Bei Kindern kommt das WIR vor dem ICH – bis zum fünften Lebensjahr

Neue Studien liefern nun Erkenntnis darüber, dass Kinder bis zum fünften Lebensjahr in einer engen Wechselbeziehung zu ihren Bezugspersonen stehen. Erst später findet der Schritt vom WIR zum ICH statt.

Jedes Ich braucht ein Du, um sich zu entwickeln. Zu dieser Erkenntnis kam bereits der Philosoph Martin Buber im letzten Jahrhundert und auch der Frankfurter Philosoph Jürgen Habermas geht davon aus, dass jeder Mensch eng auf andere angewiesen ist und seine Identität nur gemeinsam mit diesen ausbilden kann.

In einem Bericht des Deutschlandfunks wird genau diese Thematik neu beleuchtet, indem man sich auf die aktuellen Erkenntnisse der Psychologin Henrike Moll von der University of Southern California bezieht. Diese hat unlängst herausgefunden, dass Kinder bis zum fünften Lebensjahr auf ein Wir hin orientiert sind.


Kinder denken als „Wir“ – Die Ich-Perspektive entwickelt sich erst ab dem fünften Lebensjahr. Foto: Arno Burgi/Archiv/dpa

Lange war man in psychologischen Kreisen der Meinung, dass Kinder nur auf sich selbst bezogen sind. Sie würden einfach von sich – ich sehe nichts – auf andere schließen. Entsprechend den Experimenten von Henrike Moll lässt sich allerdings belegen, dass dies nur ein Teil der Wahrheit ist. Sie hat erfahren, dass Kinder die gleichen Schlüsse ziehen würden, wenn andere Personen die Augen verdeckten:

„Wenn man die Kinder fragt, ob sie eine Person sehen können, die ihre Augen geschlossen hat, dann sagen die Kinder ‚Nein‘. Also im Alter von bis zu fünf Jahren verneinen die Kinder die Sichtbarkeit eines anderen für sie, wenn der andere sie nicht auch gleichzeitig sieht. Und wir haben argumentiert, dass die Kinder ein beidseitiges Verständnis von Personenwahrnehmung haben.“

Die Kinder schließen demnach nicht nur von ihrer Perspektive aus auf andere, sondern auch umgekehrt. Sie schließen auch von einer anderen Person auf sich selbst: „Wer mich nicht sieht, den sehe ich auch nicht“.


Foto: Ed Jones/AFP/Getty Images

Lange Zeit bleibt die Wir-Wahrnehmung laut Moll das Fundament, auf dem Kinder in die soziale Welt hineinwachsen. Erst ab dem fünften Lebensjahr wird es für sie sozusagen zur zweiten Natur, die Perspektiven des Ich und des Du klar voneinander zu trennen. „Im Grunde geht ihnen da etwas abhanden“, meint die Forscherin.

Moll und ihr Team haben außerdem herausgefunden, dass sich diese Phänomen auch auf andere Modalitäten wie das Hören und auch das Sprechen anwenden lässt.

Kleine Kinder erleben also sich selbst als Teil eines größeren Ganzen. Sie sind Beziehungswesen, schlussfolgert die Forscherin. Diese Art der Wahrnehmung bezieht sich aber laut Moll nur in Bezug auf andere Personen und nicht in bezug auf Sachen.

Wie stark sich das auf die Wir-Orientierung des Erwachsenen auswirkt, also ob dieser zum Egozentriker wird oder sozial eingebunden bleibt, das wird Bestandteil neuer Befunde sein, auf deren Beantwortung man gespannt sein darf, so der DLF abschließend.

(mcd)