US-Ökonom: „Ohne radikale Veränderungen geht Europa zu Grunde“

Sollte es in Europa nicht zu radikalen Veränderungen kommen, würde es weiterhin bergab gehen, sagt der US-Ökonom der die Finanzkrise 2008 voraussagte. Er meint auch, dass Banken pleitegehen und die Spekulanten und Oligarchen die Kosten tragen sollten.

Der US-Ökonom Michael Hudson sagte die Finanzkrise in 2008 voraus. Jetzt warnt der Experte, dass es in Europa immer weiter bergab gehen werde, sollte man nicht drastische Maßnahmen einleiten.

Die Finanzkrise wäre für Hudson, sowie für "Zehntausende" andere auch, klar vorauszusehen gewesen: "Die privaten Schulden wuchsen viel schneller als die Möglichkeiten, diese zu begleichen. Das wussten Zehntausende, nur hat niemand öffentlich darüber gesprochen. Diejenigen, die davon wussten, waren Banker und haben von der Blase profitiert. Sie haben Haus-Kredite an Kunden ohne entsprechendes Einkommen vergeben (Ninja-Kredite: no income, no job, no assets), diese an Pensionsfonds und deutsche Banken weitergegeben und gleichzeitig darauf spekuliert, dass die Kredite niemals zurückgezahlt würden", sagte der Ökonom im Interview mit der österreichischen Zeitung Standard.

Michael Hudson ist Präsident des Institute for the Study of Long-Term Economic Trends und lehrt Ökonomie an der University of Missouri. Die "Financial Times" listete ihn 2008 als einen von acht Ökonomen, die das Platzen der Subprime-Blase vorausgesehen hatte.

Eigene Märkte werden zerstört 

Die in der USA ausgelöste Krise konnte nach Europa überschwappen, weil die innländischen Banken viel zu gutgläubig waren, meint Hudson. In den USA hätte die damalige Regierung unter George Bush, die Warnungen des FBI, "es könnte sich der Finanzbetrug der US-Geschichte abspielen", ignoriert. Unterdessen habe der ehemalige Chef der Federal Reserve (FED) Allen Greenspan die Bankenbranche dereguliert. Was letztendlich zu dem immensen Finanzbetrug beigetragen hatte. 

Aktuell würde sich die Welt in der Phase des Schuldenabbaus befinden, so Hudson. "Die Banken wurden gerettet, nicht die reale Ökonomie. Die Schulden stehen in den Büchern und müssen beglichen werden. Einkommen werden nicht in Güter und Dienstleistungen gesteckt, sondern in den Abbau von Altlasten. Anstatt neue Kredite zu vergeben, treiben Banken alte Forderungen ein."

Dadurch würden die Märkte schrumpfen, Investitionen zurückgehen und es würden keine neuen Arbeitsplätze entstehen: "Das geht immer so weiter, solange die Forderungen in den Büchern der Banken und der reichsten ein Prozent bestehen bleiben. Daher kommt die Ironie, dass der kapitalistische Westen vom sozialistischen China abhängig ist. Wir brauchen ausländische Märkte, weil wir unsere eigenen zerstören," sagt der Ökonom im Gespräch mit der österreichischen Zeitung.  

"Banken sollen pleitegehen"

Darüber hinaus meint Hudson, dass es besser wäre die Banken in den Bankrott gehen zu lassen. 

"Bankenpleiten sind notwendig", sagt er. Beim Beispiel Griechenland hätte man gesehen, dass "all diese Banken noch genug Gelder hatten, um gesicherte Einlagen auszuzahlen. Man hätte die Banken in Irland, USA und Griechenland pleitegehen lassen und nicht gesicherte Forderungen abschreiben sollen. Dann hätten Spekulanten und Oligarchen die Kosten getragen. Das wäre gut für die Wirtschaft gewesen, da wieder Geld für Investitionen frei geworden wäre," so der Experte weiter.

Für Griechenland wäre ein solches Szenario politisch gut gewesen, da den Oligarchen ein Teil ihrer Machtbasis entzogen worden wäre. 

Neuanfang ohne Schulden

Wenn es sich in Europa politisch nicht radikal ändere oder eine Revolution komme, würde die EU langsam zugrunde gehen. 

Es würde sich so entwickeln wie in Lettland. Die Einkommen würden sinken, die Menschen würden ärmer, die Jobchancen schlechter, die Arbeitskräfte würden emigrieren und die Bevölkerung zurückgehen. 

"Wohin die Menschen emigrieren werden, kann ich nicht sagen – es ist in Europa überall dasselbe mit der Austerität. Ich sehe keine andere Möglichkeit als eine große Schuldenkonferenz und einen Neuanfang ohne Schulden. Europa ist heute ähnlich verschuldet wie Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg. Nur stehen auf der Gläubigerseite keine Siegermächte, sondern eine superreiche Offshore-Elite der reichsten ein Prozent," sagt Hudson. 

Um diesen Negativtrend zu stoppen, müsste der Neoliberalismus durch den Sozialismus ersetzt werden. "Europa braucht eine echte Zentralbank, die Staaten finanzieren kann, eine radikale Umstrukturierung der Schulden, die Abschaffung der Steuerfreiheit von Zinserträgen, echte progressive Besteuerung und einen Bruch mit der Dominanz des US-Kapitalismus", fügte er hinzu. (so)