Türkei: Düstere Zeiten und Jahre des Chaos kommen, sagt Historiker

Norman Stone ist Historiker. Der britische Staatsbürger lehrte in Ankara, an der Bilkent-Universität. In letzter Minute entkam er dem türkischen Ausnahmezustand und dem Ausreiseverbot für Akademiker, welches auch für Ausländer gilt. Er sieht düstere Zeiten auf die Türkei zukommen. Die Türkei auf dem Weg ins Nirgendwo?

Seinen Angaben zufolge begannen die Gerüchte vor etwa zwei Monaten, „aber ich erwartete nicht, dass etwas passieren würde“, so der Historiker. Dann kam die Putschnacht.

Seinen Flug am Samstag konnte er noch auf Dienstag umbuchen.

Mittwochmorgens erklärte Erdogan den Ausnahmezustand.

Erdogan wird nicht anhalten

Er schätzt die Lage der Türkei und ihren weiteren Weg als düster ein. Erdogans Machtpolitik scheine jetzt einen Paroxysmus zu erreichen, so Stone, und zieht damit den Vergleich zu sich ständig steigernden Ausbrüchen eines Vulkans.

Erdogan habe sogar die Verfassungsrichter entlassen. Stone sieht in Folge eine Art „Telefonjustiz“ auf die Türkei zukommen: „Die Regierung greift dann zum Telefon, um den Richtern zu sagen, wie sie urteilen sollen.“

Jahre des Chaos und der Instabilität

Erdogans Kritiker befürchten, dass eine Diktatur kommen werde. Für Norman Stone stehen die Zeichen der Zeit eher auf Chaos, „lange Jahre des Chaos“ und der Historiker hat auch ein geschichtliches Beispiel parat: 1908 gab es einen „Coup der Jungtürken“, ein Jahr später den „Gegen-Coup des osmanischen Sultans“.

Es habe lange Jahre gedauert, bis das Land stabilisiert war. Das Ende – nach dem Ersten Weltkrieg – war „eine kleine Türkei anstelle des großen Osmanenreiches“.

Kleinere Türkei und Kurdenstaat in Folge möglich

Als Folge des Ganzen wäre sogar eine kleinere Türkei „nicht mehr undenkbar“, so Stone und verweist damit auf ein Proto-Kurdistan.

Die USA und Russland würden ja die diversen kurdischen Kräfte gegen die Islamisten in Syrien und als stabilen Anker im zerfallenden Irak unterstützen, erklärt der Historiker.

Wenn sich Russen und Amerikaner zusammensetzen und entscheiden, dass ein kurdischer Staat eine gute Sache wäre, dann kann es sein, dass das kommt. (Norman Stone, Historiker an der Bilkent-University Ankara)

Der Absturz der Türkei

Für Stone war die Armee seit dem frühen 19. Jahrhundert der eigentliche Modernisierer in der Türkei, „die Schule der Nation“.

Der Historiker glaubt daran, dass dies nicht der letzte Putsch im Land war. Die Türkei brauche eine Armee und in dieser werde es immer Leute geben, die darauf blicken, „in welchem Zustand sich das Land befindet“ und auf die Zukunft geschaut, „wird das kein besonders guter Zustand sein“.

Stone erwartet eine Inflation und „Staatsfinanzen in rauer See“. Investoren würden das Land meiden, der Tourismus am Boden liegen, die Wirtschaft eine Talfahrt machen. Dies alles führe dann wieder zu politischen Problemen.

„Auch wenn er die Gebetsaufrufe in allen 80.000 Moscheen, die dieses Regime bauen ließ, auf Dauerschleife stellt: Es ist verrückt, so extreme Politik zu machen, wenn nur die Hälfte der Gesellschaft hinter ihm steht.“

Erdogan werde sehr viel Hass schaffen, was auf Dauer nicht gut gehen könne.

Gesäubert von kompetenten Kräften

„Zudem ist da das Kompetenzproblem“, so der Historiker. „In Militär, Verwaltung und in der Bildung werden nun Loyalisten und der Geist der islamischen Milli-Görüs-Bewegung, aus der Erdogan stammt, inkremental übernehmen.“

„Es ist eine Art Islam, dessen Hauptmerkmal Dummheit ist.“ (N. Stone)

Das Bildungssystem werde leiden, die Effizienz des Staates, des Militärs, alles langfristig negative Folgen. Einen wirkungsvollen Kampf gegen die PKK kann sich Stone dann nicht mehr vorstellen. Schon heute stünden Brutalität und plumpe Gewalt vor Professionalität, was man insbesondere daran sehe, wie seit Monaten Städte im Südwesten plattgemacht würden.

(Quelle: „Die Welt„)(sm)

Siehe auch:

Finanzrisiko Türkei – erste Investoren verlassen das Land