Nach Anschlags-Serie in Deutschland: So gespalten kommentiert internationale Presse

Nach den Bluttaten der vergangenen Tage in Deutschland kommentiert die internationale Presse die Ereignisse: Die Bandbreite reicht von „Amokläufe hat es stets gegeben“, bis zum Ruf der österreichischen „Krone“ nach hartem Durchgreifen. Der „Standard“ ruft nach „mehr Psychologen.“ Polens Konservative bescheinigen Deutschland "selbstmörderischen Trieb". Ein Ausschnitt der Meinungen.

Österreich:

Merkel hatte bisher nur viel Glück“

Die Krone kommentiert unter dem scharfen Titel: „Sie fliehen vor Gewalt – und morden ihre Gastgeber“. „Die deutsche (aber auch die österreichische) Regierung hat die Kontrolle über ihre Gäste aus Syrien, Afghanistan, Marokko oder Tunesien verloren.“ (…) „Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und Europas gesamte „Refugees Welcome“- Partie hatte bisher nur ziemlich viel Glück gehabt: Die Sex- Attacken, Vergewaltigungen, Messerstechereien, Drogendelikte, Diebstähle etc. wurden von willfährigen Medienhäusern verniedlicht. Spätestens mit dieser Woche ist die Verharmlosungspolitik und Verharmlosungs-Berichterstattung am Ende: Den Angehörigen der Opfer der Bluttaten in Würzburg, München, Reutlingen und Ansbach ist nämlich absolut egal, ob der Herr Mörder „vom IS geschickt wurde“, „sich selbst radikalisiert hat“, „ein psychisches Problem hat“ und/oder „ein Mobbingopfer“ oder aber bloß „ein Nachahmungstäter“ sein soll.“

Die Krone sieht den Rechtsstaat in Deutschland und Österreich außer Kraft gesetzt und fordert: „Auch wenn dafür eine enorme Kraftanstrengung nötig ist, müssen sämtliche Asylwerber von Kriminalisten und Verfassungsschützern vernommen werden. Top- Experten – wie etwa die US- Daten- Profis von „Palantir“ – könnten die Angaben der Migranten sammeln, vergleichen, auswerten, auf Ungewöhnliches abchecken, mögliche Lügen entdecken. Und wir alle wollen bitte nicht hören, dass diese Überprüfung der neuen Gäste „aus Personalmangel“ oder wegen „fehlender Finanzmittel“ nicht möglich sei. Es geht jetzt um uns. Und um das Leben unserer Kinder.“

Mehr Psychologen“

Der Standard sieht eine Überreaktion der Münchener Polizei:

„Zuerst war das Chaos, dann kamen die üblichen Reaktionen: Verschärfung des Waffenrechts, mehr Mittel für die Polizei, Einsatz von Soldaten. Erstaunlicherweise wurde nicht der Ruf nach mehr Psychologen laut. Nach den Ereignissen von München an diesem Wochenende begann gleich mit Verve die Debatte über Fehler der Polizei: Wurde nicht überreagiert, als man den ganzen öffentlichen Nahverkehr und Autobahnen gesperrt hat? Wurde nicht dadurch erst recht Panik ausgelöst?

Wer kommt für den Schaden auf, der entstanden ist, weil eine Metropole stundenlang lahmgelegt wurde? Hätte es ohne Facebook und Twitter diese Aufregung überhaupt gegeben? Warum transportieren Medien diese Meldungen weiter? Diese Fragen und Debatten sind berechtigt, es geht um das Verhalten in Extremsituationen, die plötzlich alltäglich geworden sind (…)“.

Amokläufe hat es stets gegeben“

Die „Neue Züricher Zeitung“ schreibt:

„Amokläufe hat es stets gegeben; es ist nicht einmal sicher, ob ihre Häufigkeit jüngst signifikant zugenommen hat. Denkbar wäre es. (…) Die auf Computern, Spielkonsolen und Smartphones omnipräsenten virtuellen Welten von Spielen und sozialen Netzwerken könnten den Sinn für Realität und Fiktion durcheinanderbringen. Seit einigen Jahren bietet zudem die Gewaltideologie des Jihadismus eine leicht verfügbare Oberfläche, auf der Propaganda, Selbstüberschätzung und Wahn die eigene Selbstaufgabe zur Heldentat des Terroranschlags umdeuten können.

Trotzdem bleibt das Risiko, in Europa Opfer eines Amokläufers oder eines Terroristen zu werden, extrem gering. Es ist richtig, wenn sich Experten Gedanken darüber machen, wie das Risiko weiter reduziert werden könnte. Auch die Medien dürfen durchaus einmal kritisch darüber nachdenken, wie und was genau sie über solche Gewaltausbrüche berichten sollten. Doch vor Schnellschüssen und falschen Hoffnungen sei gewarnt. Amokläufe von Einzeltätern, ob als Terroranschlag inszeniert oder nicht, sind wegen ihrer Isoliertheit und ihrer oft simplen Mittel der Durchführung schwer zu vereiteln.“

Regierungen müssen Nerven bewahren

Der Londoner Guardian schreibt: „Millionen von Menschen in Europa werden mit einer Schießerei in einem Einkaufszentrum, einer plötzlichen Attacke in einem Zug oder einem mörderischen Anschlag mit einem Lastwagen konfrontiert und stellen sich vor, dass dies auch in ihren Gemeinden geschehen könnte. Deshalb müssen Regierungen die notwendigen präventiven Maßnahmen treffen. Denn bei diesen Millionen von Menschen sind auch allzu leicht Gegenreaktionen vorstellbar, die sich gegen Ausländer und Migranten richten. Europas populistische und migrationsfeindliche „Law and Order“-Parteien erstarken bereits im Zuge der wirtschaftlichen Stagnation. Willkürliche Gewaltakte schüren die Ängste. Die Regierungen sind aufgefordert, die Nerven zu bewahren und eine ohnehin schon schlechte Situation nicht noch schlimmer zu machen.“

Tschechien

Deutsche Wähler mit Geduld am Ende“

Die Zeitung „Lidové noviny“ schreibt: „Die Politiker führen immer wieder dieselben Argumente ins Feld: Erstens könne es keine absolute Sicherheit geben. Zweitens brauche man Geduld. Das sind rationale, logische und berechtigte Argumente.

Doch sie konnten nur überzeugen, solange sich solche mörderischen Angriffe einmal alle paar Jahre ereigneten. Welche Wirkung haben sie noch in einer Zeit, in der wir jede Woche neue Schreckensnachrichten erhalten? Gerade diejenigen, die vor den angeblichen Rechtspopulisten warnen, sollten ahnen, dass diesen nichts mehr Wähler zutreibt als der obligatorische Aufruf zu Geduld und Besonnenheit nach jedem Anschlag.“

„Krankheit der Gesellschaft“

„Hospodárské noviny“ schreibt: „Das Schicksal des psychisch entgleisten Attentäters aus München, der dem Wahn des Massentötens verfallen war, aber auch andere Fälle von Gewalttaten durch sehr junge Menschen bis zu einem Alter von 30 Jahren deuten auf innere Beweggründe hin. Sie sind Zeichen einer sozialen Pathologie, die von der modernen Gesellschaft hervorgebracht wird – und nicht immer und zuallererst durch äußere Feinde. Die Details sind jedes Mal anders, aber grundsätzlich scheint es sich um eine Krankheit der Gesellschaft zu handeln, die sich selbst hartnäckig als gesund ansieht.“

Polen: Das Resultat von Multikulti

Polens Innenminister Marian Blaszczak sagte der Zeitung „Rzeczpospolita“ laut Spiegel Online: „Die Probleme, die derzeit unsere Nachbarn umtreiben, sind das Ergebnis einer jahrzehntelangen Einwanderungspolitik, das Resultat einer Multikulti-Politik, das Resultat dessen, dass über Jahre Immigranten aus dem Nahen Osten und Nordafrika hereingelassen wurden, die sich nicht in die europäische Gesellschaft integrieren.“

Die deutschen Eliten hätten ein „Verbrechen gegen das eigene Volk“ begangen und eine „islamische, mörderische Horde“ ins Land gelassen, hieß es auf dem rechtskonservativen Nachrichtenportal „wpolityce.pl“ . Die deutschen Medien und Sicherheitsdienste würden sich „verschiedene Dummheiten ausdenken, um die Katastrophe der Politik von Angela Merkel zu vertuschen“. Es sei schwer, „diesen selbstmörderischen Trieb“ der Deutschen ruhig zu kommentieren, so Journalist Stanislaw Januszewski. Er bezeichnete Merkels Politik der offenen Grenzen als „die mit Abstand größte politische Dummheit des 21. Jahrhunderts.“

„Sme“ aus der Slowakei schreibt:

„Wir können nicht die Augen vor der Wahrheit verschließen, dass der Zustrom von Flüchtlingen auch das Sicherheitsrisiko erhöht. Und dass der radikale Islamismus gefährlich ist – wie jede Form von Fanatismus und Fundamentalismus. Ebenso ist aber auch wahr, dass die letzten beiden Angriffe (Nizza und München) das Werk übergeschnappter Einzelner waren, in denen gerade die gegenwärtige, über das Internet aufgepeitschte Atmosphäre das Bedürfnis zu töten hervorgerufen haben könnte.“

Ungarn

„Népszava“: Orbán-Regierung macht mit München Propaganda

„Berichten zufolge war unter den Opfern auch ein ungarischer Jugendlicher, genauer: ein Junge, der seit zehn Jahren in Deutschland lebte, dort zur Schule ging und Doppelstaatsbürger war. Ungarns Außenminister Péter Szijjártó meinte, dass wir, nachdem der Terrorismus nun sogar ein ungarisches Opfer gefordert habe, an einem Markstein angekommen seien. Was für ein Markstein das sein soll, wissen wir nicht, denn auch bei den Anschlägen in Nizza, Paris und Brüssel oder sogar beim 11. September 2001 hätte es ungarische Opfer geben können. (…) Dabei hatte München nichts mit der Einwanderung zu tun. Die ungarische Regierung ignoriert das aber. Der ungarische Außenminister hat – auf Anweisung Orbáns – die Tragödie von München mitsamt dem ungarischen Opfer dazu missbraucht, Reklame für die Volksabstimmung zu machen.“ (Zitat laut „Welt“.)

Norwegen

„Nicht alle Massenmörder sind Terroristen“

In Norwegen schreibt „Aftenposten“: „Ein gewisses Muster lässt sich immer wieder erkennen, ob nun nach dem Angriff auf den Nachtklub in Orlando, dem Anschlag von Nizza, dem Attentat auf die britische Labour-Politikerin Cox oder nun in München: Die Täter hatten psychische Probleme, sie planten ihre Taten eine Weile voraus, und manchen Behauptungen zum Trotz waren die Verbindungen zum IS oder anderen internationalen Terrororganisationen eher schwach. Extreme Ideologien können psychisch kranken Tätern einen zusätzlichen Impuls verschaffen, und selbstradikalisierte Terroristen sind eine große Herausforderung. Aber es ist eben nicht alles politisch motivierter Terror: Oft sind es in Wahrheit triste Biografien von Menschen mit einer perversen Hoffnung auf internationale Aufmerksamkeit.“ (Zitat laut „Deutschlandfunk“.)

Spanien

„La Razon“ aus Madrid schreibt:  „Die Abfolge von blutigen Ereignissen macht deutlich, dass Europa ein Sicherheitsproblem hat, das sich nur schwer in den Griff bekommen lässt. Diese Gefahr ist real und darf nicht geleugnet werden. Aber ebenso wenig darf sie dazu führen, dass die überwältigende Mehrheit der unschuldigen Menschen unter Generalverdacht gestellt wird, die auf der Suche nach einem besseren Leben nach Europa gekommen sind. Die Behörden haben jetzt die Aufgabe, die Sicherheit aller Bürger zu gewährleisten und Demagogie zu verhindern“, fordert LA RAZON aus Spanien.

(rf)

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