Selbst die Gletscher des Himalayas schmelzen gefährlich schnell. Sie sind das Wasserreservoir für mehr als eine Milliarde Menschen in Asien.
Selbst die Gletscher des Himalayas schmelzen gefährlich schnell. Sie sind das Wasserreservoir für mehr als eine Milliarde Menschen in Asien.
Foto: Prakash Matema /AFP/Getty Images

Gespräch mit dem Klimaforscher Mojib Latif

Bringen wir das Klima aus dem Takt?

von Roland R. Ropers / Gastautor, Montag, 7. Januar 2013 07:00

 

Eine überraschende Wende nahm das Gespräch mit dem renommierten Klimaforscher Professor Dr. Mojib Latif zum Thema: Bringen wir das Klima aus dem Takt?

Der 1954 in Hamburg geborene Mojib Latif gehört zu den renommiertesten Klimaexperten und Ozeanographen unseres Landes. Gemeinsam mit zwei Brüdern und einer Schwester verbrachte er seine Kindheit in Hamburg, wo sein pakistanischer Vater und Iman im Jahr 1957 die Fazle-Omar-Moschee erbaute. Nach dem Abitur vier Semester Studium der Betriebswirtschaftslehre, ab 1976 Meteorologie-Studium mit Diplom-Abschluss. Diverse Auslandsaufenthalte an namhaften Instituten; 1987 Promotion in Hamburg im Fach „Ozeanographie“, bereits 1989 erfolgte die Habilitation. Zwischen 1983 und 2002 war Professor Latif zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter und dann als Privatdozent am Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie beschäftigt.

Seit 2003 ist er Professor am ehemaligen Institut für Meereskunde und heutigen Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel und lehrt an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel.

Seit 2007 ist er zudem Mitglied im Exzellenzcluster Ozean der Zukunft der Kieler Universität sowie Vorstandsmitglied des Deutschen Klima-Konsortiums e.V. (DKK). Bei verschiedenen deutschen Fernseh- und Hörfunksendern ist Mojib Latif ein häufiger Studiogast als Experte zum Thema Globale Erderwärmung („Klimawandel“). Er hat sechs deutschsprachige Bücher zum Thema Klimawandel verfasst, von denen einige auch in anderen Sprachen erschienen sind.

Vor dem Hintergrund der Überschwemmungskatastrophe in Pakistan und der Waldbrände in Russland im Jahr 2010 warnte Professor Latif, dies sei eine „Blaupause für das, womit wir uns in der Zukunft anfreunden müssen“. Der Klimawandel werde zu einer Häufung der Wetterextreme führen mit mehr Trockenheit einerseits und extremen Niederschlägen andererseits.

Für The EPOCH TIMES Deutschland sprach Roland R. Ropers mit Professor Dr. Mojib Latif.

Epoch Times: In der Geschichte der Menschheit hat es immer große Klimaveränderungen gegeben. 2007 erschien Ihr faszinierendes Buch: „Bringen wir das Klima aus dem Takt?“ Worin liegt die angebliche Dramatik in unserer Zeit?

Dr. Mojib Latif
Dr. Mojib Latif
Foto: M.L.

Mojib Latif: Wir denken nur an das Hier und Jetzt, nicht aber an die langfristigen Folgen unserer vielfältigen Aktivitäten. Wir sind dabei, das Klima zu verändern, indem wir große Mengen Treibhausgase in die Luft blasen, allen voran das Kohlendioxid (CO2). Wir wissen seit mehr als 100 Jahren, dass das zu einer globalen Erwärmung führen muss. Und diese ist bereits messbar. Infolge dessen schmilzt bereits das Eis der Erde und der Meeresspiegel steigt. Wir führen in gewisser Weise ein gewaltiges Experiment mit unserem Planeten aus.

Was der weitere Anstieg der Erdtemperatur im Detail bedeuten wird, wissen wir nicht genau. Die Klimamodelle sagen einen schnellen Anstieg des Meeresspiegels und eine weitere Zunahme von Wetterextremen vorher. Daneben gibt es viele andere Risiken. Auch wenn es Unsicherheiten hinsichtlich der zukünftigen Klimaentwicklung gibt, so gebietet es doch das Vorsorgeprinzip jetzt zu handeln. Wir sollten das Experiment nicht zu lange fortführen.

Epoch Times: Was haben die Klimakonferenzen der letzten Jahre bewirkt und welche Interessen verfolgen unsere Politiker?

Latif: Im Dezember 2012 ist die 18. Klimakonferenz in Katar ohne konkrete Ergebnisse zu Ende gegangen. Die internationale Klimapolitik ist unfähig, sich dem drohenden „gefährlichen“ Klimawandel entgegenzustellen. Der weltweite Ausstoß von CO2 beispielsweise ist seit 1990 um über 50 Prozent gestiegen. Es geht auf den Konferenzen nur um wirtschaftliche Interessen. Insbesondere die USA und China, mit einem gemeinsamen Anteil von über 40 Prozent an den gesamten CO2-Emissionen die beiden Hauptverursacher von CO2, blockieren sich gegenseitig.

Epoch Times: Welche gravierenden Fakten werden der Bevölkerung bewusst vorenthalten?

Latif: Bewusst oder unbewusst, das kann ich nicht beurteilen. China ist inzwischen der größte Emittent von CO2, aber nicht Hauptverantwortlicher des jetzt stattfinden Klimawandels. Weil das CO2 viele Jahrzehnte in der Luft verweilt, zählen nur die kumulativen Emissionen, d.h. die über viele Jahrzehnte aufsummierten Emissionen. Und da haben die USA und die anderen Industrieländer ganz klar die Nase vorn. Im Klartext: Das CO2, das wir heute in der Luft messen, stammt nur in geringem Maße von den Schwellen- und Entwicklungsländern. Und genau deswegen haben die Industrieländer die historische Verantwortung, beim Klimaschutz voranzugehen. Das betrifft insbesondere die USA mit einem Anteil von etwa einem Viertel an den kumulativen Emissionen seit Beginn der Industrialisierung. China hat nur einen Anteil von etwa 10 Prozent. Darüber hinaus produziert ein Land wie China sehr viel für die Industrieländer. Diese „grauen“ Emissionen werden aber China allein angerechnet, obwohl die Industrieländer sie verursachen. Die Industrieländer rechnen sich schön.

Epoch Times: Gibt es einfache Lösungen, die mit Sachverstand und Vernunft realisierbar wären?

Latif: Die Pläne gibt es schon seit vielen Jahren. So hat bereits die Enquete Emission des Deutschen Bundestages „Vorsorge zum Schutz der Erdatmosphäre“ im Jahr 1990 in ihrem Abschlussbericht den Weg national und international aufgezeigt. Bei uns in Deutschland sind zwei Dinge wichtig: Erstens die Steigerung der Ressourcen- und Energieeffizienz und zweites der zügige Ausbau der erneuerbaren Energien. Das wäre auch in ökonomischer Hinsicht sinnvoll, insbesondere wenn man die Zeit nach 2020 im Blick hat. Es ist abzusehen, dass sich konventionelle Energie in den kommenden Jahren wahrscheinlich massiv verteuern wird. Wir stellen heute die Weichen für bezahlbare Energie für alle Bevölkerungsschichten während der kommenden Jahrzehnte.

Epoch Times: Warum wird die gratis verfügbare Sonnenenergie nicht effizient und dezentral genutzt? Welche Lobbyinteressen werden begünstigt?

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Es stehen die kurzfristigen wirtschaftlichen Interessen gegen die langfristigen Interessen der Umwelt

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Latif: Es stehen die kurzfristigen wirtschaftlichen Interessen gegen die langfristigen Interessen der Umwelt. Gerade in den USA hat die Energiewirtschaft eine enorme Macht und verhindert, dass selbst ein Präsident Obama keine Maßnahmen zum Klimaschutz durchsetzen kann. Bei uns in Deutschland gibt es die Lobbyinteressen auch. Der Unterschied zu den USA ist aber der, dass es bei uns ein Bewusstsein in der Bevölkerung gibt. Die Menschen stehen den erneuerbaren Energien aufgeschlossen gegenüber. Wichtig ist jetzt, dass die Lasten gerecht verteilt werden. Es handelt sich bei der Energiewende um eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, und an der müssen sich alle Akteure beteiligen. Sonst wird die deutsche Energiewende an Akzeptanz in der Bevölkerung verlieren und schließlich scheitern.

Epoch Times: Ist die CO2-Belastung so bedeutsam für die Klimaentwicklung oder gibt es ganz andere Faktoren, von denen wir kaum etwas in den Medien erfahren?

Dr. Mojib Latif
Dr. Mojib Latif
Foto: M.L.

Latif: Nach allem was wir heute wissen, ist der Anstieg der Treibhausgase in der Atmosphäre hauptverantwortlich für die Erwärmung während des 20. Jahrhunderts. Dabei ist das CO2 das bei Weitem wichtigste Treibhausgas. Ohne den Anstieg der Treibhausgase können wir die Erwärmung nicht erklären. Aber nicht der gesamte Temperaturanstieg geht auf das Konto des Menschen. Das Klima schwankt ja von Haus, beispielsweise aufgrund seiner chaotischen Dynamik. Es ist aber Konsens, dass der Mensch für mindestens die Hälfte der Erderwärmung verantwortlich zeichnet.

Epoch Times: Wie beurteilen Sie den Handel mit den CO2-Zertifikaten?

Latif: Im Prinzip wäre das schon ein richtiger Ansatz, weil er marktwirtschaftlich ist. Niemand möchte schließlich eine Ökodiktatur. Die Zertifikate werden aber weitgehend kostenlos ausgegeben und der Preis ist zunehmend verfallen. So kann der Emissionshandel kaum Wirkung entfalten.

Epoch Times: Warum finden Experten Ihrer Wissens- und Erfahrungsqualität so wenig Gehör?

Latif: Wir haben die wahren Werte vergessen. Wir Menschen möchten glücklich sein. Glück hat aber nur wenig mit Konsum zu tun, zumindest in den Industrieländern. Glück hat vielmehr mit Liebe, mit Familie, mit Kindern, mit Freunden zu tun. Wir leben in einer Welt scheinbarer Glücksmomente. Und deswegen streben wir nach immer mehr Konsum. Wir müssen die Lebensqualität wieder mehr in den Vordergrund stellen. Ein Leben, ohne dass wir dauernd auf die Uhr blicken müssen. Die Umwelt bewahren. Uns wieder an der Schönheit der Natur erfreuen und sie nicht zerstören. Ein Baum ist kein störender Gegenstand, der gefällt gehört, sondern ein Wunder der Natur. Wir benötigen einen neuen Lebensentwurf, der von Nachhaltigkeit geprägt ist. Wenn wir das verinnerlichen, bedarf es keiner Experten mehr.

Das Gespräch führte Roland R. Ropers.

Ehrungen und Auszeichnungen für Professor Dr. Mojib Latif:

• 2000: Max-Planck-Preis für öffentliche Wissenschaft

• 2000: Sverdrup Gold Medaille der AMS (Amerikanische Meteorolo-gische Gesellschaft)

• 2002: Ehrenmitglied der Amerikanischen Meteorologischen Gesellschaft

• 2004: DUH-Umwelt-Medienpreis, Kategorie „Lebenswerk“ (der Deutschen Umwelthilfe)

• 2006: Norbert Gerbier–MUMM International Award (der WMO)

• 2007: Ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Hamburg

• 2012: ASLI's Choice Award (Mitverfasser, bestes Buch 2012 in den Feldern Meteorologie / Klimatologie / Atmosphärische Wissenschaften)

 



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