Familiennachzug in Flüchtlingskrise: 31-köpfige Familie hofft auf Asyl in Deutschland

Die Zahl der Zuwanderer in der aktuellen Flüchtlingskrise ist zum Herbst dieses Jahres verglichen mit den Vormonaten wieder gestiegen. Alarmierend hoch ist dabei auch die Zahl der unbegleiteten Minderjährigen. Bekommen Minderjährige Asyl, kann die Familie unter Umständen nachkommen. Aber ganz so einfach ist es nicht.

Die Zahl der Zuwanderer in der aktuellen Flüchtlingskrise ist zum Herbst dieses Jahres verglichen mit den Vormonaten wieder gestiegen. Alarmierend hoch ist dabei auch die Zahl der unbegleiteten Minderjährigen.

Hat ein minderjähriges Kind erst einmal eine Aufenthaltserlaubnis in Deutschland erhalten, hoffen die Familienangehörigen, die oft in Flüchtlingslagern der Türkei warten, auf eine Familienzusammenführung. Aber ganz so einfach ist das auch nicht.

Der 21-jährige Syrer Hussein Abu Kaschif hat gemeinsam mit seinen beiden minderjährigen Geschwistern seit Februar 2015 eine dreijährige Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland. Sie waren die ersten einer 31-köpfigen Großfamilie, denen durch Schlepper die Flucht nach Europa gelungen war. Die einmonatige Reise hatte sie rund 2000 Euro gekostet.

Sein Ziel war es, die restliche Familie nachzuholen, aber derzeit befinden sich nur 14 Angehörige in Deutschland. 17 weitere Familienmitglieder warten in der Türkei auf eine Reiseerlaubnis. Hussein selbst kann seine Eltern nicht nachholen, dass kann nur seine minderjährige Schwester Hala. Auch sein Schwager Masen kam nicht mit seinen eigenen drei Kindern nach Deutschland, sondern brachte die 7-jährige Tochter seines Bruders mit, der mit einer anderen von Husseins insgesamt elf Schwestern verheiratet ist. Denn nun kann Masen für seine Frau und seine Kinder einen Antrag auf Familienzusammenführung stellen. Und ein Vormund kann im Namen der minderjährigen Hanin dafür sorgen, dass deren Eltern mit den zwei Brüdern kommen dürfen.

Deutschland will uns haben

Hussein Abu Kaschif sagt: „Wir haben Deutschland ausgewählt, weil Deutschland gesagt hat, es will, dass die Flüchtlinge kommen. Das ist schließlich etwas anderes, wenn mich jemand einlädt, als irgendwo hinzugehen, wo man mich vielleicht gar nicht will.“

Vor kurzem kam der Bescheid, dass Hala – acht Monate nachdem ein Rechtsanwalt für sie einen Asylantrag gestellt hatte – als Flüchtling anerkannt ist. Damit gehört sie zu den rund 3900 unbegleiteten Minderjährigen, die seit Jahresbeginn als Flüchtling anerkannt wurden. Etwa 1700 Jungen und Mädchen erhielten nur den sogenannten subsidiären Schutz. Sie dürfen erst mit einer zweijährigen Verzögerung einen Antrag auf Nachzug der Eltern stellen – und auch nur, wenn sie dann nicht schon volljährig sind.

Warum der Familiennachzug so schleppend vorangeht, darüber hört man verschiedene Theorien. Manche Wohlfahrtsverbände u.ä. sagen, dass die seit März geltenden Einschränkungen notwendig seien, um den Behörden eine Atempause bei der Registrierung, Verteilung und Versorgung der Schutzsuchenden zu verschaffen.

Ein weiteres Problem der Familie Abu Kaschif ist, dass die meisten Familienmitglieder keine Pässe haben. Um diese zu beschaffen, bräuchte die Familie viel Geld, sagt Hussein Abu Kaschif, für Gebühren und für Bestechungsgelder. „Die Preise ändern sich von Woche zu Woche“, sagt er. Er schätzt, dass es 6500 US-Dollar kosten würde, Reisedokumente für alle zu organisieren. Geld, das die Familie nicht hat.

Zahl der Asylanträge gestiegen

Laut einer Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage von mehreren Abgeordneten vom 6. Dezember 2016 (Drucksache 18/10575)  haben von April bis September diesen Jahres insgesamt 436.327 Flüchtlinge   Asylerstanträge gestellt. Davon fallen 148.586 Erstanträge auf Minderjährige unter 18 Jahren. Auf Minderjährige unter 16 Jahren fallen 131.430 Asylerstanträge, davon sind 3461 unbegleitet.

Bei den Anträgen gem. § 14a Absatz 2 AsylG (Familieneinheit) wurden 18.672 Asylerstanträge von Minderjährigen von 16 bis unter 18 Jahren gestellt, unbegleitet waren davon 8280.

Gesamtschutzquote 16-18-Jähriger gefallen

Die Gesamtschutzquote bei unbegleiteten Minderjährigen unter 16 Jahren lag in diesem Jahr bei rund 94 Prozent. Bei unbegleiteten Minderjährigen von 16 bis 18 Jahren lag die Quote im 3. Quartal mit 77 Prozent niedriger als noch im 2. Quartal mit 87 Prozent.

Deutlich auffällig geht aus der Statistik hervor, dass von Juli bis September die Zahl der Anträge gesamt um rund 50.000 zu den drei Monaten davor gestiegen ist. Bei Minderjährigen waren es rund 20.000 Anträge mehr.