Bei Chinas VPN-Razzia geht es nicht nur um Überwachung sondern auch ums Geld

Das Ministerium für Industrie und Informationstechnologie in China zwingt chinesische und ausländische Unternehmen, teure chinesische Software für ihre internen Geschäfte zu verwenden, berichtet die Financial Times.

Seit Jahren spielt Peking ein Katz-und-Maus-Spiel mit jedem, der versucht, seine große Firewall der Internetzensur zu durchbrechen. In jüngster Zeit hat sie jedoch von der High-Tech-Zensur zu einem altmodischen Shakedown gewechselt, da das Ministerium für Industrie und Informationstechnologie chinesische und ausländische Unternehmen zwingt, teure chinesische Software für ihre internen Geschäfte zu verwenden. Die „Financial Times“ berichtet.

Es geht um den Einsatz von Virtual Private Networks (VPNs), einer Software, die den Internetverkehr verschlüsseln kann und es Computern ermöglicht, sich aus der Ferne und auch sicher mit geschlossenen Netzwerken zu verbinden. VPNs ermöglichen es Menschen, von zu Hause aus zu arbeiten, und trotzdem auf Büroserver zuzugreifen.

Außerhalb Chinas sind sie eine Angelegenheit für Datenschutzbeauftragte, Online-Musikpiraten und die Tech-Direktoren, die interne Unternehmensnetzwerke unterhalten. Innerhalb Chinas sind VPNs praktisch jedem ausländischen Einwohner und Millionen Chinesen vertraut, die nur wissen wollen, was in der Welt vor sich geht.

China hat versucht, die Kontrolle über das Internet aufrechtzuerhalten, indem es Vorschriften erlassen hat, die sicherstellen, dass jeder Verkehr im Land über von Peking lizenzierte Kanäle abgewickelt wird. Das betrifft Unternehmen, die VPNs nutzen, um auf Server außerhalb Chinas zuzugreifen. Beispielsweise wird ein VPN benötigt, um auf Dienste von Google zuzugreifen, die in China blockiert sind, einschließlich der von vielen Unternehmen genutzten E-Mails.

Mit diesen kostenpflichtigen VPN-Diensten, die den Datenstrom wie in einem Tunnel an Chinas Zensoren vorbei direkt ins Ausland leiten und die bis zu 200 Euro im Jahr kosten, waren Tausende eigentlich gesperrter Seiten wie Google, Facebook, Youtube, Instagram, der Nachrichtendienst Bloomberg oder die „New York Times“ trotzdem erreichbar, erklärt dazu die „FAZ“. Jahrelang seien Ausländer und geschäftstüchtige Chinesen davon ausgegangen, dass die Regierung die VPN bewusst toleriere, weil die Lücken im System das Wirtschaftswachstum fördern würden.

Im Oktober hatte der deutsche Botschafter in China vor einer verschärften Überwachung der Online-Kommunikation durch die chinesischen Behörden gewarnt. Damals warnte man allerdings noch davor, dass die Regierung ein generelles Verbot der VPNs planen könne. Statt dessen versucht man nun, den Unternehmen eigene teure VPN-Kanäle zu verkaufen.

Der Plan des Ministeriums besteht darin, dass Unternehmen zu genehmigter chinesischer VPN-Software wechseln, die Zensurblöcken unterliegt, oder teure Mietleitungen bezahlen, die von ihren bargeldlosen Telekommunikationsunternehmen zur Verfügung gestellt werden. So analysiert es die FT, die dahinter Geldmacherei der Chinesen vermutet. Abgesehen von der Zensur sei der Schritt ein klassischer Fall von Rent-Seeking durch eine Regulierungsbehörde, die sich für die Lizenzgebühren interessiert, schreibt FT.

VPN-Kanäle im Land unbrauchbar machen

Für den Fall, dass jemand das Memo verpasst hat, habe es damit begonnen, einige der Ports zu schließen, die von der VPN-Software des Unternehmens verwendet werden, um durch die Firewall zu gelangen, und Unternehmen und sogar einige Botschaften in Unordnung zu bringen, heißt es weiter.

Die FAZ veranschaulicht, wie genau das aussehen könnte: „Da ist ein Autozulieferer aus dem Schanghaier Umland, der über den firmeneigenen VPN-Tunnel, ein „Virtuelles Privates Netzwerk“, nicht mehr an die Kundendaten auf dem Server im norddeutschen Hauptquartier kommt. Da ist ein Medizingerätehersteller, bei dem jeder zweite Kunde wichtige E-Mails nicht mehr erhält. Ein Unternehmensberater, der für seine Industrierecherchen täglich Google, Twitter und Youtube nutzen muss, kämpft seit Wochen jeden Tag Dutzende Male mit Verbindungsproblemen – seine drei VPN-Programme, die er abwechselnd nutzt, fallen ständig aus.“

Im Sommer berichtete die Nachrichtenagentur Bloomberg über eine behördliche Anweisung, nach der Chinas Telekomanbieter bis Februar 2017 die technischen Voraussetzungen schaffen sollten, alle nicht genehmigten VPN im Land unbrauchbar zu machen, schreibt das Blatt weiter.

Nach Angaben der FAZ hatte Peking den Schritt längst beschlossen. „Die Partei wolle in der Lage sein, bei Krisen wie Aufständen oder einem Einbruch der Börsen sämtliche Informationen und Kommunikationskanäle im Land kontrollieren zu können“, heißt es hier weiter. In der Tat habe es weder von offizieller noch inoffizieller Regierungsseite in China bisher irgendeine Form von Dementi zu den Gerüchten gegeben. Auch die Parteizeitung „Global Times“ habe im Januar nur das genannte Datum in einer Meldung einer ausländischen Internetorganisation zurückgezogen, nach der schon Ende des Monats die Netzwerke in China unbrauchbar gemacht werden sollten. Dass ein solches Verbot kommt, habe die Parteizeitung hingegen nicht bestritten, so FAZ.

Wann und ob das Verbot kommt, weiß bisher niemand. Bisher würden die großen deutschen Konzerne, die häufig mit Staatsbetrieben in Gemeinschaftsunternehmen verbandelt seien, davon ausgehen, dass sie auch nach dem VPN-Verbot weiterhin eigene Tunnel betreiben dürfen, lautet die Einschätzung der FAZ. Ob diese künftig jedoch überwacht würden, sei dabei genauso offen wie die sich daran anschließende Frage, ob Peking künftig all die geheimen Kundendaten mitliest, die durch die Leitungen strömen.

(mcd)

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