Informeller Startschuss: Französischer Wahlkampf geht in die heiße Phase

Im französischen Präsidentschaftswahlkampf wird es langsam Zeit, über Inhalte zu debattieren. Nachdem heute die offizielle Kandidatenliste vorgestellt wurde, findet am Montag die erste TV-Debatte dieses Wahlkampfs statt.

Es wird langsam Zeit, über Inhalte zu debattieren. Denn in den vergangenen Wochen wurde der Präsidentschaftswahlkampf in Frankreich von einem Thema überdeckt: Die Scheinbeschäftigungsaffäre um François Fillon sorgte für ein politisches Erdbeben, brachte die Präsidentschaftskandidatur des konservativen Ex-Premiers ins Wanken und ließ seine Umfragewerte purzeln. Dabei trat fast in den Hintergrund, dass die Franzosen in wenigen Wochen eine richtungsweisende Wahl treffen – und dass der nächste Staatschef vor gewaltigen Herausforderungen steht.

Erste TV-Debatte am Montag

Das soll jetzt anders werden: Fünf Wochen vor der ersten Wahlrunde wurde am Samstag die offizielle Kandidatenliste vorgestellt. Und am Montagabend treten die wichtigsten Präsidentschaftskandidaten in einer ersten TV-Debatte gegeneinander an. Neben Fillon sind das der parteilose Mitte-Kandidat Emmanuel Macron, die rechtsgerichtete Politikerin Marine Le Pen, der Sozialist Benoît Hamon und Linkspartei-Gründer Jean-Luc Mélenchon.

Diskutiert werden soll über Wirtschaftspolitik und Außenpolitik. Die Kandidaten werden den Franzosen also unter anderem glaubhaft darlegen müssen, wie sie das schwache Wirtschaftswachstum wieder in Gang bringen und die hohe Arbeitslosigkeit bekämpfen wollen. Die Fernsehdebatte dürfte so etwas wie ein informeller Startschuss für die heiße Phase des Präsidentschaftswahlkampfs werden.

Viele Überraschungen vor der Wahl

An Spannung fehlt es ohnehin nicht im Rennen um den Elysée-Palast. Die vergangenen Wochen und Monate waren schon reich an Überraschungen. Bei den Konservativen gewann im November der lange als Außenseiter gehandelte Fillon die Präsidentschaftsvorwahl, im Dezember verkündete der unpopuläre Staatschef François Hollande seinen Verzicht auf eine erneute Kandidatur, im Januar kürten seine Sozialisten den lange belächelten Parteilinken Benoît Hamon zum Kandidaten.

Und nachdem Fillon nach seinem Vorwahlsieg als haushoher Präsidentschaftsfavorit galt, wurde er durch den Strudel um die mutmaßliche Scheinbeschäftigung seiner Ehefrau Penelope in die Tiefe gezogen. Seine Kandidatur verteidigte der 63-Jährige zwar eisern gegen eine wahre Rebellion seiner Partei. Doch in Umfragen ist der selbsterklärte Saubermann, gegen den am vergangenen Dienstag ein Ermittlungsverfahren eingeleitet wurde, abgestürzt: Er landet inzwischen abgeschlagen auf dem dritten Platz.

Eine Sensation in der jüngeren Geschichte Frankreichs bahnt sich an

Weil außerdem die Sozialisten nach Hollandes fünf wenig erbaulichen Amtsjahren bei den Wählern vorerst unten durch sind, bahnt sich eine Sensation an: Erstmals in der jüngeren Geschichte Frankreichs könnten in der ersten Wahlrunde am 23. April sowohl die Konservativen als auch die Sozialisten ausscheiden. In der Stichwahl am 7. Mai könnten sich stattdessen Politik-Jungstar Macron, dessen kometenhafter Aufstieg weit über die Grenzen Frankreichs hinaus für Aufsehen gesorgt hat, und die rechtsorientierte Le Pen ein Duell liefern.

Eigentlich hat die rechtsgerichtete Front-National-Chefin dann keine Chance, Umfragen sagen einen klaren Sieg des früheren Wirtschaftsministers gegen sie voraus. Aber nach dem überraschenden Brexit-Votum und dem Wahlsieg von Donald Trump in den USA – und nach den turbulenten vergangenen Wochen in Frankreich – ist „eigentlich“ ein relativer Begriff. Kaum ein Meinungsforscher will kategorisch ausschließen, dass Le Pen nicht doch das Rennen machen könnte.

Die Fernsehdebatte am Montagabend ist deswegen der Auftakt für einen Wahlkampf, dem nicht nur die Franzosen mit großem Interesse folgen werden. Ganz Europa blickt gespannt auf Frankreich. (afp)

 

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