Chinas Atomkraftwerke: So schnell gebaut, dass sie nicht sicher sein können

Wie ist es um die Sicherheit von Chinas Atomkraftwerken bestellt? Diese Frage stellte zum Jahrestag von Tschernobyl ein amerikanisches Newsportal. Die Bilanz ist ernüchternd.

Das Wenige, das wir über Chinas viele AKWs wissen, deutet bereits auf große Sicherheitslücken. Dies ist die Botschaft eines Artikels des Portals Usnews.com.

Die Chinesen bauen und planen AKWs wie die Weltmeister – wie es um deren Sicherheit bestellt ist, lässt sich wegen der Zensurpolitik des Regimes nur schwer bestimmen. Die Hälfte aller Reaktoren weltweit wurde in den letzten zwei Jahrzehnten in der Volksrepublik errichtet. 22 AKWs befinden sich dort im Bau, 42 weitere sind in Planung.

30 Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl in der Ukraine wissen wir, dass sie durch einen Konstruktionsfehler ausgelöst wurde, der in Moskau bekannt, aber durch sowjetische Geheimhaltung gedeckt wurde.

Franzosen brachten es ans Licht

„China ist völlig undurchsichtig in diesen Fragen", sagt Albert Lai, Gründer und Vorsitzender der Hongkonger Denkfabrik Professional Commons. "Die einzige Information, die wir bisher haben, ist – seltsamerweise – aus Frankreich."

Frankreich erzeugt drei Viertel seines Stroms aus Kernkraft und exportiert die Technologie seit langem. 2007 begann eine französisch-chinesische Partnerschaft zum Bau von zwei Reaktoren mit neuesten Designs in Taishan, einer Küstenstadt der Provinz Guangdong. Zwei weitere Reaktoren wurden in Finnland und ein fünfter in Frankreich gebaut.

Doch das Projekt überschatteten bald Verzögerungen und Kostenüberschreitungen: Regulatoren bemerkten Mängel in den Betonfundamenten in Finnland sowie Probleme mit Stahlkuppel und -basis in Frankreich. Doch in China baute man ungehindert weiter – bis französische Experten dort letztes Jahr die gleichen Mängel fanden.

"Was, wenn die Franzosen den chinesischen Behörden nichts gesagt hätten?", gibt Lai zu bedenken. "Der Kernbrennstoff wäre in die Anlage gekommen und diese samt Fehlern in Betrieb gegangen."

Hinzukam, dass der französische Kraftwerkbetreiber und -erbauer Areva im Januar praktisch bankrott ging. Dies warf die Frage auf, ob der Konzern noch in der Lage ist, die Sicherheit von sensiblem Nuklearmaterial zu gewährleisten.

Regime äußert sich erstmals

Zu Chinas einzigartigem Bauboom kommt die Politik der Verschwiegenheit. Im Januar erschien Chinas allererstes „Weißbuch“ zur Atomindustrie. Darin nannte das Regime seine Fähigkeit, auf einen Störfall zu reagieren „unzureichend." Beim Besuch einer Delegation der Internationalen Atomenergiebehörde im Juli 2010 waren dutzende Sicherheitsprobleme entdeckt worden. Davon war eines, dass Chinas Atom-Regulierungsbehörde über zu wenig Ressourcen verfügt.

"Die Geschwindigkeit, mit der man das Kernenergieprogramm aufbaut ist wahnsinnig", sagt Mycle Schneider. Der unabhängige Analyst und führender Autor des „World Nuclear Industry Status Report“, erklärt:

Zuviele AKWs gleichzeitig im Bau

Chinas Problem sei, dass das Land seine Nuklear-Experten und Ingenieure auf dutzende verschiedene Projekte verteilt, anstatt ihr gebündeltes Knowhow zum Bau und Betrieb einiger weniger Reaktoren zu nutzen. Und dies genau in dem Moment, in dem die AKWs ihre riskanteste Entwicklungsphase durchlaufen – am Beginn ihrer Betriebszeit.

Zur Erinnerung: Im Reaktor von Tschernobyl löste keinesfalls Überalterung die Katastrophe aus: Block 4 explodierte nur zwei Jahre, nachdem er kommerziell in Betrieb gegangen war. Die Arbeiter waren noch dabei, zu lernen und die Abläufe zu optimieren. Das gleiche war bei „Three Mile Island“ in Pennsylvania der Fall, wo eine partielle Kernschmelze zum Austritt von Radioaktivität in den USA führte.

Ingenieure nennen das die „Badewannenkurve“: Die Betriebsrisiken sind am Anfang und am Ende am höchsten. Am Anfang wegen Mangel an Erfahrung – später, weil die Infrastruktur zu verschleißen beginnt.
„China hat eine Menge Reaktoren am Anfang der Kurve“, konstatiert David Lochbaum, Leiter im Bereich Nuklearsicherheit der „Union of Concerned Scientists“.

Fukushima änderte etwas

Erst seit Fukushima gibt es in China bei Funktionären überhaupt so etwas wie Bewusstsein für die Risiken der Atomkraft und spürbare Vorsicht: Bürgern verhinderten durch Proteste im Juli 2013 den Bau einer Uranverarbeitungsanlage in Heshan in der Provinz Guangdong. Der Bau neuer AKWs verlangsamte sich und auch der Sicherheitsbericht vom Januar war – wenn auch dürftig – ein beispielloser Vorstoß in eine möglicherweise neue Richtung, so der US-Artikel.

Trotzdem bleibt die Lage undurchsichtig: Nachdem Chinas Nuklearaufsicht im Januar die Mängel der beiden Taishan-Reaktoren erfahren hatte, erklärte sie, den Bau der Anlage völlig stoppen zu wollen.

Nur wenige Stunden später gab es eine weitere Pressemitteilung: Der Betreiber „China General Nuclear Power Corp.“ schrieb, die Prüfung habe begonnen – ein weiterer Schritt in Richtung Betrieb der Anlage sei geschafft. (rf)

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