Geschichte - Erkenntnisse und Fakten – Geheimnis um zwei Fotografien aus dem Sezessionskrieg – Steve Szkotak
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Das namenlose Mädchen Geheimnis um zwei Fotografien aus dem Sezessionskrieg

Steve Szkotak

13.06.2012

Die Fotografie des einen Mädchens wurde im Juni 1862 in Port Republic im US-Staat Virginia zwischen den Leichen zweier Soldaten gefunden. Foto: Steve Helberg/AP Photo
Die Fotografie des einen Mädchens wurde im Juni 1862 in Port Republic im US-Staat Virginia zwischen den Leichen zweier Soldaten gefunden.

Foto: Steve Helberg/AP Photo

Richmond – Diesen Monat vor 150 Jahren wurde die Fotografie eines kleinen Mädchens auf einem der blutigen Schlachtfelder des Amerikanischen Bürgerkriegs gefunden, drei Jahre später eine zweite von einem anderen Mädchen. Wer sie waren, treibt die Experten bis heute um. Das Bürgerkriegsmuseum in Richmond hofft, das Geheimnis nun endlich zu lüften und veröffentlichte die Bilder.

Beide Mädchen sitzen adrett auf ihren Stühlen, Ringellöckchen fallen über die geschminkten Wangen der einen, das andere Mädchen trägt ein mit Rüschen verziertes Kleid mit Reifrock. Die Fotografie des einen Mädchens wurde im Juni 1862 in Port Republic im US-Staat Virginia zwischen den Leichen zweier Soldaten gefunden, der eine gehörte der Union, der andere der Konföderation an. Die zweite Fotografie wurde 1865 auf einem Feld in Virginia im Tornister eines getöteten Soldaten der Union gefunden, kurz vor dem Ende des Sezessionskrieges, der mit dem Sieg der Nordstaaten endete.

Das Fotografieren steckte zwar noch in den Kinderschuhen, als 1861 der Bürgerkrieg zwischen den Nord- und Südstaaten ausbrach, war aber dennoch weitverbreitet. Viele Soldaten trugen Fotografien ihrer Lieben bei sich. Das Museum of the Confederacy in Richmond hat eine umfangreiche Sammlung von Bürgerkriegsfotografien, 6.000 an der Zahl. Insbesondere zwei davon lassen die Experten jedoch nicht los: die der beiden Mädchen. In der äußerst vagen Hoffnung, dass jemand so lange Zeit später doch noch eine Familienähnlichkeit erkennt oder eine Verbindung aufgrund der Fundorte herstellen kann, hat das Museum die Fotografien nun veröffentlicht.

Diese geben keine Rückschlüsse auf die Identität der Mädchen. Auf der Rückseite der Fotografien steht nichts geschrieben, in den Rahmen in der Größe einer Brieftasche sind keine Notizen versteckt. "Wir wissen nicht, wer die Mädchen sind und diejenigen, die sie gefunden haben, wussten es auch nicht", sagt Museumsdirektorin Ann Drury Wellford. Normalerweise werden Kriegsfotos von einem Soldaten bei einem getöteten Kameraden gefunden und dann von Generation zu Generation weitergereicht, bis schließlich jemand seinen Dachboden oder eine Truhe ausmistet und sie im Museum landen. Dort geht dann das Spekulieren los. Denn je mehr Zeit vergeht, umso unwahrscheinlicher ist es, dass das Geheimnis der Fotografien, die Identität der darauf abgebildeten Menschen, jemals gelüftet wird.

Die Fotografie steckte während des Sezessionskrieges von 1861 bis 1865 zwar noch in ihren Anfängen. Sie entwickelte sich gerade von der Daguerreotypie zur Ambrotypie, also von Fotografien auf Metall zu welchen auf Glas, und wurde somit preiswerter. Dennoch war die Fotografie vielseitiger als je zuvor. "Es war das frühe Aufblühen der Fotografie. Der Sezessionskrieg fiel mit einer Zeit zusammen, in der die Menschen sehr interessiert daran waren", sagt Historiker Jeffrey Ruggles. So begleiteten Fotografen beispielsweise Truppen der Nordstaaten und lichteten die Soldaten zwischen den Kämpfen in ihren Lagern ab.

Bob Zeller, Präsident des Zentrums für Sezessionskriegsfotografie, sagt, es sei durchaus üblich gewesen, dass die Soldaten damals Fotografien ihrer Frauen und Kinder oder anderer Angehörigen bei sich trugen. Ein Foto auf einem Schlachtfeld zu finden, das man nicht eindeutig einem toten Soldaten zuordnen könne, sei hingegen eher ungewöhnlich und daher umso faszinierender – vor allem wegen des Geheimnisses, das eine solche Fotografie umgebe. "Sie ist etwas, was jeder schätzt, eine Fotografie seiner Lieben, doch die liegt nun auf dem Schlachtfeld mit diesen scheinbar namen- und gesichtslosen Leichen", erklärt Zeller. Für die Soldaten seien die Fotografien ihrer Angehörigen eine letzte Verbindung zur Realität, die vielen von ihnen schon längst abhandengekommen seien.

Manchmal wird die Geschichte eines nicht identifizierten Fotos aber doch noch erzählt. Zeller erinnert sich an einen bei Gettysburg gefallenen Soldaten, der ein Foto seiner Familie umklammert hielt. Dessen Angehörige konnten nach langem Suchen im US-Staat New York ausgemacht werden.

"Es zeugt von Menschlichkeit"

Was die Fotografien der beiden Mädchen betrifft, so gibt es keinerlei Hinweise, wer sie sind. Damals trugen nur wenige Soldaten eine Erkennungsmarke oder sonstige Identifikation bei sich, auch gab es keine Stelle, die alle Habseligkeiten eines getöteten Soldaten sammelte und an dessen Angehörigen schickte.

An den Fotografien der beiden Mädchen fasziniert Museumsdirektorin Wellford vor allem, dass sie zeigten, dass Krieg mehr bedeutet als Kampf und Tod: "Diese Männer da draußen bringen sich gegenseitig um, es gibt alle möglichen Arten von Blutvergießen, und dann trägt er (der Soldat) das Bild eines kleinen Mädchens bei sich. Es zeugt von Menschlichkeit."

Auch 150 Jahre später will das Museum daher unbedingt die Angehörigen ausfindig machen und ihnen die Fotografien zurückgeben. "Man stellt sich die beiden Mädchen zu Hause vor, und dass ihre Väter niemals zurückkehren und sie nicht wissen, was ihnen zugestoßen ist", sagt Museumssprecher Sam Craghead. "Es ist schlicht und ergreifend eine wirklich ganz menschliche Geschichte."

 

(dapd)

 

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