Foto: Matthias Rietschel/AP Photo
Andernach – Der Kohl im Schlossgraben von Andernach ist reif. Nun dürfen die Bürger ernten. Bereits im dritten Jahr sind rund 10.000 Quadratmeter der innerstädtischen Beete mit Obst und Gemüse bepflanzt. "Statt 'Betreten verboten' heißt es am Rhein zwischen Bonn und Koblenz auf öffentlichen Grünflächen 'Pflücken erlaubt'", sagt der Ökologe der Stadtverwaltung von Andernach, Lutz Kosack. "Die Scheu sich sein Mittagessen selbst zu ernten, hat inzwischen deutlich nachgelassen", ergänzt er.
Das Konzept "Urbane Landwirtschaft – Essbare Stadt Andernach" stieß anfangs auf Skepsis. Zwar leuchtete es den Politikern im Stadtrat ein, dass öffentliche Grünanlagen für alle da sind. Aber warum Tomaten statt Geranien? "Ich musste am Anfang viel Rede und Antwort stehen", erinnert sich Kosack. Vandalismus wurde befürchtet. "Stattdessen fühlen sich die Bürger heute für die Flächen viel mehr verantwortlich als früher, zerstört wird gar nichts und auch Müll wird nicht mehr zwischen den Pflanzen entsorgt", sagt Kosack.
Die Goldmedaille beim bundesweiten Wettbewerb "Entente Florale" - vormals "Unsere Stadt blüht auf" – im ersten Jahr hat viel zur Akzeptanz in der Bevölkerung beigetragen. "Wir sind Teil einer weltweiten Bewegung, essbare Pflanzen wieder in die Städte zu bringen", sagt Oberbürgermeister Achim Hütten (SPD). Touristen schauten sich bei Stadtführungen gern die Beete mit imposanten Kohlköpfen und rosa blühenden Kartoffeln an.
Bei Bewohnern von Großstädten ist die Eroberung von Grünflächen durch sogenanntes "Guerilla Gardening" in Mode gekommen, in Andernach treibt die Verwaltung die Initiative voran. Sie pflanzt Mandelbäume an der Einfahrt zur Tiefgarage, zieht Birnbäume an der Stadtmauer und begrünt einstige "Schmuddelecken" mit Johannisbeersträuchern. Neben dem städtischen Baubetriebshof sorgen sich vor allem die Beschäftigten der gemeinnützigen Gesellschaft "Perspektive" um die Pflanzen. Rund 20 Langzeitarbeitslose pflanzen Salat und jäten Unkraut. "Die Bürgerarbeiter haben da richtig Spaß dran, denn es ist eine sinnstiftende Arbeit", sagt "Perspektive"-Geschäftsführer Karl Werf.
Als 101 Tomatensorten im ersten Jahr reif waren, feierte die Stadt ein Tomatenfest. Im zweiten Jahr entstand ein Kochbuch mit Rezepten aus der Bevölkerung für die vielen Bohnensorten, die entlang der historischen Stadtmauer gereift sind. In diesem Jahr wachsen alte, in Vergessenheit geratene Kartoffelsorten und viele Zwiebelarten in der Stadt. "Wir wollen biologische Vielfalt erhalten und erlebbar machen", sagt Kosack. Als Erfolg wertet der Ökologe deshalb auch, dass Bewohner auf den städtischen Beeten Samen und Ableger für die Nachzucht im eigenen Garten sammeln.
Zumal die Stadt bei den Neupflanzungen auf Nachhaltigkeit und ökologischen Wert achtet. Statt einjähriger Beetpflanzen bestimmen immer mehr langjährige Stauden und selbst aussamende Wildblumen das Stadtbild. Das spart auf Dauer Geld, weil nicht jedes Jahr neu gepflanzt werden muss. 30.000 Euro zusätzlich bezahlt Andernach pro Jahr für die "Essbare Stadt", sagt der Oberbürgermeister. Das sei gut investiert, ist sich Hütten sicher.
Schritt für Schritt will die Verwaltung nun weitere Stadtteile mit einbeziehen. "Es gibt noch genug Flächen in Andernach, wo so langweiliges Zeug wächst", sagt "Perspektive"-Geschäftsführer Werf. Seine Vision ist es, Neubaugebiete künftig gleich mit Nachbarschaftsgärten zu bauen. Stadtökologe Kosack plant derweil in kleineren Schritten: "Wir arbeiten gerade an essbaren Blumenampeln mit Hängeerdbeeren und fahrbaren Hochbeeten für die Innenstadt von Andernach."
(dapd)
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