"Igor" der erfundene Separatist

"Machtmensch Putin": So wurde die ZDF-Doku offenbar manipuliert

Epoch Times, Donnerstag, 11. Februar 2016 12:13
Bei der Dokumentation "Machtmensch Putin" unterliefen dem ZDF anscheinend schwerwiegende Fehler. Dem Sender wird sogar Manipulation vorgeworfen. Der wichtigste Zeuge wurde offensichtlich bestochen. Eine Hintergrundrecherche des deutschen Journalisten-Verbandes erhärtet den Verdacht.
Wladimir Putin im Kreml
Wladimir Putin im Kreml
Foto: YURI KOCHETKOV/Getty Images

"Machtmensch Putin" - Der Dokumentar-Film über den russischen Präsidenten Wladimir Putin, droht für den ZDF zum Fiasko zu werden. 

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Die ZDF-Doku wurde vor Weihnachten 2015 ausgestrahlt und zeigt Russlands Staatsoberhaupt als düsteren Herrscher der in blutige Machenschaften verwickelt ist. Doch nur fünf Tage nach der Veröffentlichung des Films erhob das russische Staatsfernsehen schwere Vorwürfe: Bei der Dokumentation soll es zu schwerwiegenden Manipulationen gekommen sein. Die Geschichte des jungen Russen, den das ZDF als Kronzeugen für den Einsatz russischer Soldaten in der Ostukraine präsentiert, soll eine reine Erfindung sein.

Den jungen Mann, der seinen Aussagen zufolge im Osten der Ukraine auf der russischen Seite kämpfte, nannte das ZDF "Igor". Doch in Wirklichkeit heißt er Jurij Labyskin und kämpfte auch nicht im Donbass. Dies ergaben Nachrecherchen des russischen TV-Senders Rossija 1 und des deutschen Journalisten-Verbandes. 

Der falsche Separatist 

Im Interview mit Rossija 1 behauptet Labyskin, 50.000 Rubel (rund 560 Euro) von dem Produzent der Putin-Dokumentation, Walerij Bobkow, erhalten zu haben. Dafür musste er vor der Kamera einen Separatisten spielen und über seinen Einsatz im Donbass berichtet. 

Das ZDF bestreitet die Bestechungs-Vorwürfe. "Das ZDF hat für die Dokumentation 'Machtmensch Putin' keine Dreharbeiten manipuliert und eine solche Manipulation auch nicht in Auftrag gegeben. Das Drehmaterial wurde in einem mehrstufigen Verfahren redaktionell überprüft, bevor es zur Ausstrahlung gelangt ist", teilte Robert Bachem, Leiter des Programmbereichs "ZDFinfo, Gesellschaft und Leben" dem "Stern" auf Anfrage mit. 

Bachem meint, dass Labyskin vom russischen Inlandsgeheimdienst FSB massiv unter Druck gesetzt worden sei um die Fälschungsvorwürfe gegen das ZDF zu erheben.

Doch weitere Recherchen brachten Indizien zum Vorschein, die die Fälschungsvorwürfe untermauern.

Zwei Journalisten die bereits viele Jahre über Russland berichtet hatten, begaben sich für das Medienmagazin "Journalist" des deutschen Journalisten-Verbandes (DJV) auf Spurensuche. Moritz Gathmann und Maxim Kireev reisten mehrere Wochen durch Russland und die Ukraine und trafen sich mit Labyskin in Kaliningrad. Sie sprachen auch mit zahlreichen Freunden und Bekannten des 27-Jährigen und machten sogar seine angebliche Frau ausfindig, die dem Russen in der Doku offenbar angedichtet worden ist.

Die intensive Recherche ergab, dass "der Hauptprotagonist des ZDF nicht in der Ostukraine gekämpft hat", sagt Gathmann zum "Stern". "Es deutet alles darauf hin, dass es sich bei der Figur 'Igor' um eine Erfindung des ZDF-Producers Walerij Bobkow handelt."

Es gebe laut den Journalisten absolut keine Belege für den Einsatz Labyskins im Donbass. "Es gibt niemanden in Donezk, der ihn dort gesehen hätte. Es gibt keine Bilder, die ihn vor seinem Dreh mit Bobkow in der Ostukraine zeigen würden. Man könnte natürlich sagen, er hat die Bilder gelöscht oder beseitigt. Aber das ZDF oder Bobkow müssten irgendwelche Bilder haben oder wenigstens gesehen haben, die seinen Einsatz belegen würden. Dies ist aber offensichtlich nicht der Fall."

Die Reporter gaben an, nicht mit endgültiger Sicherheit beweisen zu können, dass Labyskin nicht im Donbass war, "aber es lässt sich eben auch nicht belegen, dass er dort war." 

Labyskin habe flüchtigen Bekannten auch erzählt, im Donbass gekämpft zu haben. Aber dies wurde durch seine Freunde widerlegt. Diese bestätigten den Reportern, dass Labyskins Brandnarben, die er im Film als Kriegsverletzungen präsentiert hatte, durch einen Unfall mit heißem Wasser verursacht wurden. Darüber hinaus habe er im Dezember 2014 eine Geburtstagsparty veranstaltet und sei nicht, wie im Flim angegeben, im Schützengraben in Donezk gesessen.

Seine Freunde konnten also seinen Aufenthalt im Donbass nicht bestätigen.

Die Reporter fanden noch weiter Indizien, die widerlegen, dass Labyskin in der Ostukraine kämpfte. 

Bobkow habe den 27-jährigen in Kaliningrad auf einer Baustelle kennengelernt. Dort Baue der Doku-Produzent gerade ein Haus mit mehreren Mietwohnungen. "Und auf dieser Baustelle hat ein Freund von Labyskin gearbeitet. Wie mir dieser besagte Freund berichtete, hat Bobkow zunächst ihm angeboten, nach Donezk zu fahren. Er lehnte jedoch ab und stellte Labyskin Bobkow vor. Dieser willigte schließlich ein," berichtet Kireev dem "Stern".

Demnach glaubte Labyskin zunächst, dass er Bobkow nur als Helfer in die Ukraine begleiten sollte. "Erst als sie im Donbass waren, sollte er auf einmal vor die Kamera treten. Dass er für das ZDF arbeitet, war Labyskin zunächst überhaupt nicht bewusst. Er war überzeugt, dass er einfach für Bobkow arbeitet und nicht etwa für ein ausländisches Fernsehen," so Kireev weiter. 

Labyskin habe auch angegeben, nie mit dem ZDF direkt gesprochen zu haben. "Er redet nur von Bobkow. In meinen Augen macht es seine Version auch glaubwürdiger. Denn wenn er oder der FSB ein Interesse daran hätte, das ZDF zu verleumden, dann würde er sich nicht bloß auf Bobkow beziehen," sagt der Journalist zur Zeitung. 

Letztendlich gab es aber ein Interview mit dem ZDF in Moskau. Dies wurde vom ZDF-Autor Dietmar Schumann geführt, so der "Stern"-Reporter.

"Ja, etwa einen Monat nach dem Dreh im Donbass hat Bobkow Labyskin wieder kontaktiert und ihn nach Moskau für ein Interview eingeladen. Labyskin hat dafür von Bobkow genaue Instruktionen bekommen, was er zu sagen hat. Mit Schumann hat es hingegen der Darstellung Labyskins zufolge keine Absprachen gegeben," erwidert Kireev.

In dem Interview machte Labyskin mehrere fehlerhafte Angaben.

"Man muss sagen, dass auf den ersten Blick Labyskins Erzählungen im Interview mit dem ZDF schlüssig wirken", sagt Gathmann zum "Stern". "Aber wenn man genauer nachforscht, so fallen viele Ungereimtheiten auf. So berichtet er etwa, dass er schon am 30. Mai in dem Bataillon Sparta gekämpft hat. Aber dieses Bataillon ist erst im August in Erscheinung getreten. Weiter behauptet er, dass das Bataillon im Polizeihauptquartier seine Basis hatte. Tatsächlich nutzte Sparta das Gebäude des ukrainischen Geheimdienstes in Donezk als Hauptsitz."

"Außerdem", so die Journalisten, "berichtet er, er sei in einer ukrainischen Armeebasis in der Nähe des Donezker Flughafens stationiert gewesen. Das Problem: Die von Labyskin angegebene Adresse, Straße der 230. Schützendivision, befindet sich am anderen Ende der Stadt. Von Kasernen ist dort keine Spur zu sehen. Stattdessen reiht sich dort ein Plattenbau an den nächsten. Und es wird sogar noch pikanter. In der Straße der 230. Schützendivision befand sich der Darstellung Labyskins zufolge das Apartment, das Bobkow für ihren Aufenthalt im Donbass angemietet hatte."

In der Dokumentation wurde behauptet, dass Labyskin Frau und Kind in Kaliningrad zurücklassen musste, um in den Krieg zu ziehen. Labyskin selbst sagte später jedoch, er sei nicht verheiratet. Die Frau sei ebenfalls für ihre Darstellung bezahlt worden. Dies konnte von den Journalisten auch nachgewiesen werden. 

Die Wohnung in der die beiden gezeigt wurden, war von Bobkow angemietet worden. Dort hielten Labyskin und der ZDF-Produzent sich für die Dauer ihres Aufenthalts im Donbass auf, so Kireev. "Man sieht der Wohnung an, dass da niemand dauerhaft wohnt."

Auch, dass Labyskins angebliches Kind nicht von ihm sein konnte wurde von den Journalisten belegt. "Das ist zeitlich unmöglich. Das Kind kam im August 2014 zur Welt. Im ZDF-Interview behauptet Labyskin aber, erst Ende Mai 2014 in den Donbass gekommen zu sein. Er kann also unmöglich der Vater sein," so Gathmann.

Die Journalisten hatten das ZDF mit ihren Ergebnissen konfrontiert und der Sender zeigt sich auch kooperativ. "Sie haben uns Zusatzmaterial zur Verfügung gestellt. Das ZDF hat auch ein Interesse daran, herauszufinden, von wem sie gelinkt worden sind. Sie wollen natürlich wissen, ob Bobkow sie reingelegt hat. Das Problem ist: Die vermeintlichen Belege für den Einsatz Labyskins im Donbass, die das ZDF vorgelegt hat, kann man nicht ernst nehmen, wenn man das Material neutral betrachtet. Wir fanden das Material sehr wenig überzeugend," erklärt Gathmann dem "Stern". 

Auch wenn das ZDF nicht vorsätzlich gehandelt hat, unterliefen dem Sender zu viele Fehler und Patzer.

"Bevor Labyskin überhaupt in Erscheinung tritt, leistet sich das ZDF schon einen nicht tolerierbaren Fehler. Im Text heißt es, Putin bestreite, dass russische Soldaten in der Ostukraine kämpfen. Doch zur Illustration werden ukrainische Soldaten gezeigt. Auf den Ärmeln ihrer Uniformen ist sogar die ukrainische Flagge zu erkennen", sagt Gathmann.

So etwas zu zeigen ginge laut dem Journalisten gar nicht! "Wenn in einem Abschnitt des Films erzählt wird, wie die russische Armee dort einen Hybridkrieg führt, dann kann man nicht ukrainische Soldaten zeigen. Punkt." 

"Außerdem", so Gathmann weiter, "ist es ja nicht die einzige fehlerhafte Szene. Der nächste Fehler unterläuft dem ZDF nach der Einführung der Figur 'Igor', bei dem es sich ja in Wahrheit um Jurij Labyskin handelt. In einer Szene der Dokumentation heißt es im Wortlaut: 'In Kaliningrad marschiert Igor ins Rekrutierungsbüro für Freiwillige, das es nach den Aussagen der russischen Behörden gar nicht gibt'. Tatsächlich handelt es sich bei dem Gebäude, das Labyskin betritt, um eine offizielle Rekrutierungsstelle der russischen Armee. Im Interview mit dem ZDF erzählt Labyskin später gar, dass er über einen Freund in die Ostukraine gekommen ist, und nicht etwa über ein angebliches Rekrutierungsbüro für Freiwillige."

Die Ausführungen in der Dokumentation wurden auch nicht durch die Angaben Labyskins in dem ZDF-Interview gedeckt.

Gathmann fügte hinzu, "die ganze Machart des Films, die Musik, die Bebilderung, die Einseitigkeit der Personen, die dafür interviewt worden sind, geht schon ziemlich stark ins Propagandistische. Aber in den wichtigsten Punkten sind die Aussagen natürlich richtig. Auch in der These, für die Labyskin stehen soll: Es gibt Tausende von Russen, die tatsächlich in der Ostukraine gekämpft haben, die dort ihr Leben verloren haben, oder ein Bein, manche auch ihre Illusionen. Und es ist nun extrem peinlich, dass das ZDF da ausgerechnet jemanden präsentiert, der offenbar nicht da war." (so) 



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