Erneut undercover im Asylheim: Terrorexperte Shams Ul-Haq macht Realitäts-Check (TEIL 1)

Erst in München flog er auf: Mit falscher Identität hat sich Terrorismusexperte Shams-Ul Haq wieder in deutsche Asylheime geschleust und recherchiert: „Hat sich seit der Flüchtlingskrise 2015 etwas verbessert?“ Er fand heraus: Das Fingerabdrucksystem, das Mehrfachregistrierungen verhindern soll, enttarnte ihn erst im vierten Anlauf. Terror-Rekruten und Kriminelle jedoch haben ihre Arbeit perfektioniert.

Vor zwei Jahren recherchierte ich bereits undercover in über 35 Flüchtlingsheimen europaweit. Ich wollte herausfinden, wie Menschen dort behandelt werden. Die Frage, ob Registrierungsdaten zwischen den EU-Ländern vernetzt sind, interessierte mich – und natürlich die Frage, wie groß die Gefahr der Radikalisierung durch Terrorgruppen ist.

Undercover hatte ich in den Flüchtlingscamps eine abgründige Welt kennengelernt: Misshandlungen von Flüchtlingen durch Sicherheitsmitarbeiter auf der einen Seite, Vergewaltigungen, die von Mitarbeitern bagatellisiert wurden, auf der anderen. Gezielte Anwerbungen durch Salafisten, Taliban und den IS waren Alltag.

Und das Fingerabdrucksystem? Das versagte. Schon 2015 konnte ich mich problemlos in 35 Flüchtlingslagern registrieren lassen, ohne ein einziges Mal entdeckt zu werden. Damals traf ich Flüchtlinge, die in verschiedenen Ländern Europas registriert waren, herumreisten und mehrere tausend Euro im Monat kassierten, dank mehrfach bezogener Asylleistungen.

Diese Recherche-Ergebnisse veröffentlichte ich in meinem Buch „Die Brutstätte des Terrors“. Das Buch stieß auf reges Medieninteresse, als es im Oktober 2016 erschien. Es gab Zeitungsartikel in verschiedenen europäischen Ländern und ich wurde im Fernsehen als Experte befragt.

Auch Bundesinnenminister de Maizière und Bayerns Innenminister Herrmann haben das Buch von mir zum Lesen bekommen und ich warnte sie persönlich vor den Entwicklungen.  Als ich sie vor wenigen Tagen auf der Münchner Sicherheitskonferenz traf, stellte ich ihnen die Frage: „Funktioniert das Fingerabdrucksystem jetzt?“ Und beide gaben zu: „Nicht zu 100 Prozent.“ Man arbeite daran.

Der Realitäts-Check

Vor einigen Wochen testete ich persönlich, ob sich irgendetwas verändert hat in den Erstaufnahmelagern. Ich ließ mir erneut einen Bart wachsen, zog meine älteste Kleidung an und spielte den Asylbewerber.

Dortmund

Meine erste Station war die Erstaufnahmestelle für Asylsuchende in Dortmund. Ich kam abends an und wurde ausgesprochen freundlich empfangen. Nach einem kurzen Gespräch wurde ich nach meinen Daten befragt. Selbstverständlich besaß ich – wie ausnahmslos alle anderen etwa 20 Personen, die sich an diesem Abend mit mir dort einfanden – keinen Ausweis und ich gab den erfundenen Namen Abdul Khan Ahmed an.

Da die Mitarbeiter in dieser Einrichtung fast ausschließlich Ausländer waren, gab ich sicherheitshalber meine richtige Nationalität an – Pakistani. Auf meine Nachfrage hin erklärten mir die Mitarbeiter, dass so gut wie nie ein Flüchtling einen Ausweis bei sich trägt.

Kurz darauf hielt ich meinen neuen Ausweis in den Händen, ausgestellt auf meinen neuen Namen. So schnell kann´s gehen.

Eine verdächtige Clique

In Dortmund lernte ich eine Gruppe von sechs Männern im Alter von 18 bis 35 Jahren kennen. Sie stammten aus verschiedenen Ländern: Syrien, Ägypten, Marokko, Algerien und Albanien. Diese Gruppe wartete neben mir im Anmeldebereich der Erstaufnahme und wir kamen schnell ins Gespräch. Sofort fiel mir auf, dass sie mehrere europäische Sprachen beherrschten und sich abwechselnd auf Französisch, Englisch und Deutsch unterhielten.

Wir freundeten uns an und sie erzählten mir im Lauf der nächsten Tage, dass sie seit etwa zwei Jahren als Flüchtlinge in verschiedenen Lagern Hollands, Frankreichs und Belgiens unterwegs waren. Zwar behaupteten sie, erst jetzt nach Deutschland gekommen zu sein, jedoch war ich überzeugt, dass sie logen. Mit etwas Erfahrung erkennt man nämlich schnell, ob ein Flüchtling direkt aus einem Kriegsgebiet kommt oder sich schon länger hier aufhält. Diese Männer kannten sich in Deutschland hervorragend aus. Sie wussten um die bürokratischen Abläufe und die Lücken des Asylsystems und nutzten diese aus. Sie waren grundentspannt angesichts des Umstands, dass sie kaum Strafen zu befürchten haben, sollten ihre Machenschaften auffliegen.

Wir gingen zum Hauptbahnhof in Dortmund. Dort kaufte ich ihnen Zigaretten und Marihuana für 10 Euro. Das Zeug verteilte ich in der Gruppe, stieg damit zum besten Freund auf und wartete ab, was sie erzählten. (Mit Zigaretten und Haschisch gewinnt man am schnellsten das Vertrauen unter Flüchtlingen. Diesen Trick lernte ich vor zwei Jahren und er funktioniert nach wie vor.)

Krimineller und IS-Späher

Einer aus der Gruppe war ein Albaner, der mir erzählte, dass er in Deutschland von der Polizei gesucht wird – wegen Delikten wie Raub, Körperverletzung und Einbruch. Ein Schreiben von der Staatsanwaltschaft hatte er dabei und zeigte es mir.

Drei andere Männer aus der Clique kamen mir sehr verdächtig vor und ich bin sicher, dass sie IS-Schläfer waren. Im Laufe der Tage, die wir miteinander verbrachten, offenbarten sie schrittweise ihre radikale Gedankenwelt und ihre Sympathie für den Islamischen Staat. Außerdem deuteten sie kryptisch an, gezielt Informationen über Einrichtungen in Deutschland zu sammeln. Als ich mit der ganzen Clique Selfies machte, wollten diese Drei partout nicht fotografiert werden.

Leider kein Einzelfall

Ähnliche Cliquen traf ich mehrfach bei meiner neuen Recherche. Sie alle hatten eines gemeinsam: Sie waren Leute aus verschiedenen Ländern, die wenig Sympathie für Deutschland hegten und ein auffälliges Interesse am deutschen Sozialsystem und dessen finanziellen Segnungen zeigten.

Die Verteilung

Grundsätzlich existiert in Deutschland ein Verteilungsschlüssel für die Unterbringung von Flüchtlingen. Damit soll einerseits vermieden werden, dass verfeindete Nationalitäten aufeinandertreffen. Andererseits soll dadurch eine gleichmäßige Aufteilung in verschiedene Flüchtlingsunterkünfte sichergestellt sein.

In Dortmund jedoch wurde willkürlich verteilt. Asylbewerber sagten, wohin sie kommen wollten und die Mitarbeiter (fast ausschließlich Nordafrikaner), folgten ihren Wünschen. Ich sagte nichts und wurde samt meinen neuen Freunden nach Unna geschickt, eine kleine Stadt, zwanzig Kilometer östlich von Dortmund.

Aggressive Security – zu wenig Sozialarbeiter

Sehr negativ fielen mir in Dortmund die Mitarbeiter der Sicherheitsfirmen auf. Schon zu Beginn irritierte mich die hohe Zahl dieser uniformierten Männer – die ausschließlich von Privatunternehmen kamen. Im Lauf der nächsten Wochen sollte ich feststellen, dass mittlerweile überall diese hohe Dichte an Sicherheitskräften eingesetzt wird.

Im schönen Dortmund herrschte insgesamt ein rauer Umgangston. Wie auf dem Kasernenhof brüllten die Sicherheitsleute in ihren Kampfstiefeln die Flüchtlinge wegen jeder Kleinigkeit an und gaben ihnen teilweise unsinnige Befehle, nur um sie einzuschüchtern.

Hier plädiere ich dafür, mehr ausgebildete Sozialarbeiter einzusetzen und den Personalstand dieser machthungrigen Möchtegern-Soldaten zu reduzieren. Vor allem Familien aus Kriegsgebieten hatten Angst vor diesen Rambos und das ist nun wirklich nicht nötig.

Das Essen in Dortmund kann mit nur einem Wort beschrieben werden: Ungenießbar. Noch nie im Leben hatte ich derartig schlechtes Essen vorgesetzt bekommen. Da der beauftragte Caterer täglich eine viel zu große Menge davon lieferte, wurde mindestens die Hälfte weggeworfen. Eine völlig unnötige Verschwendung unserer Steuergelder.

Positiv fielen mir dagegen Kindergärten, Sprachschulen und die gute medizinische Versorgung auf, die in Dortmund und anderen Unterkünften inzwischen angeboten werden. Das gab es vor zwei Jahren noch nicht. Speziell für kleine Kinder sollte in den Heimen der Kindergartenbesuch verpflichtend sein, damit sie nicht ständig der radikal-islamischen Propaganda ausgesetzt sind, die gewisse Personen dort verbreiten. Und auch die Eltern haben oft kein anderen Gesprächsthemen als Krieg und Gewalt, weshalb die Kinder dringend Abwechslung brauchen. Dass sich gezielte Radikalisierung in den letzten 24 Monaten extrem professionalisiert hat, musste ich übrigens kurz darauf in Bremen feststellen (Mehr dazu im kommenden Teil 2).

IS-Kämpfer kommen jetzt aus Burma

In Dortmund lernte ich auch einen Flüchtling aus Burma (Myanmar) kennen. Er war der erste Asylbewerber von dort, den ich persönlich traf. In meinem Buch berichtete ich bereits von den Aktivitäten des IS in Burma, da ich einige Zeit selbst in dem Land recherchiert hatte. Damals erfuhr ich viel über die Grausamkeiten, die buddhistische Mönche der muslimischen Minderheit in Burma seit Jahren antun. Teilweise unvorstellbare Gräueltaten, über die westliche Medien so gut wie nie berichten.

Der Burmese – der als Ausweisdokument lediglich die Geburtsurkunde seiner Mutter bei sich trug – bestätigte mir meine Beobachtungen. Und er bestätigte mir auch, dass der IS in Burma gezielt Terroristen anwirbt und diese in eigens errichteten Camps in den Bergen ausbildet.

Nach seinen Informationen plant der IS in den kommenden Monaten eine Offensive gegen die Buddhisten in Burma. Außerdem werden Terroristen aus Burma über Bangladesh nach Europa entsendet. Auf diese Weise verschleiert die Terrororganisation die Herkunft ihrer „Kämpfer“ und kann eine größere Zahl Terroristen in die westliche Welt schleusen.

In Dortmund treffen sich die Islamisten übrigens bevorzugt in einem der Lokale in der Münsterstraße zum lockeren Austausch. Ich frage mich, wann der nächste Terroranschlag in Deutschland stattfindet, der in einem dieser Cafés geplant wurde. Schließlich hat schon das Jahr 2016 Ereignisse gebracht, die ich in meinem Buch und meinen Artikeln vorhersagte. Auch die kürzlich in Paris und Schweden eskalierten Krawalle wundern mich nicht. Angesichts der bestehenden Politik rechne ich mit derartigen Entwicklungen leider auch in Deutschland.

In Dortmund und Unna hielt ich mich insgesamt fünf Tage lang auf. Dann reiste ich nach einer kurzen Pause nach Bremen weiter, wo ich Neues über Radikalisierungsmethoden erfuhr …

Fortsetzung siehe TEIL 2 und TEIL 3.

Shams Ul-Haq

Die Brutstätte des Terrors – Undercover in Flüchtlingsheimen

Taschenbuch: 214 Seiten, 14,90 Euro
Kindl Edition: 7,99 Euro

Verlag: SWB Media Publishing; Auflage: 1 (26. September
ISBN-10: 3945769973
ISBN-13: 978-3945769973
Größe und/oder Gewicht: 12,8 x 2,3 x 18,9 cm

„Ein spannendes Werk, dass sicher viele Debatten auslösen wird“
– Prof. Dr. Frank Überall, Journalist, Politikwissenschaftler

„Eine wichtige Recherche zur rechten Zeit“ schreibt Dr. Christoph Hein, Frankfurter Allgemeine Zeitung

Der deutsche Journalist Shams Ul-Haq, Jahrgang 1975, stammt aus einer sehr armen Familie und kam im Alter von fünfzehn Jahren mit Schleusern von Pakistan nach Deutschland. Der Terrorismusexperte und politische Journalist berichtet u.a. für die TV-Sender N24 und n-tv als Asien-Korrespondent.

Siehe auch: „Brutstätte des Terrors“ – Undercover-Journalist schreibt brisantes Enthüllungsbuch