Ö-Wahl im Pressespiegel: Nazi-Vergleiche für Hofer international

Nachdem Österreichs Präsidentenwahl knapp für Alexander van der Bellen entschieden wurde, atmet die Presselandschaft auf. Doch Entwarnung sei unangebracht: "Die Wähler von Hofer sind ja noch da."

Nie zuvor bekam eine österreichische Bundespräsidentenwahl soviel internationale Aufmerksamkeit. In Wien hatten sich mehr als 160 Reporter für die Hofburg akkreditiert, berichtet Oe24.at.

Nazi-Vergleiche für Hofer international

Drastische Wortwahl und Nazi-Vergleiche gab es in der Berichterstattung über FPÖ-Kandidat Norbert Hofer nicht nur in Deutschland. Er sei ein „extrem Rechter“ schrieb die polnische Gazeta Wyborcza, der „Erinnerungen an die Nazis weckt“ (Daily Mail). Der französische Figaro warnte vor einer „Rückkehr des Nazismus nach Österreich“.Die B.Z. zeigte Hofer mit montiertem Hitlergruß und titelte: „Er ist wieder weg“.

„Mit zwei blauen Augen davon gekommen“

„Der Standard“ aus Wien schreibt: „Österreich ist mit zwei blauen Augen davon gekommen. Es war eine Richtungsentscheidung mit Signalwirkung über die Landesgrenzen hinaus. Das Ergebnis ist ein Votum für Weltoffenheit und die Beibehaltung des bisherigen proeuropäischen Kurses. Das hat Van der Bellen in seiner ersten Erklärung nach dem Wahlsieg deutlich gemacht.“

„Die Presse“ aus Wien schreibt: „Nichtdestoweniger bedeutet der Wahlausgang mit Platz zwei einen enormen Erfolg für Hofer und die FPÖ. Während Van der Bellen von einer Koalition von Prominenten und Vertretern mehrerer Parteien unterstützt wurde, stehen hinter Hofer nur die Freiheitlichen. Noch nie hat ein Kandidat der Oppositionspartei so viele Stimmen auf sich vereinigen können. Mit Sonntag ist Hofer eine Alternative zu Heinz-Christian Strache als Kanzlerkandidat. Wer schon einmal Hofer gewählt hat, könnte das auch bei einer Nationalratswahl leichter wieder tun.“

„Hofer verhindern“

Frankfurter Allgemeine Zeitung: "Halb Österreich atmet auf, ein großer Teil des Berliner Regierungsviertels und vermutlich ganz viele Politiker in Brüssel: Der FPÖ-Kandidat Hofer zieht doch nicht als Bundespräsident in die Wiener Hofburg ein. Er verlor, nachdem er im ersten Wahlgang die Kandidaten der ÖVP und der SPÖ deklassiert hatte, äußerst knapp gegen den von einer großen Anti-Hofer-Koalition unterstützten Van der Bellen, der nie eine Chance auf dieses Amt gehabt hätte, wenn Hofer nicht ganz Österreich mobilisiert hätte: die eine Hälfte für sich, die andere gegen sich. Der ehemalige Grünen-Vorsitzende Van der Bellen wird nun versuchen, wie es in solchen Fällen heißt, Präsident aller Österreicher zu sein. Doch verband schon seine Unterstützer nur eines: Hofer zu verhindern", schreibt die "FAZ".

Gespaltenes Land

Rhein-Neckar-Zeitung“ (Heidelberg): „Österreich ist nach dieser Präsidentschaftswahl gespalten wie nie. Der Grüne Alexander Van der Bellen, der es schaffte, den Rechtspopulisten Norbert Hofer auf Platz zwei abzudrängen, sollte sich als mahnendes Beispiel Barack Obama anschauen, wie ein Präsident daran scheitern kann, ein Land zu einen – und daraus Konsequenzen ziehen. Möglicherweise würde in ihm die Erkenntnis reifen, dass der erstarkende Rechtspopulismus in Europa nicht ausschließlich das Ergebnis der Flüchtlingskrise ist – sondern durch dieses Phänomen nur verstärkt wird.“

Der Tagesspiegel (Berlin): "Das Patt zwischen den beiden Lagern, das die Präsidentenwahl so dramatisch sichtbar gemacht hat, liegt weiter drohend über dem Land. Kann sein, dass der neue Bundeskanzler die Kraft hat, es aufzulösen. Kann auch sein, dass es die österreichische Politik bis zu den nächsten landesweiten Wahlen in zwei Jahren als Menetekel begleitet. Dann läge über dem Land der Druck eines kalten Bürgerkrieges: zwei gleich große Kräftegruppierungen, die die Politik in ihren Bann schlagen. Dahinter der unverhohlene Machtwille des FPÖ-Chefs Strache, ideologisch aufgeladen mit dem Gedanken an ein anderes Österreich."

Österreich kein „Land voller Nazis“

„Kölner Stadt-Anzeiger“: „Österreich ist verunsichert, seit langem chronisch schlecht gelaunt. Aber Österreich ist nicht so rechts, nicht einmal so konservativ, wie man es sich in Deutschland gern einredet. Schon gar nicht ist es ein Land voller Nazis. Alexander van der Bellen ist ein Österreicher durch und durch. Mit seiner Gelassenheit, seiner Selbstironie, seiner Toleranz und seiner Widerständigkeit gegen die Zumutungen von Konformismus und Spießertum, rechtem ebenso wie linkem, verkörpert der 72-Jährige eine sympathische Seite Österreichs. Man müsste sich nicht wundern, wenn der Grüne ein sehr populäres Staatsoberhaupt würde.“

Bedrohung für „demokratisches Europa“

„Volksstimme“ (Magdeburg): „Die Bedrohung für das geeinte, demokratische Europa ist längst nicht mehr fiktiv, sondern greifbar. Denkbar knapp haben die Österreicher den Durchmarsch des Rechtspopulisten Norbert Hofer in die Wiener Hofburg verhindert. Das wäre wohl kaum passiert, hätte es nach dem ersten Wahlgang nicht eine gesellschaftliche Aufwallung in der Alpenrepublik gegen den FPÖ-Mann gegeben. Die Spaltung des Volkes hebt diese Wahl nicht auf. Sie halbwegs zu überwinden, bedeutet viel Arbeit für den neuen Präsidenten Alexander Van der Bellen (…).“

„Rheinische Post“ (Düsseldorf): „Die Präsidentenwahl in Österreich ist entschieden, aber geklärt ist nichts. Der hauchdünne Ausgang der Abstimmung hat die politische Zerrissenheit des Landes deutlich gemacht, deren Überwindung die wichtigste Aufgabe des frischgewählten Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen sein muss. Ob der Ex-Grüne es schaffen kann, die tiefe gesellschaftliche Kluft zu überbrücken, ist leider zu bezweifeln. Zu unvereinbar scheinen die Welten, in denen seine Wähler und die Anhänger seines FPÖ-Konkurrenten, Norbert Hofer, leben.“

Keine Entwarnung

Weser-Kurier (Bremen): „Noch aber verbietet sich jede Entwarnung – selbst wenn Österreich als Stammland des erfolgreichen Rechtspopulismus eine gewisse Symbolkraft hat. Denn die Wähler und Wählerinnen von Norbert Hofer, die Sympathisanten von Heinz-Christian Strache sind ja noch da. Es sind – neben harten Nationalisten – vor allem jene "kleinen Leute", die der Sozialdemokratie davonlaufen. Auch in Frankreich, Deutschland und Skandinavien. Ein grün-liberal-konservatives Bündnis wird sie so schnell nicht wieder einsammeln – aber es muss sich mit ihren Abstiegsängsten beschäftigen.“ (rf)