Jürgen Fritz: Die Maßstäbe verschieben, damit die Dummen nicht beleidigt sind

Lasst uns alles relativieren und subjektivieren, dann können wir nirgends mehr objektiv schlecht abschneiden - Doch wie verändert das die Seele der Betroffenen? Ein Kommentar von Jürgen Fritz.

Der von Natur aus schlechter Weggekommene leidet immer unter diesem Umstand des schlechter Weggekommen-seins. Dies verursacht regelmäßig Minderwertigkeitsgefühle in ihm.

Aus diesem sehr verständlichen Leiden am eigenen So-sein, welches man auf kluge, wahrhaftige Weise lindern müsste, resultiert das starke Bedürfnis, alle natürlichen Unterschiede zu nichten, um nicht mehr schlechter dazustehen als andere.

In den Schulen und Hochschulen würde man liebsten die Noten abschaffen oder jedem eine 2 geben, auf keinen Fall aber eine 5 oder gar eine 6. Das wird inzwischen als „unmenschlich“ oder grausam empfunden.

Der Maßstab ist also immer weniger die Leistung des Schülers oder Studenten, sondern immer mehr seine Empfindungen, denen schlechte Noten nicht gut tun, genauer: sie könnten unangenehme Gefühle evozieren und das gilt es unter allen Umständen zu vermeiden um den Preis der Ehrlichkeit.

Im Bereich des Materiellen versucht man die Nivellierung aller Unterschiede durch permanente, immer weiter anwachsende Umverteilungen zu erreichen, die man euphemistisch als „soziale Gerechtigkeit“ zu deklarieren sucht.

Lasst uns alles relativieren und subjektivieren, dann können wir nirgends mehr objektiv schlecht abschneiden

Im Bereich der Klugheit und Schönheit ist dies natürlich schwierig. Diese kann man nicht umschichten. Und alle von Natur aus Intelligenteren und Schöneren zwangsweise mit Hammerschlägen auf den Kopf zu verdummen oder mit Säure ins Gesicht zu entstellen, traut man sich natürlich nicht.

Also ging man dazu über, Bildung, Intellekt, ja sogar die Wahrheit, die Moralität (innere Schönheit) als auch die äußere Schönheit vollkommen zu relativieren und zu subjektivieren: Schönheit läge ausschließlich im Auge des Betrachters und sogar das Wahre und das Gute seien vollkommen relativ (ethischer und Kulturrelativismus).

Der Dumme leidet weniger an seiner Dummheit als an dem Nichtdummen

Auch der von Natur aus Dumme (schlecht entwickeltes Denkvermögen) und der Ungebildete leiden nicht immer, aber oftmals schrecklich am Intelligenten, Gebildeten und sie werden ihm dies niemals verzeihen können, dass er in diesen Punkten anders ist, weil die eigene Kleinheit nur im Angesicht des Größeren als solche erkennbar wird.

Deswegen hätte der weniger Intelligente und Gebildete die anderen am liebsten ganz weg.

Oder aber er fordert, diese hätten gefälligst so zu reden, dass alle es verstehen, als ob man hochkomplexe Dinge so darstellen könnte, dass dies möglich wäre.

Die Maßstäbe verschieben, damit die Dummen nicht beleidigt sind

Im Grunde läuft dies auf ein Denkverbot auf deutlich überdurchschnittlichem Niveau hinaus. Sämtliche Maßstäbe werden also verschoben.

Nicht mehr die Dinge selbst, über die man spricht, sind maßgebend, also die Welt, die Wirklichkeit respektive die Realität, sondern der Mensch und zwar der Mensch in seiner Durchschnittlichkeit und Unterdurchschnittlichkeit, weil dieser sich sonst gekränkt oder wie er gerne sagt „beleidigt“ fühlt.

In der Demokratie zumal in der Sozialdemokratie entscheidet aber die Masse und die Masse ist natürlich a priori nie überdurchschnittlich.

Die innere Verhässlichung durch Verlogenheit

Dies alles führt dazu, dass es keinen objektiven Maßstab mehr gibt, an dem man scheitern könnte. Was für eine Erlösung! Diese Erlösung wurde aber teuer erkauft. Womit?

Mit der völligen Abkoppelung von der Realität und der Wahrhaftigkeit, was zu einer zunehmenden inneren Hässlichkeit führte. Denn innere Schönheit ohne Ehrlichkeit, ohne Aufrichtigkeit sich selbst und anderen gegenüber, ohne Wahrhaftigkeit ist undenkbar.

Und wo Verlogenheit, da ist Gewalt meist nicht weit, weil stets die Angst besteht, all die Unwahrheiten, all die Lügen, all die Täuschungen könnten aufgedeckt werden. Das muss natürlich verhindert werden, notfalls eben mit Gewalt, mit Unterdrückung, mit Zensur.

Lasst mich euer Volkstribun sein, das bringt mir Macht und euch schlechter Weggekommenen Linderung eurer Leiden

In einer Demokratie aber mit gleichem Stimmrecht für alle ist es für den Machtbessesenen der sicherste Weg, Herrschaft zu erlangen und diese zu festigen, wenn man auf diese Instinkte und Minderwertigkeitsgefühle, auf dieses Leiden und deren Milderung setzt und zugleich diese sowie den Neid und die Missgunst permanent befeuert, um sich so sein Wählerpotenzial immer wieder neu zu generieren, was auf beiden Seiten zu immer mehr Verlogenheit mithin einer zunehmenden inneren Verhässlichung führt, die allmählich die gesamte Gesellschaft ergreift und durchdringt.

Über den Autor: Jürgen Fritz studierte in Heidelberg Philosophie, Erziehungswissenschaft, Mathematik, Physik und Geschichte (Lehramt). Nach dem zweiten Staatsexamen absolvierte er eine zusätzliche Ausbildung zum Financial Consultant unter anderem an der heutigen MLP Corporate University. Er ist seit Jahren als freier Autor tätig. 2007 erschien seine preisgekrönte philosophische Abhandlung „Das Kartenhaus der Erkenntnis – Warum wir Gründe brauchen und weshalb wir glauben müssen“ als Buch, 2012 in zweiter Auflage. Sein Blog: https://juergenfritzphil.wordpress.com/

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