100 Jahre kommunistische Revolution: Historiker Löw beschreibt Karl Marx als den „Vernichter“

Im Oktober 2017 jährt sich die russische Revolution zum hundertsten Mal. Zum Anlass des bevorstehenden Jubiläums veröffentlicht die EPOCH TIMES ein in 2011 geführtes Interview mit dem Historiker Professor Konrad Löw neu. Er gilt als Experte in der Forschung über Karl Marx als Verfasser des „Rotbuchs über den Kommunismus“.

Filmzitat: Er gibt radikale Antworten. Der deutsche Philosoph Karl Marx: Seine Vision einer klassenlosen Gesellschaft macht den streitbaren Draufgänger zum einflussreichsten Deutschen der Moderne.

Professor Konrad Löw: Das ist natürlich nicht schlecht: Einflussreichster Philosoph der Moderne. Könnte man sagen, na ja – so wird er uns präsentiert und für viele ist er es ja tatsächlich.

Epoch Times: Ist er ein Anreger für viele?

Prof. Löw: Zumindest einer, zu dem man sich bekennt, wobei die allerwenigsten, die sich zu ihm bekennen, genauere Kenntnisse seiner Gedanken und seiner Werke haben.

Epoch Times: Herr Professor Löw, was ist das für ein Film?

Prof Löw: Ein Film über Karl Marx und den Klassenkampf. Das ZDF hat vor einigen Jahren eine Umfrage gestartet, wer der größte Deutsche sei und das Resultat war – Platz 1: Konrad Adenauer, Platz 2: Martin Luther. Aber bereits auf Platz 3: Karl Marx; in den neuen Bundesländern war Karl Marx sogar auf Platz 1. Da ist es natürlich naheliegend, ihn und sein Werk dem deutschen Publikum näherzubringen, eben darüber einen Film zu inszenieren und zu zeigen, und das geschah im November 2010.

Epoch Times: Warum ist Karl Marx in Ostdeutschland der bekannteste Deutsche?

Prof. Löw: Die Antwort ist einfach: Man hat den Kindern und Jugendlichen in den Gebieten der ehemaligen DDR Karl Marx als einen Menschen vorgestellt, dessen ganze Leidenschaft nur dem galt, für das Volk zu wirken. Also als jemanden, der wirklich das Wohl der Arbeiter, der Unterdrückten suchte und dafür gleichsam sein eigenes Leben opferte. So wurde er präsentiert. Und das wurde geglaubt, deshalb also seine hohe Reputation.

Reale Kenntnisse sind so gut wie nicht vorhanden, ich bin ja früher oft in die neuen Bundesländer gekommen, habe darüber auch referiert, vor Lehrern und Kollegen, aber die alle räumten unumwunden ein: eine intensivere Beschäftigung mit Marx habe es für sie nicht gegeben. Marx wurde ihnen vorgegeben, und um tiefer einzusteigen, fehlte ihnen einerseits die kritische Literatur und andererseits die Zeit.

Epoch Times: Was war er eigentlich für ein Mensch, Karl Marx.

Prof. Löw: Das ist wohl möglich zu beantworten, wenn wir alles Schriftliche, was er selbst in seinen jungen Jahren verfasst hat und das damals über ihn verfasst wurde, lesen würden, zur Kenntnis nehmen – was ja kaum geschieht. Dann haben wir einen Menschen vor Augen, der vor Selbstbewusstsein strotzt, und gleichzeitig – das geht Hand in Hand – alle anderen, die Menschen, aber auch ihre Tradition, gering erachtet, wenn nicht sogar verachtet. Das ist ein sehr tristes Menschenbild des Karl Marx, aber niemand, der sich mit den Fakten beschäftigt, mit den Briefen des Vaters, mit eigenen Aufzeichnungen, mit seinen Gedichten und so weiter, kann diesem Urteil entgehen.

Epoch Times: Es wurde immer gesagt, Marx pflegte eine sehr, sehr enge Beziehung zu seinem Vater und er liebte ihn. Also war er wohl auf der anderen Seite von seinem Vater auch sehr abhängig. Im Film sehen wir ja auch, dass er sehr gut gelebt hat als Durchschnittsstudent in der damaligen Zeit.

Prof. Löw: Das können wir exakt belegen, seinen Wohlstand. Er hat vom Vater mehr Geld erbeten, genauer gesagt gefordert, als die reichsten Studenten zur Verfügung hatten. Und unter diesen Forderungen des Sohnes an den Vater, der ja für eine Reihe weiterer Kinder sorgen musste, für Frau und Kinder, hat der Vater sehr gelitten. Was der Vater seinem Sohn in den Briefen mitteilte, das ist regelrecht erschütternd, beispielsweise der Satz: „Ich will und muss dir sagen, dass du deinen Eltern wenig Freude, aber sehr viel Verdruss bereitet hast!“ Das möchte man eigentlich nicht vom eigenen Vater Schwarz auf Weiß haben. Was nun Marx betrifft, so haben wir das Schwarz auf Weiß und diese Klage scheint sehr berechtigt zu sein. Der Vater begründet diese Klage im Detail, und die Rechnungen des Sohnes, die uns erhalten geblieben sind, zeigen, dass er sogar als Student versucht ein Leben zu führen, das sich eigentlich nur die Wohlhabendsten leisten konnten.

Epoch Times: Es heißt, sein Vater habe sich auch wegen seiner Charakterschwäche Sorgen gemacht.

Prof. Löw: Der Vater diagnostizierte beim Sohn all jene Schwächen, die der Sohn dann später gleichsam mit Blick auf die ganze Welt glaubt feststellen zu können. Man könnte insofern geradezu von einer Sozialisierung von Privatneurosen sprechen, also der Entfremdung und auch der Eigensucht, der Rücksichtslosigkeit, das alles sagt ihm der Vater auf den Kopf zu und es sind jene Merkmale der Gesellschaft, an die Marx glaubte und deretwegen er sie dann später bekämpfte.

Epoch Times: Wie steht es um die Spiritualität von Marx? Er stammte ja aus einer Familie von Rabbinern, wurde jedoch christlich erzogen. Das spricht zwar nicht dafür, dass er ein Christ war, aber er ist doch in solch einem Umfeld aufgewachsen. Sein Vater scheint sich darum Sorgen gemacht zu haben, dass er ein Gedicht darüber geschrieben hat, worin er sagt, der Allerheiligste habe ihn verlassen, dass ein Fremder in ihn hineingeht – oder?

Prof. Löw: Richtig, da gibt es einen langen Brief von Karl an den Vater, und auf diesem Brief gründet die ernste Sorge, dass dieser Karl nicht wie die anderen Studenten lebt und gleichsam sich mit der Welt abfindet, sich in ihr zurechtfindet. Er erscheint als einer, der auf das Höchste aufgewühlt ist und sich eine eigene Weltanschauung errichtet, unter der er leiden wird, an der er möglicherweise auch zerbrechen wird. Das ist die Vision des Vaters mit Blick auf den Sohn. Der Vater ist ja bereits 1838 gestorben, also ziemlich früh. Deshalb haben wir aus der späteren Zeit keine Briefe, keine Beobachtungen des Vaters mehr.

Epoch Times: Auch zu seiner Mutter hatte er keine gute Beziehung.

Prof. Löw: Die Beziehung zur Mutter war eher noch schlechter als die zum Vater. Also was wir da an schriftlichen Zeugnissen des Sohnes haben, das ist regelrecht erschütternd. Die Mutter sollte ihn als Student in Berlin finanziell unterstützen, was sie ja auch tat. Aber sie war ja nun Witwe, musste an die Belange der großen Familie denken, und der Verschwender Karl war mit dem, was er bekam, nicht zufrieden. Deshalb hat er sie regelrecht erpresst. Das sind erschütternde Dokumente, die man einfach zur Kenntnis nehmen muss und wenn man das tut, dann kann man nicht unberührt bleiben.

Epoch Times: Also war Karl ein Verschwender? Er wurde an der Universität der „Vernichter“ genannt, was hat es damit auf sich?

Prof. Löw: Das stimmt, das ist schon auffallend, wenn wir die Abituraufsätze in Deutsch von allen Klassenkameraden und von ihm durchlesen. In all diesen Aufsätzen taucht nicht einmal das Wort „vernichten“ auf, ich habe sie alle gelesen. Und im Aufsatz des Karl Marx, und in ihm, wenn ich mich recht entsinne, nicht nur zwei, drei-, viermal, sondern sechsmal „vernichten“ obwohl das Wort eigentlich in Betrachtungen eines Jünglings bei der Wahl seines Berufes, so der Titel des Abituraufsatzes in Deutsch, nichts zu suchen hat, also „vernichten“ einerseits und andererseits „einen Thron will ich mir auferbauen“, heißt es in einem seiner Gedichte, „kalt und riesig soll der Gipfel sein“. Also zwischen dem Vernichten einerseits und dem Thron zur eigenen Ehre andererseits schwanken seine Gedanken in dieser Zeit.

Epoch Times: Es gibt schon sehr viele Paradoxien in seinem Leben. Auf der einen Seite stand seine enge Beziehung zu seiner Frau Jenny, sie war ja seine Jugendliebe, und die beiden waren so viele Jahre verheiratet. Aber es gibt da auch Briefe, die uns verraten, dass er nicht nur einen unehelichen Sohn hat, sondern zwei uneheliche Kinder, stimmt das?

Prof. Löw: Mit Blick auf den zweiten bin ich sehr vorsichtig, da gibt es Indizien dafür. Also einen unehelichen Sohn gab es ganz sicher, zu dem er sich aber nicht bekannt hat. Da musste dann pro forma Friedrich Engels als Vater einspringen, musste also sagen, ja doch, ich habe ein intimes Verhältnis zum Dienstmädchen der Familie Marx unterhalten. Obwohl er im fernen Manchester wohnte und die Familie Marx sich in London aufhielt, was also schon die Vaterschaft mit einem großen Fragezeichen versieht. Nein, heute wird nicht mehr daran gezweifelt, aber solange der Ostblock bestand, durfte man dort eben von diesem unehelichen Kind des Karl Marx nicht sprechen. Das war tabu.

Epoch Times: Deswegen also hat man es vor ein paar Jahrzehnten zum ersten Mal erfahren?

Prof. Löw: Genau, nach 1989 durfte man es überall sagen, aber bis dahin nur im Westen und auch da natürlich nicht allzu laut, weil sein Ansehen dadurch hätte beschädigt werden können. Zumal er diesen Sohn äußerst stiefmütterlich behandelt hat, also der wurde nicht in die Familie integriert, für die die Mutter dieses Sohnes gearbeitet hat. Im Haushalt eben in der gemeinsamen Wohnung.

Epoch Times: Also das heißt, Karl Marx hat eigentlich seinen Sohn zwar nie anerkannt, aber auch nicht heimlich eine Beziehung zu seinem leiblichen Sohn geführt.

Prof. Löw: Es ist, wie Sie sagen, also der sollte fernbleiben und die Sünde sollte gleichsam nicht vor sein Angesicht treten.

Epoch Times: Karl Marx sah sich als Prophet und Helfer der armen Menschen. In seinem ganzen Leben hat er in der Jugendzeit jedoch bei seinem Vater gelebt und dann von der Arbeit seiner Frau, er hat aber auch sehr, sehr viel Geld von Engels bekommen.

Prof. Löw: Ja, Friedrich Engels war seinerseits ein Kapitalistensohn und hat als Kapitalist auch gelebt, zunächst als Handlungsbevollmächtigter für eine Fabrik, an der sein Vater zu 50 Prozent beteiligt war, diesen Anteil hat er später geerbt. Dann war er zu 50 Prozent Miteigentümer der Firma Ermin & Engels in Manchester. Diese Firma hat sehr viel abgeworfen, er war ja nicht verheiratet, hatte also insofern keine Verpflichtungen und hat großzügig mit dem Freund, der einige hundert Kilometer entfernt wohnte, geteilt, für ihn gesorgt. Ohne Friedrich Engels gäbe es keinen Karl Marx, der wäre im Elend untergegangen. Warum? Er hat sich ja beharrlich geweigert, einen Brotberuf zu ergreifen und deshalb kam es immer wieder dazu, dass die Familie am Hungertuch nagte, mehrere Kinder sind wohl auch des Elends wegen gestorben, das hat aber ihn, den großen Philosophen, nicht sonderlich berührt, ausgenommen, als Sohn Edgar starb. Da hat er aufgeheult gleichsam, ansonsten waren es ja Mädchen, die starben, und die haben ihn nicht sonderlich tangiert. Er sagte einmal, man muss die Welt mit Knaben bevölkern. Und nun war sein ehelicher Knabe auch gestorben, es waren dann noch drei Töchter vorhanden, aber, nun ja, es waren eben aus seiner Sicht nur Töchter, die nicht dazu berufen waren, die Welt in seinem Sinne zu verändern.

Epoch Times: Aber Tussy – also die jüngste Tochter – war eigentlich schon eine, wie soll ich sagen, eine Begleitperson von Karl Marx und wurde auch wie ein Junge erzogen.

Prof. Löw: Die jüngste Tochter, die hat ihren Vater sehr verehrt, die hat ja dann Aufzeichnungen gemacht, die auch in dem Film zum Teil zitiert werden, auszugsweise, gerade was das Verhältnis von Vater zur Mutter und umgekehrt, betroffen hat, aber schon Engels erkannte damals, sie wollte aus ihrem Vater einen Mythos machen. Was sie schrieb, das entsprach nicht der Wirklichkeit, sondern das war ihr Wunschbild. Und als dieses Wunschbild allzu sehr angekratzt wurde, beging sie nach dem Tode ihres Vaters Selbstmord, als sie erfuhr, dass eben der Edgar nicht der Sohn von Friedrich Engels ist, sondern der Sohn ihres Vaters, und dennoch stets stiefmütterlich behandelt wurde. Das war sicherlich mit ein Motiv für ihren Selbstmord.

Epoch Times: Marx hat drei weitere Töchter. Jenny, Laura und auch Eleonore.

Prof. Löw: Jein. Drei Töchter wurden erwachsen. Also er hatte ja mindestens fünf Töchter, aber zwei davon starben eben schon früher. Drei wurden erwachsen und von den dreien sind zwei durch Selbstmord aus dem Leben geschieden. Und von der dritten heißt es, die hätte wohl den gleichen Exitus gewählt, wenn sie nicht vorher, also relativ jung, an Schwindsucht gestorben wäre.

Epoch Times: In den Schriften von Karl Marx finden sich nicht selten sehr derbe Ausdrücke. Auf der einen Seite ist er ein Gelehrter, er ist belesen, das weiß man; auf der anderen Seite bezeichnete er seinen Vater als „Alten“, und ich glaube, er verwendete auch nicht immer schöne Worte für seine Mitstreiter, für seine Kollegen, also wenn er über sie sprach. Wie kam es dazu?

Prof. Löw: Ja nun, weil er eben ein äußerst leidenschaftlicher, zügelloser Mensch gewesen ist und sich insofern keinerlei Zügel angelegt hat, also wie Sie sagen, diese Briefe sind äußerst anstößig. So schlimm, in so hohem Maße anstößig, dass sich die Erben der schriftlichen Hinterlassenschaft von Marx und Engels viele Jahre Zeit ließen, bis sie diese Briefe veröffentlichten. Und zunächst haben sie sie in stark entstellter Form veröffentlicht, weil sie sagten, die Originale können wir unserem Publikum nicht offerieren, sonst verliert der Nimbus Marx an Glanz.

Epoch Times: Also Marx hat, wie wir hören, keine besonders gute Beziehung zu seinen Eltern und eigentlich ja auch eine eher pragmatisch-freundschaftliche Beziehung zu seinen Mitstreitern. Er war natürlich niemand, der dem Staat gehorchte. Er hat immer gegen den Staat gekämpft. In diesem Film sehen wir, dass er mehrmals abgeschoben oder ausgewiesen wurde. Wenn man ihn heute sieht, würde da einem Menschen wie Karl Marx etwas Ähnliches passieren?

Prof. Löw: So kann man sagen, also wer beispielsweise die „Neue Rheinische Zeitung“, deren Chefredakteur er war, 1848/49 liest, der begegnet einem Revolutionär durch und durch, der eben nicht für die Demokratie gekämpft hat, sondern für die Diktatur. Und wenn es da heißt, Diktatur des Proletariats, dann könnte man versucht sein zu sagen, nun ja, die Proletarier waren drauf und dran, die Mehrheit zu stellen, also ist das nicht eine echte Demokratie, wenn die Mehrheit dann das Sagen hat?

Nein, erstens waren damals die Proletarier weit davon entfernt, die Mehrheit zu stellen, das waren andere Schichten der Bevölkerung und zweitens, aus seinen Schriften ist klar zu entnehmen, dass nicht der Einzelne vollwertig sein sollte, sondern dass über der großen Masse die Philosophen thronen und dass deren Vorstellungen von der großen Masse umzusetzen sind.

Also so, wie es dann tatsächlich in der Sowjetunion der Fall gewesen ist, die nannte sich ja auch Diktatur des Proletariats, aber kein Lenin hat daran gedacht, die Stimme eines gewöhnlichen Arbeiters für gleichwertig zu erachten, sondern ausschlaggebend war eben, was jene dachten und wollten, die geistig den anderen überlegen gewesen sind. Es sollte also einige wenige Philosophen geben, die dazu berufen sind, die Führung über die große Masse zu übernehmen.

Epoch Times: Das heißt, wenn er so offenkundig für die Gewaltanwendung spricht, wenn man das heute sagt, klingt das irgendwie wie Osama Bin Laden.

Prof Löw: Jaja, da gibt es natürlich Parallelen. Es gibt eben Leute, die davon überzeugt sind, dass ihre Vorstellungen so wertvoll sind, dass sie rücksichtslos in die Tat umgesetzt werden dürfen, also im Dienst an der guten Sache ist jedes Mittel recht, das zum Ziele führt.

Epoch Times: Alles und alle zu instrumentalisieren gehörte zu den gängigen Methoden, die hochgepriesen wurden. Marx wollte am Anfang auch mit der Bourgeoisie zusammenarbeiten, aber letztendlich sollte sie nach dem Sieg des Proletariats ebenfalls bekämpft werden, kann man das so sehen?

Prof. Löw: Das ist richtig. Also zunächst, um eben die Demokratie herbeizuführen, so könnte man sagen, um gleichsam die stabilen monarchischen Verhältnisse zum Einsturz zu bringen. Zusammenarbeit, wenn es sein muss, mit den Bürgerlichen, aber gleich nach dem gemeinsamen Sieg über die Monarchisten, dann der Kampf gegen die Bürgerlichen, um schließlich bei der Diktatur des Proletariats anzukommen, die aber dann letztlich wiederum eine Diktatur der Elite sein sollte, der wenigen, die die Einsicht in die Erfordernisse der Geschichte den anderen voraus haben.

Epoch Times: Das wurde so auch in China umgesetzt – die Bürgerlichen wurden zunächst erst einmal mit einbezogen. Wie war das damals mit den Bürgerlichen in Europa?

Prof. Löw: Marx hat ja damals praktisch keine Rolle gespielt. Marx, da meint man immer, er sei ein einflussreicher Politiker oder Denker gewesen. Das trifft weder zu für das Jahr 1848 noch für die folgenden Jahre. Der Einfluss von Karl Marx, der kam dann eigentlich erst mit dem Erstarken der Sozialdemokratischen Partei. Auf Umwegen müsste man sagen, also in der Zeit nach 1875. Nach der Fusion der beiden sozialistischen Parteien. Einerseits der Lassalleianer und andererseits der Anhänger von Liebknecht – Liebknecht kannte Marx näher.

Er war mit Marx in London, und er erhielt auch von dort Zuwendungen. Darüber hinaus wollte er mit den Freunden im fernen London innerhalb der eigenen Partei brillieren. Also auf alle Fälle, er hat nach außen hin große Stücke auf Marx und Engels gehalten. Die SPD wurde eine marxistische Partei, der Theorie nach, in der Praxis nie. Also in der Praxis haben sich Leute wie Bernstein durchgesetzt, die der Gewalt abgeschworen hatten und auf friedliche Weise die Macht erlangen und ausüben wollten. Also theoretisch eine marxistische Partei, vor allem dank der Zuwendungen des reichen Friedrich Engels, der nun in London wohnte und von dort an einzelne Parteigrößen, aber auch an die Partei als solche Geldzuwendungen tätigte.

Epoch Times: Es gibt ein berühmtes Buch aus Frankreich, das ist das Schwarzbuch des Kommunismus, und Sie haben das Buch „Das Rotbuch der kommunistischen Ideologie“ verfasst. Da haben Sie ganz klar reingeschrieben, Marx und Engels: Die Väter des Terrors. Das Rotbuch nach dem Schwarzbuch: Welche Lücke in der Marxforschung wollten Sie eigentlich durch dieses Buch füllen?

Prof. Löw: Der Hauptherausgeber des Schwarzbuchs des Kommunismus ist Stéphane Courtois. Von ihm stammt auch das Vorwort. In diesem Vorwort heißt es eben, dass man Karl Marx mit den Verbrechen der Kommunisten nicht gleichsetzen darf. Dass sich also diese Verbrecher zu Unrecht Marxisten nennen. Und als ich das gelesen hatte, da kamen mir sehr viele Marxtexte in Erinnerung.

Da sagte ich mir, Herr Courtois, das ist doch nicht richtig. Ich will Sie belehren. Also ich setze alle diese Marxtexte zusammen, die gleichsam als Legitimation für gewaltsame Ausübung der Herrschaft angesehen werden können. Und ich habe das dann auch getan und als das Buch ziemlich fertig war, hatte ich das Vergnügen, die Ehre, die Freude mit Stéphane Courtois zusammen zu sein. Und da sagte ich ihm: Herr Courtois, ich verstehe Sie nicht, wie können Sie auf diese Weise Marx in Schutz nehmen. Und habe ihm aus dem Gedächtnis einige Marxzitate offeriert. Er hat große Augen gemacht und gesagt: Die waren mir unbekannt. Ich kann nur Französisch und in französischer Sprache sind sie nicht veröffentlicht oder ich habe sie nicht wahrgenommen.

Naja, sage ich, wenn dem so ist, dann können Sie ja das Vorwort zu meinem Rotbuch der kommunistischen Ideologie verfassen – und er hat spontan Ja gesagt. So ist dieses Rotbuch erschienen mit einem Vorwort von Stéphane Courtoise. Ein sehr bemerkenswerter Mann, der eben nicht festhält an einer einmal gewonnenen Überzeugung, sondern der offen ist für eine Belehrung.

Ähnliches habe ich in Bremen erleben dürfen. Einer meiner Schüler, der später Pastor wurde, hat beantragt, man möge doch die Marxstraße und die Engelsstraße umbenennen. Daraufhin Zeter und Mordio in Bremen. Wie kann man nur den Antrag stellen. Es seien doch ehrwürdige Persönlichkeiten. In seiner Not wandte sich dieser Pastor an mich und hat mich gefragt: Ja, was soll ich machen? Meine Empfehlung war ein Streitgespräch. Einerseits er, also ich für ihn, und andererseits ein Befürworter der Marx- und der Engelsstraße. Gesagt getan, die Idee wurde in die Tat umgesetzt.

Es kam zu dieser Veranstaltung. Das Streitgespräch begann, wir wurden vorgestellt, dann erhielt mein Kontrahent das Wort und nun sagte er, inzwischen habe ich das Rotbuch der kommunistischen Ideologie gelesen und ich kann nicht länger die Marx- und die Engelsstraße verteidigen. Ich habe mich eines Besseren belehren lassen. Die Veranstaltung war zu Ende, kaum dass sie begonnen hatte. Und ich bin dann mit diesem Kollegen, einem Bremer Professor, noch den ganzen Abend kreuz und quer durch Bremen spazieren gegangen, das war ein herrlicher Ausklang, aber das Streitgespräch hatte nicht stattgefunden. Er war nun auch überzeugt so wie viele andere überzeugt werden, wenn sie bereit sind zu lesen und eben nicht ganz bequem, das, was man zu sagen pflegt, akzeptieren.

Epoch Times: Das heißt also, in Bremen gibt es keine Karl-Marx-Straße mehr?

Prof. Löw: Doch, doch, denn das hat natürlich nicht durchgeschlagen. Da waren ja nur Dutzende Zuhörer anwesend, die waren vielleicht auch beeindruckt, und er selbst hatte dazugelernt – aber die große Masse hat die Veranstaltung kaum zur Kenntnis genommen und die Mehrheit im Stadtrat dachte nicht daran, eine solche Korrektur vorzunehmen, eine solche Korrektur gab es in einigen Städten in den neuen Bundesländern und insbesondere, wenn Sie daran denken, in Karl-Marx-Stadt selbst. Karl-Marx-Stadt hieß ja früher Chemnitz und heißt jetzt wieder Chemnitz. Also man hat sich von dem Namen Karl Marx verabschiedet, obwohl immer noch im Herzen der Stadt ein riesiger Schädel von ihm zu besichtigen ist, dreizehn Meter hoch. Geschaffen unter der Ägide von Ulbricht und Honecker, also der ist dort immer noch vorhanden als Bestandteil von Chemnitz, aber immerhin den Namen hat man abgelegt. Und in anderen Orten ist es dazu gekommen, dass man Straßen umbenannt hat.

Epoch Times: Wie wichtig ist denn das? In Tschechien und Polen gibt es auch eine Art von Entkommunisierung. So eine klare Bewegung gibt es in Deutschland vermutlich nicht. Wie wichtig ist es eigentlich, die Namen, die Straßennamen bei ihrem ursprünglichen Namen, wie zum Beispiel Karl-Marx-Straße zu belassen, oder sie zu ändern? Weil uns Karl Marx überall begegnet.

Prof. Löw: Insbesondere in Berlin, gleich im Zentrum vor dem Roten Rathaus: Marx und Engels und dann natürlich auch in München eine Karl-Marx-Allee und so weiter. Es wäre wünschenswert, wenn hier die kritische Aufarbeitung einsetzte, Eine Straße in München war benannt nach einem evangelischen Bischof, aber weil der sich mal noch vor Hitler negativ über die Juden geäußert hatte, wurde diese Straße nun umbenannt. Würde man sich genauso kritisch mit dem Gedankengut des Karl Marx beschäftigen, auch mit seinem Antisemitismus, käme man wohl zum gleichen Ergebnis, bloß niemand stößt diese Diskussion an und wie es in Bremen ausging … Nun ja, da findet dann vielleicht eine Diskussion statt, die Veranstaltung mag noch so eindeutig enden, die große Masse ist nicht zugegen und die große Masse, also gerade wenn man an die Sozialdemokraten denkt, die hatten ja über Jahrzehnte hinweg ein völlig idealisiertes Marx-Bild.

Karl Max wurde ja 1891 von den Sozialdemokraten wörtlich als „unser großer Führer“ verehrt. Und da fällt es natürlich schwer, diesen großen Führer wieder von seinem Podest herunterzuholen und zu sagen, wir haben uns geirrt. Die SPD sah das ein, die führenden Leute, also gleichsam der Braintrust der SPD hat 1957 bei der Verabschiedung des Godesberger Programms gewusst, wir müssen uns von Marx trennen. Man hat dann auch nicht mehr auf Marx Bezug genommen, aber man hat es unterlassen, den einfachen Mitgliedern zu sagen, warum man sich von Marx getrennt hat. Und deshalb haben die einfachen Mitglieder gemeint, das war ja ein Verrat an Marx.

In Wirklichkeit hat man nur die Notwendigkeit eingesehen, sich von dem Mann zu trennen, der nicht nur ein Antisemit war, der nicht nur ein Hasser der slawischen Völker war, sondern ein Vorkämpfer des Totalitarismus. Das hatte man eingesehen, aber eben nicht laut hinausposaunt, man hat nur die Konsequenz gezogen: Keine Berufung auf Marx mehr, aber eben ohne im Detail zu begründen, warum man auf Marx nicht länger rekurrieren dürfe. Man sagte, die Bürgerlichen machen uns Schwierigkeiten mit Marx, ja man hätte vor den Bürgerlichen keine Angst gehabt, wenn die Bürgerlichen kein Material gehabt hätten. So hätten die aber bestes Material gehabt. Wenn Sie überhaupt darüber Bescheid gewusst hätten. Bescheid gewusst haben die führenden Leute der SPD, das habe ich ja auch des Langen und Breiten dargestellt, und haben dann die Konsequenz gezogen: Mit Marx können wir nicht länger Staat machen, wir müssen uns von ihm trennen, denn er hatte viel zu viele Gemeinsamkeiten mit einem Mann, der unsägliches Unheil über Deutschland und Europa gebracht hat, von wem die Rede ist, brauche ich gar nicht weiter auszuführen.

Epoch Times: Wie ist das? Wir wissen ja, es gibt noch unbekannte Briefe von Karl Marx. Haben Engels und Marx‘ Tochter Eleanor gewisse Briefe wegzensiert?

Prof. Löw: Das wird von der Tochter behauptet, denn Marx war ja immer wieder längere Zeit verreist, hat dann natürlich mit seiner Frau korrespondiert, hat in dieser Korrespondenz Negatives über den Freund geschrieben. Nun war aber nach dem Tode von Marx der Freund nach wie vor ein großer Wohltäter für die Familie, also eben dann für die Töchter und da wollten die Töchter natürlich verhindern, dass der Freund erfährt, dass ihr Vater nicht nur positiv über den Gönner der Familie gedacht und geschrieben hat, sondern auch recht negativ.

Epoch Times: Wie steht es mit Schriften von Karl Marx über Russland?

Prof. Löw: Von Karl Marx gibt es in seiner Hinterlassenschaft Ausführungen zum Thema Russland. Da kommen die Russen recht ungünstig weg. Man kann schlecht einerseits die große Gestalt des Karl Marx herausstellen und andererseits dem Volk, das an den Karl Marx glauben soll, zeigen, wie nachteilig er über das russische Volk gedacht hat. Das wären dann doch große Zweifel entstanden an einer Gestalt, an der man ja nicht zweifeln, sondern die man für unfehlbar halten sollte.

Epoch Times: Vielen Dank, Herr Professor Löw, für das Gespräch.
Das Interview führte Lea Zhou.