SERIE: 15 Irrtümer über Atomkraft – Teil 7

Von 23. März 2006 Aktualisiert: 23. März 2006 12:54
Teil 7: Das Märchen vom atomstromfreien Österreich - Wasserkraft-Zertifikate als „grüne Mascherl“ für schmutzige Atomstrom-Geschäfte missbraucht.

Es ist ein Irrtum zu glauben, Österreich sei atomstromfrei, denn der Atomstromanteil im österreichischen Strommix liegt bei 20%. Mit dem Kauf dieses Stroms werden Atomkraftwerke in Europa von den StromkundInnen in Österreich mitfinanziert.

Im Jahr 2004 wurden in Österreich 64.739 Gigawattstunden (GWh) Strom erzeugt sowie 64.776 GWh (inklusive Pumpstrom für Speicherkraftwerke: 67.819 GWh) verbraucht. Allerdings wurde ein Vielfaches dieser Elektrizitätsmenge von österreichischen Unternehmen gehandelt, denn die so genannte Gesamtaufbringung an Strom betrug 2004 laut Geschäftsberichten der Stromerzeuger zusammen 168.500 GWh. Verrechnet man den zusätzlich gehandelten und nicht in Österreich erzeugten Strom mit der europäischen Stromzusammensetzung (UCTE-Mix enthielt 2004 32,6 % Atomstromanteil), so erhält man für die “Großen Zehn”, also für die neun Landesversorger und den Verbund, einen durchschnittlichen Atomstromanteil von rund 20 Prozent. Auf den Stromrechnungen finden sich aber – totz Stromkennzeichnung – diese Werte nicht wieder. Wie verschwindet dieser Atomstrom beinahe spurlos?

Strom- und Geldflüsse: zwei Paar Schuh

Strom nimmt, physikalisch gesehen, immer den Weg des geringsten Widerstands. StromkundInnen in Österreich, die in der Nähe eines grenznahen AKW leben, das mit Transithochspannungsleitungen und Umspannwerken mit dem österreichischen Stromnetz verbunden ist, beziehen physisch Atomstrom. Liegen aber Wasserkraftwerke oder Windkraftanlagen um den Wohnort, stammt ein hoher Anteil des Stroms in physikalischer Hinsicht aus diesen sauberen Energiequellen.

Ausschlaggebend für die Entwicklung der unterschiedlichen Energiequellen sind aber die Geldflüsse, die entweder den Betreibern von AKW oder den Betreibern von umweltfreundlichen Energieformen zukommen. Handeln österreichische Stromfirmen mit Atomstrom, dann wird auf diese Weise der Betrieb der Atomkraftwerke ermöglicht. Entscheidend ist also, wen und was die österreichischen StromkundInnen mit ihren Stromrechnungen finanzieren. Der Kauf von schmutzigem Strom verlängert die Laufzeit von AKW und macht den Neubau finanziell attraktiv.

Stromhandel

Als wichtiges neues Geschäftsfeld für Stromunternehmen entstand mit der Liberalisierung des Strommarkts der Stromhandel. Alle größeren Unternehmen der Branche legten sich eigene Stromhandelsabteilungen zu, gründeten Stromhandelsgesellschaften oder stiegen mit Partnern in den Stromhandel ein. Auch österreichische Stromfirmen handeln an den Strombörsen. Auf diesen wird der Strom zu großen Teilen nicht physisch gehandelt bzw. tatsächlich geliefert. Es handelt sich um rein virtuelle Börsen. Es werden so genannte „Futures“ vereinbart, die man sich als eine Art Wette über die künftige Entwicklung des Strompreises vorstellen kann: Je nach tatsächlicher Preisentwicklung profitiert dann bei Fälligkeit des Futures der Käufer oder der Verkäufer.

Das Beispiel der Energie AG macht das Ausmaß des Stromhandels für Österreich deutlich: Bereits heute wird an Strombörsen Strom für das Jahr 2008 möglichst billig gekauft. Wie dieser Strom zusammengesetzt ist, lässt sich heute nicht bestimmen.

Der Trick mit dem Zertifikatehandel

Bei der Stromerzeugung aus Erneuerbaren Energien werden Zertifikate ausgestellt, die nachweisen, dass eine bestimmte Strommenge in einem bestimmten Kraftwerk erzeugt wurde. RECS (Renewable Energy Certificate System) ist das Handelssystem, das die Idee des Zertifikathandels in die Praxis umsetzt. Ein RECS-Zertifikat ist ein Wertpapier, das für den identifizierbaren Nachweis der Erzeugung von 1 MWh Strom aus Erneuerbaren Energien steht und repräsentiert den ökologischen Mehrwert gegenüber nicht erneuerbaren Quellen. Das Zertifikat ist aber von der physischen Stromlieferung getrennt und kann frei gehandelt werden.

In Österreich ist die Regulierungsbehörde E-Control für die Überwachung der Stromkennzeichnung zuständig und handelt dabei auf Grundlage von Regelungen, die das Wirtschaftsministerium zu verantworten hat. Diese erlauben folgende Praxis: Aufgrund der Trennung von physischer Stromlieferung und Handelsgeschäften ist es möglich, dass ein österreichischer Stromversorger selbst oder über vorgelagerte Stromhandelsfirmen Strom mit einem hohen Atomstromanteil billig über die Börse kauft. Bei einem anderen Stromproduzenten kann derselbe Stromversorger für diese Menge Strom Wasserkraftzertifikate dazu kaufen. Mit diesen Zertifikaten wird dann der gekaufte Strom etikettiert und scheint auf der Stromrechnung als Wasserkraftstrom auf. Das ist ganz legal, obwohl die KundInnen getäuscht werden und diese mit ihrer Stromrechnung den Kauf von Atomstrom und somit den Betrieb von AKW finanzieren.

Die RECS-Datenbank belegt: 2004 wurden Zertifikate für 7,2 TWh – das sind rund 10 Prozent des Endverbrauchs – nach Österreich importiert. Diese stammten z.B. aus Finnland, Schweden und Spanien. Länder, in denen Wasserkraftproduzenten die Zertifikate nicht benötigen, da die Stromkennzeichnung noch nicht vollständig umgesetzt ist, und die durch den Verkauf von Zertifikaten verdienen. So kommt es zu dem Fall, dass z.B. die StromkundInnen in Schweden und in Österreich glauben, Wasserkraft zu beziehen.

Dass Zertifikate ohne dazugehörige Stromlieferungen in die Stromkennzeichnung einfließen, ist selbstverständlich auch nicht im Sinne der EU-Richtlinie 2003/54, die die verlässliche Angabe der Anteile der einzelnen Energiequellen am Gesamtenergieträgermix verlangt: „Stromhändler und sonstige Lieferanten, die in Österreich Endverbraucher beliefern, sind verpflichtet, auf ihrer Stromrechnung (Jahresabrechnung) für Endverbraucher den Anteil an verschiedenen Primärenergieträgern, auf Basis derer die von ihnen gelieferte elektrische Energie erzeugt wurde, auszuweisen.“ Die in Österreich derzeit praktizierte Umsetzung der Stromkennzeichnung ermöglicht aber eine skandalöse „Stromwäsche“. GLOBAL 2000 fordert Minister Bartenstein und die E-Control auf, nur noch Zertifikate in Verbindung mit tatsächlichen Stromlieferungen und aus Ländern anzuerkennen, die die EU-konforme Stromkennzeichnung umgesetzt haben. Für Lieferungen aus Strombörsen müssen die Stromfirmen zumindest den Atomstromanteil ausweisen, der dem durchschnittlichen Mix der europäischen Gesamterzeugung lt. UCTE (ohne Zertifikatehandel) entspricht. Nur so können StromkundInnen entscheiden, bei wem sie ihren Strom kaufen wollen.

Weitere Instrumente zur Stromwäsche

Der Zertifikatehandel stellt nur eines der Instrumente dar, mit denen Stromfirmen in Österreich legal und gesetzeskonform ihren Strom sauber waschen:

“Endkundenmix” statt “Händlermix”: 2002 machte eine neue EU Elektrizitätsbinnenmarkt-Richtlinie auch eine Änderung im österreichischen ElWOG erforderlich. Die englische Fassung spricht von der “contribution of each energy source to the overall fuel mix of the supplier”. Im ElWOG 2002 § 45 ist seither der “Händlermix” vorgeschrieben. Trotzdem erlaubt die EControl den Stromfirmen, nur jene Strommenge zu kennzeichnen, die an Endkunden in Österreich – also Kunden, die den Strom auch tatsächlich verbrauchen – geliefert wird. Damit wird die Möglichkeit geschaffen, schmutzigen Strom einfach wieder wegzuexportieren, bevor er auf der Stromrechnung aufscheinen würde. Das ist ein Vorteil für Firmen wie TIWAG oder Kelag, die mit einem Mehrfachen der Strommenge handeln, als sie an ihre österreichischen Kunden verkaufen. Atomstromdealer können so eine weiße Weste behalten. “Händlermix” im Kleingedruckten, „saubere Produkte“ großgeschrieben: So gut wie alle österreichischen Stromversorger nutzen die Möglichkeit, spezielle Produkte für das besonders sensible Marktsegment der Haushaltskunden zu kreieren. Während die von einem Stromhändler für Österreichische Endkunden insgesamt gekaufte Strommenge nur klein auf der Stromrechnung zu finden ist, werben die Stromfirmen mit den nur rechnerischen Stromprodukten offensiv. So kann beispielsweise der schmutzige Strom mit einem hohen Atomstromanteil und hohen CO2-Emissionen aus Kohle- und Gaskraftwerken fast vollständig an die Industrie- und Großkunden rechnerisch zugeteilt werden. Der verbleibende „saubere“ Rest enthält dann weniger CO2, einen hohen Wasserkraft- und einen hohen Ökostromanteil.

Silva Herrmann, Energiereferentin GLOBAL 2000

Informationen im WWW unter http://www.global2000.at/

Serien-Überblick

ROHSTOFF URAN  

  • Teil 1: Begrenzte Uranressourcen – die Lüge von der unendlichen Atomkraft
  • Teil 2: Uranabbau – Rohstoff mit Umweltfolgen
  • Teil 3: Uran – Waffenfähiges Material in Zeiten des Terrors  

 DIE TECHNOLOGIE    

  • Teil 4: Europas gefährlichste Reaktoren
  • Teil 5. AKW Temelin: Traurige Geschichte von 100 Unfällen
  • Teil 6: Milliarden Euro Steuergelder – Atomenergie kostet
  • Teil 7: Atomforschung kassiert – Erneuerbare bleiben auf der Strecke
  • Teil 8. Atomenergie kann das Weltklima nicht retten
  • Teil 9: Weltweite radioaktive Verseuchung
  • Teil 10: Atomstromimporte in atomfreie Staaten  

 ATOMMÜLL    

  • Teil 11: Atomare Verseuchung in Österreich: Damals und heute!
  • Teil 12: Atommüllager rund um Österreich und weltweit
  • Teil 13: Atommülltransporte und Wiederaufbereitung
  • Teil 14: Die größten Atomunfälle: Von Hiroshima bis Tschernobyl
  • Teil 15: Tschernobyl-Tag: Die Opfer der Tschernobylkatastrophe heute


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