Wohnungsbesitzer zockt bis 9.000 Euro Miete für Flüchtlinge ab

In Berlin werden zahlreiche Privatwohnungen an Flüchtlinge vermietet - zu Tagessätzen bis zu 50 Euro pro Person. Der "RBB" geht Hinweisen eines Hörers nach solch einem Fake-Hostel nach und wird fündig: 70 Quadratmeter, 3 Zimmer, 6 Personen - Kostenübernahme zwischen 4.500 und 9.000 Euro.

Der Hinweis eines Hörers des "RBB" Inforadios brachte schier unglaubliches ans Licht.

In einem Mehrfamiienhaus in der Tempelhofer Königsstraße besitzt der Hörer drei Wohnungen. Im selben Haus gab es einen Friseursalon in einer Erdgeschosswohnung.

Die Besitzerin löste im September 2015 das Gewerbe auf und verkaufte die 70 Quadratmeter große Dreizimmerwohnung für knapp 100.000 Euro. So weit so gut.

"Thomas", der Neue

Der neue Eigentümer betreibt in der Wohnung jetzt eine nicht genehmigte Flüchtlingsherberge. Kennengelernt hat ihn Herr Altenburg, der Zahnarzt, noch nicht. "Thomas" soll er heißen. "Ich fand es völlig in Ordnung, dass dort Flüchtlinge untergebracht werden", so Altenburg, "aber absurd, dass Mondpreise bezahlt werden, für Unterkünfte von Flüchtlingen in einem normalen Mietshaus", meldete der "RBB" die Hörergeschichte.

Laut Altenburg mache sich jeder Vermieter strafbar, wenn die Miete auch nur 15 Prozent über dem Mietspiegel liege.

Besuch vom RBB bei Syrern zuhause

Der Sender besuchte daraufhin die Wohnung. Das ehemals große Schaufenster ist nun mit einem Tuch verhängt. Ein junger Syrer, Anfang 20, öffnet mit verschlafenem Blick und bittet das Reporterteam herein.

Die Wohnung wirkt sauber und gemütlich. Hier leben sechs Flüchtlinge in drei geräumigen Zimmern. In einer Ecke der winzigen Küche wurde eine Duschkabine verbaut.

Der junge Syrer erzählte, dass er die Wohnung über einen Vermittler gefunden habe: "Der Mann hieß Thomas. Ein Freund von mir kannte ihn. Ich bin zu einem Büro gegangen und habe dort meinen Kostenübernahmeschein abgegeben."

Einige Leute verdienen ganz gut an der Flüchtlingskrise: zum Beispiel ein Wohnungseigentümer in Tempelhof. Ein…

Posted by rbb-Inforadio on Mittwoch, 10. Februar 2016

Der Kostenübernahmeschein vom Lageso

Die Bescheinigung vom Lageso bestätigt, dass das Land Berlin die Unterbringungskosten für ein Hotel oder eine Pension übernimmt.

Der junge Syrer erzählte, dass er, als er nach Berlin kam, gefragt wurde, ob er lieber einen Platz im Flüchtlingsheim haben wolle oder eine Kostenübernahme für ein Hostel. 

"Ich habe mich für die Kostenübernahme entschieden. Thomas hat mich zu dieser Wohnung gebracht und gefragt, ob ich hierbleiben will. Ich habe gesagt: ja, die Wohnung ist sehr gut, hier gibt es nicht so viele Leute."

Der Flüchtling hatte ein Foto des Lageso-Scheins in seinem Handy gespeichert. Darauf steht: "Für eine Notunterbringung in einer gewerblich genehmigten Unterkunft, für bis zu 50 Euro pro Person, pro Tag."

Die Firma mit der falschen Berlin-Angabe

Ausgestellt ist der Schein für eine Unterkunft mit der Adresse: "Hostel/Pension Heusa GmbH, Kratatzer Weg 12, 16775 Berlin", eine offenbar erfundene Adresse, da es in Berlin keinen Kratazer Weg gibt und auch keine Postleitzahl 16775 [FOTO].

Im Wohnungsflur hängt ein Zettel mit der Adresse der Heusa GmbH: Kraatzer Weg in 16775 Gransee. Bei der Straßenbezeichnung könnte es sich lediglich um einen Tippfehler gehandelt haben. Aber die Ortsangabe Berlin ist falsch. Es handelt sich um eine Adresse in Brandenburg, womit die Lageso schon nicht mehr zuständig wäre.

Auf dem Zettel steht auch der volle Name und eine Handynummer von "Thomas", der Kontaktperson. Nach einigen Google-Recherchen steht fest. Thomas und der Wohnungsbesitzer sind Inhaber besagter GmbH in Gransee. Die Firma betreibt gleich mehrere Geschäftszweige: Onlineshop, Modelabel und eine Plattform für Ferienwohnungen in Berlin.

Ein Anruf undercover als Flüchtlingshelfer

Die Reporter rufen bei Thomas an und behaupten, sie würden eine syrische Familie betreuen und wöllten diese nun in einer Wohnung unterbringen. Thomas hat drei Wohnungen am Start. Der Hinweis der Reporter, dass die Flüchtlinge eine Berechtigung für eine Wohnung hätten, gefällt Thomas nicht. Er sagt, dass sie nur Notunterkünfte hätten und einen Kostenübernahmeschein der Lageso bräuchten.

[Audio-Stream RBB hier:]

Offensichtlicher Betrug und kein Einzelfall

Offenbar bringt die Heusa GmbH an mehreren Stellen Flüchtlinge gegen Kostenübernahme vom Staat unter. Das Team wendet sich an das Bezirksamt Tempelhof-Schönberg. Sozialstadträtin Sybill Klotz erklärt indessen, dass in der besagten Wohnung kein Gewerbe angemeldet ist, auch keine Unterkunft, kein Ferienapartment und auch keine Notunterkunft für Flüchtlinge.

Die Wohnung in der Königsstraße ist eine ganz normale Wohnung. Das Land Berlin zahlt für die Kostenübernahmescheine in der Regel zwischen 25 und 50 Euro pro Person und Tag. Die Heusa GmbH kassiert für diese 3 Zimmerwohnung also zwischen 4.500 und 9.000 Euro Miete.

Frau Klotz will sich um den Fall kümmern, die Wohnung überprüfen. Die Bauaufsicht wird informiert. Doch dies ist kein Einzelfall.

RBB schreibt dazu wörtlich: "Der Sozialstadtrat des Bezirks Mitte, Stephan von Dassel, hat mehrfach Verfügungen gegen Personen eingereicht, die Flüchtlinge gewerbsmäßig in Privatwohnungen unterbringen. Vor einigen Monaten habe seine Dienststelle einen Antrag auf gewerbliche Nutzung von 19 Wohnungen in der Wollankstraße bekommen. Das Amt habe den Antrag abgelehnt. Bei einem Besuch in der vergangenen Woche habe sich dann herausgestellt, dass sich in allen diesen Wohnungen Flüchtlinge befanden – allerdings nicht in einem normalen Mietverhältnis, sondern zum Tagespreis von 50 Euro pro Person."

Das Geschäft floriert – weiterhin

Von Dassel ist sich sicher, dass Berlin derzeit einen dreistelligen Millionenbetrag ausgibt, nur weil Flüchtlinge zu Tagessätzen in Wohnungen untergebracht werden anstatt zu Wohnungsmieten.

Es seien mehrfach Bußgelder über 10.000 Euro verhängt worden. Doch die Geschäftemacher hätten jedesmal Einspruch eingelegt. Die Fälle landeten vor Gericht und würden dort seit Monaten vor sich hindümpeln, der schwierigen Beweislage wegen.

Auch die Lageso reagiere nicht auf Hinweise, so von Dassel. In den Wohnungen seien immer noch Flüchtlinge untergebracht. Die verantwortliche Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales antwortete zu dem Vorwurf von Fake-Hostels in einer allgemein gehaltenen Antwort. Man erstatte in diesen Fällen Anzeige und werde in Zukunft mit einer White-List seriöser Immobilienanbieter arbeiten. Es werde an dieser Liste gearbeitet.

Auch die Firma Heusa GmbH beziehungsweise "Thomas" möchte zu den Recherchen des Senders nichts sagen. (Quelle: RBB) (sm)