Undercover im Asylheim: Polizei erwischt Shams Ul-Haq – Was Angela Merkel dazu sagt (TEIL 3)

Erwischt und der Polizei übergeben: Im letzten Teil seiner Undercover-Recherche erzählt der Terrorismus-Experte Shams Ul-Haq, wie seine dritte Identität doch noch aufflog. Die Reaktion des deutschen Staates war so denkwürdig wie die Antwort Angela Merkels kurze Zeit später.

Doch zuerst geht es um untergetauchte IS-Kämpfer und mehr …

Kriminelles Karlsruhe

Als ich in der Erstaufnahme in Karlsruhe ankam fiel mir ein Trend auf, der in den vergangenen zwei Jahren stark zugenommen hat: Ganz normale Ausländer geben sich inzwischen als Flüchtlinge aus und leben in Asylheimen. Für sie vorteilhaft, denn sie bekommen Nahrung und Geld, während sie vielleicht sonst als Obdachlose leben müssten. Unter den Bewohnern des Karlsruher Heims traf ich (wie bereits in Teil 1) gesuchte Verbrecher, die hier gezielt untergetaucht waren. Als ich ankam, wartete ich erstmal mit 40 Personen in der Schlange. Wie in den Städten davor hatte auch hier fast niemand Ausweisdokumente.

Insgesamt verbrachte ich fünf Tage in Karlsruhe, wobei ich nur dreimal im Heim übernachtete. Zwei starke Eindrücke nahm ich davon mit.

Erstens: Nirgendwo habe ich mehr Kriminalität auf einmal erlebt wie in der Erstaufnahme Durlacher Allee. Erpressung, Diebstähle und Belästigung von Frauen gehören dort zur täglichen Routine. Sämtliche Drogen werden in großen Mengen gehandelt. Ein Dealer, der sich mit mir befreundete, erzählte, dass auch einige Sicherheitsleute daran mitverdienen.

Zweitens: In Karlsruhe sind Inder und Pakistani eindeutig in der Minderheit. Sie machen nur zehn Prozent der Bewohner aus. Rund die Hälfte der dortigen Asylbewerber sind Afrikaner und geschätzte vierzig Prozent Sinti und Roma. Diese Sinti- und Roma-Familien nutzen das Flüchtlingsheim einfach als kostenlose Unterkunft und viele Albaner tun es ihnen gleich.

IS-Terroristen drängen nach Europa“

Einen einzigen Syrer traf ich in Karlsruhe. Er hatte drei Jahre lang in einem Flüchtlingscamp in der Türkei verbracht und daher viel zu erzählen. Also rief ich meine syrische Kollegin Nadir an, die als Dolmetscherin hinzukam. Zu dritt gingen wir in ein Restaurant, wo er ungestört mit uns sprechen konnte. Er sagte, dass in türkischen Flüchtlingscamps viele IS-Terroristen seien, die nur darauf warteten, nach Europa zu kommen. Er selbst habe einige von ihnen kennengelernt und sie erzählten ihm, dass der IS derzeit Attentate in Europa plane.

Und dies blieb nicht meine einzige Begegnung mit dem Terror. In Karlsruhe befinden sich bereits einige tschetschenische Dschihadisten, die ich ganz klar als Gefährder einstufe. Einen davon lernte ich kennen. Er zeigte mir noch am gleichen Abend einige Propagandavideos des IS, darunter grauenhafte Gewaltszenen. Dieser Mann gab sich als glühender Anhänger der Terrormiliz zu erkennen. Er erzählte, dass viele seiner Glaubensbrüder, die er Mudschaheddin nannte, landesweit in Deutschland untergetaucht seien. Sie befänden sich in Kontakt mit dem IS.

Hartes Personal

In Karlsruhe ist die Zahl der Sicherheitsleute immens und während der Essensausgabe fühlt man sich wie im Gefängnis. Viele Caterer sprechen kaum deutsch und arbeiten teilweise schwarz – ähnlich wie in Bremen (siehe Teil 2).

Insgesamt herrscht in Karlsruhe ein sehr rauer Ton. Die Security brüllt jeden sofort an und droht teilweise mit Schlägen. Und auch ich bekam Ärger mit dem Personal: Weil ich zwei Nächte lang nicht dort geschlafen hatte, wurde ich am fünften Tag rausgeschmissen. Ich war zwischendurch in ein Hotel gegangen, um diesen Bericht zu schreiben. Das konnte ich den Sicherheitsleuten natürlich nicht sagen und so fand ich mich um sieben Uhr morgens bei acht Grad minus vor der Tür wieder …

Letzte Station: MÜNCHEN

In München ging ich zum Ankunftszentrum für Flüchtlinge in der Maria-Probst-Straße. Diesmal würde ich auffliegen, war ich mir sicher – schließlich verfügt das BAMF in München über die beste Vernetzung. Das hatte mir ein Informant schon vor der Recherche gesagt.

Als ich ankam erwartete mich das übliche Bild: Viel zu viele Securitys, die aggressiv auftraten und Kinder verängstigten. Zuwenig Sozialarbeiter. Trotzdem wurden alle Asylsuchenden von den Mitarbeitern der Aufnahmestelle sehr freundlich empfangen.

Während ich mir in der Schlange die nächste falsche Identität ausdachte, sprachen mich ein Pakistani und drei Männer aus Sri Lanka an. Sie erzählten Folgendes: Sie waren nach München geflogen und hatten Asyl am Flughafen beantragt. Dies führte dazu, dass sie fünf Tage in einem kleinen Zimmer ohne Fenster eingesperrt waren. Eine schlimme Zeit für sie. Die drei Männer aus Sri Lanka besaßen gültige Reisepässe, die man ihnen sofort mit dem Asylantrag abnahm. Sie wussten nicht, wie es weitergehen würde. Mehrmals täglich waren sie stundenlang verhört worden, bekamen irgendwelchen Fraß zu essen und hatten ständig Angst vor Misshandlung. Schließlich holte sie die Flughafenpolizei ab und brachte sie hierher in die Maria-Probst-Straße. Einer der drei zeigte mir das 60 Seiten starke Verhör-Protokoll, das man ihnen mitgegeben hatte.

In München fiel mir besonders das fragwürdige Verhalten gegenüber Flüchtlingsfamilien mit kleinen Kindern auf. Die Familien müssen mitunter stundenlang warten, während ihre Kleinkinder oder Babys bitterlich weinten. Hier empfehle ich, mit entsprechendem Augenmaß vorzugehen und Familien bevorzugt zu behandeln, einfach der Kinder wegen.

Merkwürdiger Gesundheitscheck

Endlich kam ich dran. Zusammen mit drei anderen Männern wurde ich ärztlich untersucht. Kurz vor uns wurde ein Mann aus Somalia direkt ins Krankenhaus gebracht, da er schwer krank war. Bei uns wurden lediglich die Temperatur gemessen und die Hände kontrolliert. Welche Erkenntnisse der Arzt aus dieser geheimnisvollen Handdiagnose gewann, ist mir schleierhaft. Er fragte, ob wir irgendwelche Krankheiten oder Allergien hätten und dann durften wir gehen.

Weiter ging es zur Abnahme der Fingerabdrücke. Diesmal erwischten sie mich tatsächlich. Der Computer spuckte einen Inder namens Mozour Ahmad aus – der Mann, der ich in Bremen und Karlsruhe gewesen war. Schlaues Kerlchen. Jetzt war ich natürlich gespannt, wie es weiterging.

Als mich die Polizei abholte …

Inzwischen war es 22 Uhr geworden und ich wurde mit rund 40 anderen Personen in einen Container gebracht, damit wir dort erstmal schlafen konnten. Noch in der gleichen Nacht holten mich Sicherheitsleute ab und brachten mich in ein Büro. Kurz darauf erschienen dort zwei Beamte, die mich zum nächsten Polizeirevier brachten. Während der Fahrt erklärten sie mir, dass ich eine Straftat begangen hätte und wohl einige Tage in U-Haft bleiben müsste.

Dass die Angabe eines falschen Namens eine Straftat darstellte, war mir neu. Dann müssten ja sämtliche Flüchtlinge strafrechtlich verfolgt werden, die mit falschem Namen in Deutschland unterwegs sind.

Auf dem Polizeirevier nahm man erneut meine Fingerabdrücke und ein Polizist erklärte mir, nun würde geprüft, ob ich als Krimineller gesucht werde. Das war natürlich nicht der Fall. Also fragten mich zwei Beamte, warum ich meine Fingerabdrücke doppelt und mit falschem Namen abgegeben hatte. Ich erzählte, dass ich in Karlsruhe von einem Sicherheitsmann geschlagen wurde (eine Geschichte, die ich anhand meiner Beobachtungen für ein realistisches Szenario hielt). Deshalb hätte ich Angst bekommen und nun versucht, in Bayern Asyl zu beantragen. Den falschen Namen hätte ich angegeben, damit man mich nicht zurückschickt in die Hölle nach Karlsruhe …

Das klang einigermaßen plausibel. Sie fragten nicht weiter, sondern riefen gleich in Karlsruhe an. Einer der Polizisten sprach in meiner Anwesenheit mit dem Vorgesetzten der Karlsruher Security. Danach meinte er, dass die Polizei nun lediglich eine Meldung über mich verfassen würde: Der Vorfall in Karlsruhe erkläre mein Verhalten hinreichend. Danach ließen sie mich gehen mit dem Hinweis, ich solle mich wieder in der Unterkunft in München melden. Insgesamt wurde ich von der Münchner Polizei sehr freundlich behandelt.

In Libyen tobt die Anarchie

Kurz nach meiner Rückkehr in die Münchner Erstaufnahmestelle lernte ich einen Nordafrikaner kennen, der mir Erschütterndes aus Libyen berichtete:

Es gebe dort viele schwere Misshandlungen seitens der libyschen Polizei. Demnach werden in Libyen viele Migranten von der dortigen Polizei festgenommen und erst wieder freigelassen, nachdem sie hohe Geldsummen für ihre Freiheit bezahlt haben. Machen sie das nicht, werden sie von Polizisten misshandelt, gefoltert und manchmal sogar umgebracht, sagte der junge Mann. Seine Erzählungen haben mich sehr mitgenommen und ich musste die ganze Zeit daran denken, als ich von München nach Hause fuhr. Jetzt brauchte ich erstmal ein Wochenende Pause.

Merkels Antwort auf meine Fragen

Am Montag darauf kehrte ich in das Münchner Ankunftszentrum in der Maria-Probst-Straße zurück. Zufälligerweise gaben an diesem Tag Angela Merkel und Horst Seehofer eine Pressekonferenz. Meine Chance auf ein offizielles Feedback. Also ging ich in die CSU-Zentrale, wo das Gespräch stattfand.

Als die Kanzlerin und der bayerische Regierungschef an den Mirkos standen, fragte ich beide, ob das Fingerabdrucksystem inzwischen bundesweit funktioniert. Auch wollte ich wissen, ob es in Deutschland ein Gesetz gibt, dass die Verwendung mehrerer Identitäten verbietet.

Frau Merkel antwortete, dass bereits jetzt Gesetze existierten, die eine Nichtmitwirkung an der Feststellung der Identität sanktionierten. Momentan werde eine Diskussion geführt, ob diesbezüglich künftig noch härter vorgegangen werden sollte. Auch schreitet nach Aussage der Kanzlerin die bundesweite Vernetzung der Daten gut voran. In manchen Bereichen gebe es jedoch noch Nachholbedarf, fügte sie hinzu.

Das reichte mir nicht und ich wurde konkreter:

„Wird ein Flüchtling von der Datenbank identifiziert, wenn er beispielsweise in Berlin Asyl beantragt, dort Fingerabdrücke abgibt und in Bayern dieses Prozedere wiederholt?“

Frau Merkel antwortete, dass diese Identifizierung seit Oktober 2016 lückenlos funktioniert.

Leider war die Kanzlerin in diesem Punkt falsch informiert. Bei meiner aktuellen Recherche flog ich erst im dritten Anlauf mit einer Doppelidentität auf.

Fazit

Zwei Jahre nach der großen Flüchtlingswelle konstatiere ich Folgendes: Ja, es gibt einige Verbesserungen in den Erstaufnahmestellen. So gibt es zum Beispiel Kindergärten in vielen Unterkünften, Essen, das teilweise halal zubereitet wird und zumindest offiziell greift der Verteilungsschlüssel.

Doch nach wie vor überwiegen die Negativnachrichten.

Die Radikalisierung durch Extremisten hat sich in den vergangenen zwei Jahren weiterentwickelt. Insbesondere Nordafrikaner sind jetzt aktiver in den Heimen und hier MUSS die Bundesregierung hart durchgreifen, wollen wir nicht zur Terrorhochburg werden.

In den Unterkünften brauchen wir mehr Sozialarbeiter, denn sie sind es, die bei der Integration der Migranten eine wichtige Rolle spielen. Stattdessen brauchen wir weniger Sicherheitsleute. Hier sollte ein Umverlagerung der Personalkosten stattfinden.

Was endlich zu 100 Prozent funktionieren MUSS, ist das Fingerabdruck-System. Es kann nicht sein, dass ich mich unzählige Male registrieren lasse, bis mich endlich die Datenbank in München wiedererkennt. Asyltouristen muss ein Riegel vorgeschoben werden. Ebenso jenen Schmarotzern, die sich als Schutzsuchende tarnen und in den Unterkünften ein bequemes Leben führen. Auch gegen gesuchte Straftäter, die sich in den Heimen verstecken, muss die Exekutive viel härter vorgehen.

Identitäten nicht geklärt

Abschließend noch ein Wort zu fehlenden Ausweisen: In 80 bis 90 Prozent der mir bekannten Fälle trug niemand einen Reisepass oder ein vergleichbares Dokument bei sich. Hierfür gibt es verschiedene Gründe. Sobald jemand irgendwo Asyl beantragt, wird ihm der Pass entzogen und im besten Fall erhält man eine Kopie. Auch ziehen viele Schleuser Pässe ein, um ein Druckmittel in der Hand zu haben. Und dann gibt es noch die vielen Fälle, in denen Migranten ihre Dokumente einfach wegwerfen, um Identität oder Herkunftsland zu verschleiern.

Immer noch geben sich viele Migranten aus sicheren Herkunftsländern als Syrer aus, weil sie wissen, dass sie keine legale Chance auf Asyl haben. Hinzukommen terroristische Gefährder, die bewusst ihre Identität verschleiern. Zwar versuchen die Behörden, Identitäten auf verschiedene Weise zu klären: Sie rufen ausländische Botschaften an, lassen sich die Handys der Betroffenen zeigen oder nehmen sogar Kontakt zu Familienangehörigen auf, doch letztlich funktioniert das alles nicht. Deutschland fehlt noch immer ein Weg, um die Identität dieser Menschen zweifelsfrei festzustellen.

Vor zwei Jahren recherchierte Shams-Ul Haq undercover bereits in über 35 Flüchtlingsheimen europaweit. Vor Kurzem zog der Journalist und Terrorismusexperte wieder seine älteste Kleidung an. Er traf IS-Späher und Asylbetrüger in Teil 1 und Bremer Salafisten in Teil 2. Sein Enthüllungs-Buch machte ihn im ganzen deutschsprachigen Raum bekannt. Zuvor berichtete u.a. für die TV-Sender N24 und n-tv als Asien-Korrespondent

Shams Ul-Haq, Jahrgang 1975, stammt aus einer sehr armen Familie und kam im Alter von fünfzehn Jahren mit Schleusern von Pakistan nach Deutschland.

Shams Ul-Haq

Die Brutstätte des Terrors – Undercover in Flüchtlingsheimen

Taschenbuch: 214 Seiten, 14,90 Euro
Kindl Edition: 7,99 Euro

Verlag: SWB Media Publishing; Auflage: 1 (26. September
ISBN-10: 3945769973
ISBN-13: 978-3945769973
Größe und/oder Gewicht: 12,8 x 2,3 x 18,9 cm

„Ein spannendes Werk, dass sicher viele Debatten auslösen wird“
– Prof. Dr. Frank Überall, Journalist, Politikwissenschaftler

„Eine wichtige Recherche zur rechten Zeit“ schreibt Dr. Christoph Hein, Frankfurter Allgemeine Zeitung

Siehe auch: „Brutstätte des Terrors“ – Undercover-Journalist schreibt brisantes Enthüllungsbuch