Ökonom warnt vor dramatischer Erhöhung des Rentenalters – und vor Armuts-Migranten

Hans Werner Sinn spricht im Interview mit Focus-Online über Illusionen im Rentenwahlkampf und der Rentenreform. Dabei spricht er auch über die soziale Ungerechtigkeit, die sich Kanzlerkandidat Martin Schulz zum Lieblingsthema gemacht hat. Diese soziale Ungleichheit gäbe es kaum, das größere Problem seien die Armuts-Migranten, die nach Deutschland kommen.

Der Wachstumskurs der deutschen Wirtschaft wird sich nicht ewig fortsetzen, meint Hans-Werner Sinn im Interview mit „Focus-online“. Für dieses und nächstes Jahr seien die Aussichten zwar noch positiv, wie es dann aber weitergeht, könnte man nur schwer vorhersagen.

Problematisch werden sich sicher der Brexit und die Handelspolitik der USA auswirken, denn hierbei seien der wichtigste und drittwichtigste deutsche Exportmarkt betroffen, so Sinn, der einer der einflussreichsten Ökonomen Deutschlands ist.

Als ehemaliger Präsident des Ifo-Instituts und Professor für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft an der Uni München nimmt er die möglichen Auswirkungen des Brexit genau unter die Lupe. Dabei kommt er zu dem Schluss, dass wenn jetzt vor allem die südeuropäischen Länder inklusive Frankreich – die mehr an Staatseingriffen als am Freihandel interessiert sind – die Oberhand in der EU gewinnen, dann könnte sich EU und Euro in eine Richtung entwickeln, die den deutschen Exporten schadet.

Armuts-Migranten als größtes Sozialproblem

Und was ist mit der zunehmenden sozialen Ungerechtigkeit in Deutschland, die SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz zum Wahlkampfthema macht?

Das hält Sinn für völlig übertrieben. Was die tatsächlich Fakten betrifft, da liege Schulz ziemlich daneben. Es gäbe zwar eine Einkommensschere bei den Brutto-Einkommen, aber nicht bei den Netto-Einkommen und nur auf die Netto-Einkommen nach staatlicher Umverteilung käme es an.

Sinn wörtlich: „Das größte Sozialproblem sind die Armuts-Migranten, die nach Deutschland kommen. Sie werden in die deutschen Statistiken als armutsgefährdet mit eingerechnet, doch erhalten sie hier ohne Arbeit mehr Sozialeinkommen, als sie zu Hause für harte Arbeit an Lohn erhalten. Schon aus dem Grunde ist die Debatte ziemlich abstrus.“

Rentenalter muss angehoben werden

Und auch was den Rentenwahlkamp betrifft, so sei es „außerordentlich leichtfertig und nicht zu vertreten, dass das Rentenalter für größere Bevölkerungsgruppen jetzt wieder gesenkt wurde,“ meint Sinn weiter. Das Rentenalter müsse wegen der alternden Bevölkerung angehoben und nicht heruntergefahren werden. Man sollte hier keine falschen Erwartungen wecken.

Was die Mütterrente betrifft, so hält sie der Ökonom für sinnvoll, denn die jüngere Generation gebe das Geld an ihre Mütter. Allerdings sei der Plan von Andrea Nahles, das Rentenniveau bis 2045 nicht unter 46 Prozent absinken zu lassen „irreales Wunschdenken“.

„In weniger als 15 Jahren haben wir ein großes demografisches Problem, wenn die Babyboomer-Generation, die jetzt Anfang 50 ist, in Rente gehen will. Dann wird es so extrem eng im Staatsbudget, dass sich solche Wünsche als Utopien erweisen werden.“

Die Lösung der Probleme sieht Sinn eher darin, den Menschen mehr Anreize zu geben, wieder mehr Kinder zu bekommen. „Nichts zerstört die Gesellschaft mehr, als wenn man Lebensmodelle ohne Kinder propagiert, denn Gesellschaften ohne Kinder sterben aus.“

(mcd)