„Denkt selbst!“: Hochschullehrer in den USA fordern Studenten zur eigenen Meinungsbildung auf

„Eure Motivation selbstständig zu denken, sollte die Liebe zur Wahrheit sein und der Wunsch, die Wahrheit zu finden." Mit diesem Plädoyer für das selbstständige Denken wenden sich Hochschuhllehrer renommierter Universitäten an die Studenten des neu beginnenden Semesters.

Am 29. August haben 26 Lehrer und Professoren der drei höchst angesehenen Universitäten Amerikas, Princeton, Harvard und Yale einen offenen Brief an alle Studenten geschickt, die jetzt aus den Sommerferien zurückkehren. Dabei haben sie ihnen eine Empfehlung ausgesprochen, die in der heutigen Zeit fast schon radikal erscheint, wie sie selbst sagen. „Denkt selbst!“

Denkt selbst! – Das mag einfach klingen –beginnen die Hochschullehrer ihr Plädoyer für das eigenständige Denken. Doch wie die Studenten sicher schon im Gymnasium festgestellt hätten, könne dies durchaus eine Herausforderung sein. Denn es brauche immer Selbstdisziplin und diesen Tagen auch viel Mut.

Im heutigen Klima sei es einfach, die Ansichten und das Weltbild von einer dominierenden Meinung prägen zu lassen, die auf dem Campus oder der Umgebung vorherrsche. Dabei könne man leicht der Gefahr unterlaufen, der Unsitte des Konformismus zu verfallen und dem Gruppendenken nachzugeben, so die Akademiker.

An vielen Colleges und Universitäten bewirke die „Tyrannei der öffentlichen Meinung“ – wie John Stuart Mill sie nannte – nicht nur, dass den Studenten der Mut genommen werde, sich den vorherrschenden Ansichten über Moral, politische und andere Fragen, entgegenzustellen. Sie führe die Studenten vielmehr zur der Überzeugung, dass die herrschenden Meinungen so offensichtlich richtig sind, dass nur ein Fanatiker oder Spinner sie in Frage stellen könnte.

Da aber niemand ein Fanatiker oder ein Spinner sein will – und auch nicht dafür gehalten werden wolle – sei es der einfachste und auch bequemste Weg, sich der Orthodoxie des Campus anzupassen, heißt es weiter.

Macht das nicht so. Denkt selbst.

Dann fahren die Lehrer wörtlich fort: „ Selbst denken heißt, die herrschenden Meinungen auch dann zu hinterfragen, wenn andere darauf bestehen, dass sie nicht zu hinterfragen sind.“ Dies bedeute, sich nicht an modischen Trends zu orientieren, sondern sich die Mühe zu machen, die stärksten Gegenargumente anzuschauen und ehrlich zu betrachten. Darunter würden auch die Argumente fallen, die von anderen verunglimpft oder stigmatisiert würden. Auch Auffassungen, die andere vor einer kritischen Auseinandersetzung schützen möchten, gehörten dazu.

„Eure Motivation selbstständig zu denken, sollte die Liebe zur Wahrheit sein und der Wunsch, die Wahrheit zu finden. Der Kernpunkt der College-Ausbildung besteht darin, die Wahrheit zu suchen und die Kenntnisse und Fähigkeiten für eine beständige Wahrheitssuche zu erwerben. Aufgeschlossenheit, kritisches Denken und Debattieren sind grundlegende Voraussetzungen für die Wahrheitsfindung. Außerdem sind sie unser bestes Gegenmittel gegen Engstirnigkeit und Fanatismus.“

Merriam-Websters erste Definition eines „Fanatikers“ beschreibt eine Person, die starrsinnig oder intolerant ihren eigenen Ansichten und Vorurteilen hörig ist, heißt es weiter. Die einzigen, die demzufolge ein offenes Hinterfragen und eine ernste Debatte fürchten müssten, seien die wahren Fanatiker. Damit meine sie auch all jene, die auf dem Campus oder in der Gesellschaft versuchten, die Hegemonie ihrer Meinungen zu schützen, indem sie behaupten würden, dass es selbst ein Ausdruck von Fanatismus sei, wenn man ihre Ansichten in Frage stelle.

Lasst euch also nicht von der öffentliche Meinung tyrannisieren!, schließen die Gelehrten ab. „Verfangt euch nicht in einer Echokammer. Wenn ihr am Ende eine Meinung ablehnt oder bejaht, dann stellt sicher, dass ihr durch eine kritische Analyse aller Gegenargumente zu eurem Standpunkt gelangt seid.“

Denkt selbstständig, Denkt selbst!

Viel Glück im College, wünschen die Lehrer, dann folgt die lange Liste der Unterzeichner.

Some Thoughts and Advice for Our Students and All Students

(mcd)