Das Klimaproblem kann nicht bis 2045 ausgesetzt werden, sagen Atomstromgegner. Wie notwenig ein Umdenken in allen Bereichen wäre und wie fortgeschritten die Umweltzerstörung inzwischen ist, zeigen auch Luftaufnahmen. Hier die kahle Küste Spaniens. (Foto: AP)

SERIE: 15 Irrtümer über Atomkraft – Teil 10

Von 17. Mai 2006 Aktualisiert: 17. Mai 2006 12:37
Teil 10: Neue Reaktoren ohne Risiko? Die Mär vom günstigen und sicheren Atomstrom - Weder Kernfusion noch AKW der „Generation IV“ bringen realistische Lösungen für Energie- und Klimaproblem.

Es ist ein Irrtum zu glauben, es könne eine Atomkraftnutzung ohne Risiko geben. Und das Versprechen von billiger Energiegewinnung durch neue Atomtechnologie bleibt mindestens für die nächsten 50 Jahre eine leere aber ungemein teure Illusion.

Die Atom-Illusion: Kernfusion soll die Sonne auf die Erde holen

Atomkerne sollen verschmelzen und dabei ungeheure Mengen von Energie abgeben. (Bevorzugt wird derzeit über die Verschmelzung der Wasserstoffisotope Deuterium und Tritium geforscht) Eine Rohstoffknappheit könnte damit weitgehend ausgeschlossen werden. Ein GAU wie in herkömmlichen Kernspaltungsreaktoren ist nicht möglich – die Idee der Kernfusion bietet Stoff zum Träumen. Seit etwa 1960 wird an Kernfusionsreaktoren intensiv geforscht. Die grundlegenden nuklearen Reaktionen und deren Potenzial zur Energiefreisetzung sind durch die Entwicklung der Wasserstoffbombe bestens bekannt, jedoch verläuft dort die Reaktion unkontrolliert.

Die Fusionsversuche in aller Welt zeigen, dass die Bewältigung der kontrollierten Kernfusion derzeit unmöglich ist. Bisher ist es noch nicht gelungen, Kernfusionsreaktoren zu bauen, die dauerhaft mehr Energie liefern, als sie für die Fusion brauchen. In einer Fusionsanlage vom derzeit geplanten Typ ist eine Temperatur von rund 100 Millionen Grad erforderlich. Nach Ansicht der meisten Experten sind funktionierende Kernfusionsreaktoren frühestens in fünfzig Jahren zu erwarten. Der erste Versuchsreaktor, der mehr Energie erzeugen soll, als zum Aufbau des Fusionsplasmas benötigt wird, ist der ITER. Die Europäische Union, die USA, Japan, die Volksrepublik China, Russland, Indien und Südkorea gaben am 28. Juni 2005 nach langen Verhandlungen den Startschuss für den Bau dieser Versuchsanlage. Sie soll in Cadarache in Südfrankreich mit Kosten von insgesamt 9,6 Milliarden Euro aufgebaut und 20 Jahre lang betrieben werden.

In einer Technikfolgenabschätzung zur Kernfusion für den Deutschen Bundestag stellten die Sachverständigen fest: „In der fast 50-jährigen Geschichte der Fusionsforschung wurden die Schwierigkeiten für die Entwicklung eines Fusionskraftwerkes unterschätzt, so dass der Realisierungshorizont weiter in die Zukunft gerückt werden musste und quasi zu einem ‚Moving Target‘ wurde.“ Und die Einschätzung werde auch dadurch erschwert, da „die Qualität der von der Fusionsforschung angegebenen Zahlen angesichts von möglicherweise darin enthaltenen Wunschvorstellungen und der Unmöglichkeit, ‚unabhängiges‘ Know-how zu finden, nur sehr schwierig zu beurteilen ist.“

Sicherheits-Risiken der Kernfusion

Ein wesentlicher Unterschied zu Spaltungsreaktoren besteht darin, dass unkontrollierte nukleare Kettenreaktionen in Fusionskraftwerken naturgesetzlich nicht möglich sind. Doch katastrophale Unfallszenarien und Sicherheitsrisiken sind dennoch nicht auszuschließen:

Die hohe Energie der Neutronen und die hohe Neutronenflussdichte führen zu einer verstärkten Alterung der Materialien des Reaktors. Übliche Chrom-Nickel-Edelstähle sind auf Dauer nicht brauchbar, weil aus dem Nickelanteil große Mengen des relativ langlebigen und stark gammastrahlenden Kobalt-60 entstehen würden. Die Reaktorhülle muss in relativ kurzen Abständen ausgetauscht werden und als radioaktiver Müll gelagert werden. Das zur Kernfusion verwendete Tritium ist technisch schwer handhabbar, es kann im Normalbetrieb zur Freisetzung kommen. Die radioaktive Belastung läge dabei höher als bei den derzeitigen Kernspaltungsreaktoren. Bei der Zerstörung eines Fusionskraftwerks durch Krieg oder Terrorismus würde voraussichtlich radioaktives Tritium frei, der Auswirkungsradius ist derzeit schwer abschätzbar. Tritium wird auch in Atomwaffen eingesetzt, ein weltweit funktionierendes Kontrollsystem für Tritiumbestände existiert nicht. Es besteht daher das Risiko der Weiterverbreitung von Atomwaffen.

Weitere Argumente gegen Kernfusion

Ob eine kontrollierte Kernfusion zur Energiegewinnung jemals möglich sein wird, ist fraglich. Frühestens steht sie in einigen Jahrzehnten zur Verfügung. Bis dahin müssen Milliarden eingesetzt werden, die für die Forschung, Entwicklung und breite Anwendung erneuerbarer Energien und Energieeffizienzmaßnahmen fehlen. Kernfusion könnte sich als ein Milliardengrab erweisen.

Kernfusion kommt zu spät, um den Klimawandel zu stoppen.

Wir müssen jetzt handeln und erneuerbare Energien und Energieeffizienz fördern. Sollen dann im Jahr 2050 oder später Fusionskraftwerke eingesetzt werden, sind sie ungeeignet für das dann bestehende energiewirtschaftliche Umfeld: Denn bei einem hohen Anteil erneuerbarer Energien und einem intelligenten dezentralen Energiesystem sind riesige, unflexible Fusionskraftwerke fehl am Platz.

Fusionskraftwerke werden sehr kapitalintensive Großprojekte sein.

Wenn der gegenwärtige weltweite Trend zur Liberalisierung der Energiemärkte anhält, wäre die hohe Kapitalintensität ein gewichtiger Nachteil für Fusionskraftwerke, da lange Kapitalbindungen in einem liberalisierten Umfeld nicht vorteilhaft sind. Selbst die Befürworter der Kernfusion gehen davon aus, dass die Stromerzeugungskosten aus heutiger Sicht eher höher als bei konkurrierenden Technologien liegen werden: bei mindestens 5 Cent, sehr wahrscheinlich aber eher bei 20 Cent pro Kilowattstunde. Windkraft ist heute schon sehr viel billiger. Endlager für den radioaktiven Müll, der in großen Mengen anfallen wird, sind auch bei der Fusion nötig. Allerdings wird der Müll voraussichtlich nur einige hundert, nicht tausende von Jahren strahlen.

Neue Kernspaltungsreaktoren: die Generation IV

Absolut sichere Kernspaltungs-Reaktoren – Fachleute sprechen von „inhärent sichere Reaktoren“ – sind das neue Versprechen der Atomlobby. Unter dem Namen „Vierte Generation“ werden neue Reaktorkonzepte diskutiert, die darüber hinaus keinen langlebigen Strahlenmüll mehr produzieren und endlich tatsächlich wirtschaftlich sein sollen. Auch die Weiterverbreitung von waffenfähigem Material soll bei den Generation IV-Reaktoren nicht möglich sein.

Doch ein näherer Blick auf die neuen Reaktorkonzepte zeigt, dass sich alt Bekanntes dahinter versteckt: nämlich Schnelle Brüter und Wiederaufbereitung. Drei Versionen von Schnellen Brütern sind darunter, die wahlweise mit Natrium, Blei oder Helium gekühlt werden. Das jetzt wieder diskutierte Konzept der „Schnellen Brüter“, mit denen mehr Plutonium erzeugt werden soll als im Reaktor verbraucht wird, ist in der Vergangenheit technologisch gescheitert und wurde aufgrund massiver Unwirtschaftlichkeit fallen gelassen.

Befürworter preisen den so genannten „geschlossenen Brennstoffkreislauf“ als einen der herausragenden Vorzüge der Konzeption an. Dazu muss in der Wiederaufbereitung Plutonium aus dem abgebrannten Brennstoff separiert werden und das Plutonium anschließend als Kernbrennstoff verwendet werden. Damit steigt das Risiko, dass Plutonium – also waffenfähiges Material – aus dem angeblich geschlossenen Kreislauf abgezweigt wird. Die neuen Reaktoren sollen weltweit, auch in Entwicklungsländer, exportiert werden. Staaten mit dem Willen, die Atombombe zu entwickeln, haben damit leichten Zugang zur Atomtechnologie.

Wie die Erfahrungen von Sellafield und La Hague zeigen, kommt es durch Wiederaufbereitung zu starker radioaktiver Verseuchung der Umwelt. Gewaltige Summen müssten in neue Wiederaufbereitungsanlagen investiert werden. Eine Studie des Massachusetts Institute of Technlogy schätzt, dass die Kosten eines geschlossenen Systemsum das bis zu 4,5-fache über denen eines offenen Systems liegen würden.

Ins Leben gerufen wurde das Projekt „Generation IV“ bereits im Jahr 2000 von den USA. Die EU ist über EURATOM daran beteiligt. Zwei oder drei Reaktorkonzepte sollen in den nächsten 20 bis 30 Jahren so weit entwickelt werden, dass sie als Prototypen gebaut werden können. Allerdings schätzen Fachleute diesen Zeitraum als sehr optimistisch ein. Frankreich, einer der bedeutendsten Fürsprecher für die Generation IV, geht abweichend von der offiziellen Position, von einem kommerziellen Einsatz nicht vor 2045 aus.

Um zumindest die derzeit nicht gegebene Wirtschaftlichkeit der Atomkraft zu erzielen, sind unter anderem Reaktoren im Leistungsbereich von wenigen 100 Megawatt geplant. Die neuen Meiler sollen darüber hinaus um ein kerntechnisches Verfahren ergänzt werden, das sich Transmutation nennt: Langlebige radioaktive Stoffe sollen durch Neutronenbeschuss in kurzlebige umgewandelt werden. Nur noch wenige hundert Jahre solle der Müll dann noch strahlen. Kritiker wenden ein, dass diese Technik noch nicht einmal in der Theorie voll entwickelt ist. Die Praxistauglichkeit des Verfahrens ist höchst strittig. Denn allein der Energiebedarf des Umwandlungsprozesses könnte so groß sein, dass er die Umsetzung unmöglich macht.

Fazit:

Keines der Konzepte wartet mit einer realistischen Lösung auf, weder hinsichtlich der Energieversorgung der nächsten 50 Jahre, noch zur Frage des Transports nuklearer Stoffe, noch zur Gefahr von Terroranschlägen gegen Atomanlagen. Wie verhindert werden soll, dass waffenfähiges Material in die falschen Hände gelangt, bleibt ebenso offen. Die eigentliche Motivation liegt nahe: ein Versiegen der Atomforschungsmittel zu verhindern. Die Umsetzung realistischer Sicherheitsverbesserungen scheint zweitrangig.

Quelle:

Silva Herrmann, Energiereferentin GLOBAL 2000



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