauben manche Ökonomen, der Markt habe versagt und fordern staatliche Eingriffe. Bei negativen Effekten werden zum Beispiel Steuern gefordert, um den Verursacher für die negativen Folgen seines Handels zu belasten. Bei positiven Effekten werden staatliche Subventionen gefordert, damit es zu einem höheren Angebot an erwünschten Gütern kommt.“

Dieser Ansatz führe jedoch vom Regen in die Traufe, denn er bedenkt nicht die im Regelfall noch wesentlich gravierenderen Nebeneffekte staatlichen Handelns:

„Subventionen erzeugen eine Anspruchshaltung. Subventioniert der Staat Menschen etwa für die Pflege ihres Gartens, weil ein gepflegter Garten optisch und ökologisch auch der gesamten Nachbarschaft zugutekommt, wird es bald niemanden mehr geben, der freiwillig und ohne Subventionen seinen Garten pflegt. Dazu kommt, dass der Staat die Subventionen durch Steuern finanziert. Die reduzieren die Einkommen der Menschen und ihre finanzielle Fähigkeit, ihre Gärten zu pflegen.“

Das Sparen sei ein weiteres Beispiel dafür, wie der Staat durch sein Eingreifen vernünftiges Handeln und gesunde Kreisläufe untergräbt. Zwar fehle gespartes Geld dem Wirtschaftskreislauf, aber dies halte auch die Güterpreise niedrig und die Kaufkraft aller Menschen höher.

Die Sparer erbringen also eine unentgeltliche Leistung, indem sie die Kaufkraft des Geldes erhöhen. Weitet die staatliche Zentralbank die Geldmenge nun aus, sinkt die Kaufkraft des Geldes wieder. Die Zentralbank macht die positiven externen Effekte des Sparens zunichte.“

Je mehr Steuern und Bürokratie, umso weniger Spenden

Zudem sei es ein Mythos, dass Patente und das Ausbleiben staatlicher Förderungen Forschung und Entwicklung behindern würden. Bereits jetzt gäbe es hoch dotierte Stiftungen, die Krankheiten erforschen und die Entwicklung von Medikamenten fördern würden. Auch im Bildungswesen zeigt sich ein ähnlicher Effekt. Hülsmann geht davon aus, dass diese privaten Einrichtungen und Stiftungen ihren finanziellen Einsatz sogar erhöhen würden, zöge sich der Staat zurück und eröffne ihnen dafür mehr Spielraum.

Mehr freier Markt und weniger staatliche Umverteilung haben beispielsweise dazu geführt, dass die USA eine deutlich stärker ausgeprägte Spendenkultur haben als Europa. Je höher die Steuerbelastung und die Staatsquote, umso niedriger ist die Spendenbereitschaft. Noch heute gehören die Amerikaner weltweit zu den freigiebigsten Spendern. Die Freigiebigkeit sei dabei keine systemwidrige Erscheinung, sondern eine Konsequenz des Kapitalismus. Ob die Spenden aus Altruismus oder aus Eigennutz gegeben würden – etwa um Kriminalität zu verhindern -, mache keinen wesentlichen Unterschied:

„Das Privateigentum als konstituierendes Merkmal des Kapitalismus ist die Voraussetzung dafür, dass ich Geschenke machen kann. Man kann nichts verschenken, wenn man kein Eigentum hat. Studien zeigen, dass bei steigendem Vermögen die Spendenbereitschaft zunimmt. Spenden sind nicht nur finanzielle Zuwendungen, sondern auch Zuwendungen in Form von Lebenszeit, die man anderen Menschen schenkt. Etwa indem man unentgeltlich Sportvereine leitet, Schachturniere organisiert oder alte Menschen betreut,“ so Hülsmann.

Der Sozialstaat gebe zwar das Gefühl größerer Sicherheit, indem die Mittel durch Zwangsabgaben aufgebracht würden und gewählte Volksvertreter die Kontrolle darüber hätten, wer in welcher Weise profitieren würde. De facto würden jedoch nicht die Armen überdurchschnittlich vom Sozialstaat profitieren, sondern die Mittelschichten – zu denen nicht zuletzt auch Angehörige des Beamtenapparats gehören, die ihn administrieren. Die Bürokratie verdränge die zwischenmenschliche Solidarität und lade Leute zur Ausbeutung des Sozialstaates ein, die dessen Leistungen gar nicht nötig hätten.

Hülsmann macht deutlich: „Die Arbeiter finanzieren mit ihren Steuern das kostenlose Studium der Mittelstandskinder. Das ist Umverteilung von Unten nach Oben. Der Sozialstaat ist in Wahrheit unsozial. Er entfremdet die Menschen voneinander und untergräbt die Solidarität.“

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Wohlfahrtsstaat hat gewachsene Kultur der Hilfsbereitschaft untergraben

Im Unterschied zu Wohltätern, zu denen ein persönliches Abhängigkeitsverhältnis besteht, knüpfe der Sozialstaat auch keine Erwartungen an die Begünstigten, zerstörerische Verhaltensweisen abzulegen und solche zu entwickeln, die es ihnen erlauben, eines Tages wieder auf eigenen Beinen zu stehen. Dies führe dazu, dass Begünstigte in jenen Verhaltensweisen verharren, die sie erst in ihre Situation gebracht hätte – auch wenn diese ihnen selbst und ihren Familien schadeten.

Insgesamt habe der Wohlfahrtsstaat, der in seiner heutigen Form erst seit den siebziger Jahren vorhanden wäre, eine zuvor ausgeprägte Kultur der Nachbarschaftshilfe und des ehrenamtlichen Engagements ersetzt. Je weiter sich der Sozialstaat ausbreite, umso weniger bleibe von dieser übrig.

Einmal mehr zeige sich, dass der Staat nicht Teil der Lösung, sondern Verstärker des Problems sei.

Hülsmann stellt fest: „Wir betreiben einen kulturellen Kapitalverzehr. Der Sozialstaat, der dem Eigennutz der Menschen entgegenwirken sollte, hat in Wahrheit die zwischenmenschliche Solidarität zerstört. Es ist wie so oft: Der staatliche Interventionismus schafft die Probleme, die er zu bekämpfen vorgibt.“