Euskirchen: Neuer Zeuge, Schweigepakt & mehrere Täter – Aufsichtspflicht: Acht Lehrer hatten nichts gesehen

Am vergangenen Donnerstag saßen einige Schüler der Gesamtschule Euskirchen im großen Hauptgebäude und spielten Yu-Gi-Oh. Einer der Spieler war besonders erfolgreich. Jetzt liegt der Siebtklässler im Koma in einer Neurologischen Spezialklinik in Köln, kämpft mit dem Tod. Die Rekonstruktion des Tathergangs ist äußerst schwierig, obwohl die Polizei davon ausgeht, dass viele Mitschüler die Schlägerei gesehen hatten. Es herrscht betretenes Schweigen. Doch jetzt meldete sich ein Augenzeuge, der den bisher bekannten Ablauf in Frage stellt.

Neue Wende im Fall Eric: Ein weiterer Schülerzeuge ist aufgetaucht, der aus der Ferne den Vorfall beobachtet haben will. Demnach sollen mehrere Schüler am Angriff auf den 12-Jährigen beteiligt gewesen sein. Alles fing mit dem Kartenspiel Yu-Gi-Oh an:

Nach bisherigen Erkenntnissen spielten am Donnerstag, den 22. September 2016, drei Mitschüler und Eric (12) Yu-Gi-Oh. Die Geschichte des ursprünglichen Mangas dahinter: Der 16-jährige Schüler Yugi setzt durch den Zusammenbau eines ägyptischen Puzzles den Geist eines Pharaos frei und erlebt mit diesem allerlei Abenteuer zur Rettung der Welt vor dem Bösen.

Koma nach Yu-Gi-Oh-Spiel

Der Verlauf des Yu-Gi-Oh-Sammelkartenspiels besteht aus mehreren Phasen, die sich unter anderem in der Beschwörung von Monstern, dem Einsatz von magischen Zaubern, sowie dem Kampf der Monster gegeneinander aufbauen.

Es gibt diverse Themen-Karten: Monsterkarten, wie Ritualmonster, Fusionsmonster oder Pendelmonster, die eine Mischung mit der nächsten Kategorie: Zauberkarten, sind. Darüber hinaus gibt es noch Fallenkarten. Sind die Monster besiegt, wird die Lebensenergie (Lebenspunkte) des Gegners direkt angegriffen, erläutert „Wikipedia“ dazu, was der letztendliche Sinn des Spiels sei.

Offenbar weil Eric erfolgreicher im Kartenspielen war, entbrannte ein Streit, wobei ein Mitspieler aus Erics Parallelklasse ausrastete, ihn angriff und so schwer verprügelte, dass der Junge später zusammenbrach und jetzt im künstlichen Koma liegt.

Neuer Zeuge & Schweigepakt

Die außer dem Opfer am Spiel beteiligten drei Jungs schlossen laut dem Blatt einen Schweigepakt, kurz bevor sie zur Anhörung durch die Polizei eingeladen wurden. Entsprechend zäh seien die Gespräche gelaufen. Doch dann soll einer der Jungs eingebrochen sein und einen Täter benannt haben.

Entgegen aufkommenden Gerüchten im Internet wurde bekannt gegeben, dass keiner der Jungen einen Migrationshintergrund habe, sagte ein Ermittler dem „Kölner Express“ zufolge. Die Zeitung recherchierte jedoch, dass der Junge aus der Para-Klasse mit seinen Eltern und zwei jüngeren Geschwistern in einem Euskirchener Problemviertel lebe. Nach „Express“-Meldungen gelte er jedoch nicht als polizeibekannt, wie zuvor in den Medien irrtümlich behauptet wurde.

Die Gewaltbereitschaft des Schülers steht jedoch außer Frage: „Mein Sohn ist selber schon von dem mutmaßlichen Schläger am Auge verletzt worden“, sagt Michael Röthgen (56), Vater eines Jungen aus Erics Klasse. Auch ein anderer Vater bestätigt: „Der Junge, der das getan haben soll, ist schon öfters wegen Kloppereien aufgefallen“, zitiert der „Express“.

Jetzt meldete sich ein weiterer Augenzeuge, der laut „Süddeutscher Zeitung“ das Geschehen von der Ferne beobachtet haben will. Demnach sollen außer dem bisherigen Tatverdächtigen noch „andere beteiligt gewesen“ sein, so ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Bonn, die dem Hinweis jetzt nachgeht.

Attacke in der Mittagspause

Acht Lehrer und Lehrerinnen hatten zum Tatzeitpunkt im Gebäude und auf dem Pausenhof Aufsicht. Laut dem Schulleiter würden diese sich selbst schwere Vorwürfe machen, doch niemand bemerkte etwas von dem Vorfall, der sich offenbar in der Mittagspause gegen 13 Uhr ereignete.

Der „Kölner Express“ zitiert Schulleiter Thomas Müller: „In dieser Pause werden die Klassenräume abgeschlossen. Alle Bereiche, in denen sich die Schüler in dieser Zeit aufhalten dürfen, wurden von insgesamt acht Kollegen beaufsichtigt.“

Auch als der benommen wirkende Eric im Lehrerzimmer nach einer Erstversorgung kollabierte, rechnete noch keiner mit der bald klar werdenden Dramatik: „Der Schüler hatte eine Rötung im Halsbereich, ansonsten sind mir keine äußerlichen Verletzungen aufgefallen“, so Thomas Müller, der noch erklärte, dass sie „eine ganz normale Gesamtschule“ seien und „kein Gewaltproblem“ hätten.

Der Schulleiter sagte am Montag gegenüber dem „WDR“:

Ich wäre aber nie auf die Idee gekommen, dass er in Lebensgefahr schwebt. Das habe ich erst realisiert, als er im Rettungshubschrauber in die Spezialklinik geflogen worden ist.“

(Thomas Müller, Schulleiter Gesamtschule Euskirchen)

Für viele der Schüler ist dies alles ein Albtraum: „Die Kinder haben teilweise traurig, manche erschrocken reagiert, manche waren sichtlich überfordert mit der Situation“, so der Schulleiter im „Express“. Es gebe für alle Hilfesuchenden schulpsychologische Betreuung. „Das wird auch gut angenommen“, betont der immer noch fassungslose Schulleiter.

Hintergrund: Yu-Gi-Oh-Karten für über 100 Euro

In den vergangenen Jahren wurden mehr als 30.000 Sammelkarten des mystischen japanischen Kartenspiels verkauft. Rund 6.000 unterschiedliche Karten (Stand: Juli 2013) des aus einer 1996 veröffentlichten Manga-Serie stammenden Spiels gibt es.

Durch ständige Erweiterungssets steigt die Zahl weiter und weiter. Für einzelne Karten sollen teilweise Preise von über 100 Euro gezahlt werden, wie die „Fremdenführerin aus der Unterwelt“ (ca. 140 Euro).

Darüber hinaus gibt es seltene Karten, die durch ihre geringe Auflage den Wert eines Kleinwagens haben. Sie wurden an die Sieger von großen Turnieren ausgegeben und zeigen fast ausschließlich höllische Kreaturen. Ihr Preis geht von 2.200 US-$ (Golden Sarcophagus, Pharao’s Tour, Platz 8), über 20.000 US-$ (Black Luster Soldier, Japanischer Turnierpreis, Platz 2) bis „unbezahlbar“ für „Tyler the Great Warrior“ (nur einmal gedruckt, Make-A-Wish-Foundation). [Quelle: Gate to the Games]

Siehe auch:

Euskirchen: Täter (12) polizeibekanntes Problemkind – Hoffnung: Opfer kann Arme und Beine bewegen

Euskirchener Prügel-Attacke: 12-jähriger Täter gilt rechtlich als „schuldunfähig“

Euskirchen: Gewaltbereiter Mitschüler trat Eric (12) wegen Yu-Gi-Oh-Karten gegen den Kopf – Opfer weiterhin im künstlichen Koma – Weitere Zeugen gesucht