In einer Zeit der Transformation

Auf den Spuren von Papst Franziskus – Immer aktuell Leonardo Boff

von Roland R. Ropers, Freitag, 12. Februar 2016 10:15
„Ohne eine spirituelle Revolution, die nicht notwendigerweise eine religiöse sein muss, und ein neues Herz, eine neue Sensibilität, wird unsere Suche nach rein wissenschaftlichen und technischen Lösungen vergeblich sein.“ Das schreibt Leonardo Boff, Träger des „Alternativen Nobelpreises von 2001"
„Wir müssen uns auf sehr realistische Art und Weise als Spezies neu erfinden. Dazu brauchen wir die Weisheit, die uns zu einer tiefen persönlichen Befreiung und Transformation leitet" schreibt Leonardo Boff.
„Wir müssen uns auf sehr realistische Art und Weise als Spezies neu erfinden. Dazu brauchen wir die Weisheit, die uns zu einer tiefen persönlichen Befreiung und Transformation leitet" schreibt Leonardo Boff.
Foto: Franco Origlia/Getty Images

„Wenn wir Frieden für diese Welt wollen, müssen wir das Gefühl für die spirituelle Dimension des Lebens, welche die Quelle der Religionen ist, wieder aufleben lassen. Spiritualität ist wichtiger als Religion...“ (Leonardo Boff)

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Täglich aufs Neue überrascht Papst Franziskus die Welt mit seinen Handlungen, die offensichtlich aus tiefstem Herzen kommen und nicht aus der Verstandeszentrale der theologisch gebildeten Lehramtsverteidiger.

So wollen heute Papst Franziskus und Patriarch Kirill von der russisch-orthodoxen Kirche mit der historischen Begegnung auf Kuba in Zeiten von Terror, Krieg und Vertreibung ein kraftvolles ökumenisches Zeichen setzen und eine gemeinsame Erklärung zu dem Treffen veröffentlichen.

Seit vielen Jahren gab es Pläne für die historische Begegnung, die durch einen Aufenthalt beider Kirchenoberhäupter in der Region nun möglich wird. Katholiken und Orthodoxe gehen seit der Kirchenspaltung (Schisma) aus dem Jahr 1054 getrennte Wege.

Immer wieder lesenswert sind dazu die Schriften des berühmten Franziskaners und brasilianischen Befreiungstheologen Leonardo Boff, der einst von Papst Benedikt XVI gemaßregelt und zum Schweigen verurteilt wurde,was weltweite Empörung auslöste.

Boff ist seit Jahren mit Papst Franziskus persönlich und freundschaftlich verbunden. Er schreibt: „Im Zentrum stehen für Papst Franziskus nicht Lehre und Disziplin, die in den letzten Jahren so bestimmend waren, sondern Jesus und der Mensch mit seinem Suchen und Fragen, ob er nun gläubig ist oder nicht. Es ist ein neuer Wind, der hier von den jungen Kirchen an der Peripherie her weht und die gesamte Kirche durchlüftet. Der Frühling kommt tatsächlich, und er ist verheißungsvoll."

Papst Franziskus will das Machtgefüge der absolutistischen Monarchie, wie es der Vatikan ist, in ein völlig neues Gebäude verwandeln. Zum Glück ist er ausgestattet mit der berühmten Gabe der „Unterscheidung der Geister."

Ein neues Zivilisationsparadigma

Boff schreibt: „Je älter ich werde, desto weniger weiß ich, desto geheimnisvoller wird mir das Leben, und desto heiterer stelle ich mich in den Horizont des Geheimnisses. Nur so viel weiß ich, dass es gut, zärtlich und sinnvoll sein muss, für mich persönlich wie für die anderen. Sehe ich genau hin, entdecke ich: Was uns leben lässt, ist das Geheimnis. ...Leiden haben uns reifen lassen. Wir haben lernen müssen, dass nicht Ideen, sondern Haltungen die Welt verändern und dass die beschwerlichste Reise die ist, die zu uns selbst führt, das heißt zu unserem Selbst, zu dem Punkt, an dem wir ganz ‚ich‘ sind.“

Fast jeden Monat erscheint in dem internationalen ökumenischen Magazin  „KIRCHE IN“, Wien, ein ganzseitiger Beitrag auf Seite 2 aus der Feder des weltweit engagierten ehemaligen Franziskanerpaters Leonardo Boff. Daraus sind die obigen und die nachfolgende Passage zitiert.

„Wir müssen uns auf sehr realistische Art und Weise als Spezies neu erfinden. Dazu brauchen wir die Weisheit, die uns zu einer tiefen persönlichen Befreiung und Transformation leitet, um nicht mehr Herren über die Dinge, sondern um Brüder und Schwestern der Dinge zu werden. Diese Transformation impliziert eine kollektive Neuerfindung mittels einer anderen ökologischen Sichtweise. Diese kann uns überzeugen, den Rhythmus der Natur zu respektieren und ihm gemäß zu leben. Ohne eine spirituelle Revolution, die nicht notwendigerweise eine religiöse sein muss, und ein neues Herz, eine neue Sensibilität, wird unsere Suche nach rein wissenschaftlichen und technischen Lösungen vergeblich sein. Diese sind unabdingbar, müssen aber in einen anderen Rahmen von Prinzipien und Werten integriert werden, welche die Grundlage eines neuen Zivilisationsparadigma sind...“



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