Gewalt gegen alte Menschen

Von 15. Juni 2011 Aktualisiert: 15. Juni 2011 0:59
Für alles und jeden werden Menschenrechte gefordert: für China, für Afrika, für Libyen und Guantanamo. Das ist eine gute Sache – weit, weit weg. Direkt nebenan aber, wo alte Menschen gepflegt werden, da wird geschlagen, missachtet, Verständnis und Zuwendung verweigert.

Wer setzt sich für Menschenrechte ein beim Nachbarn, wenn persönliche Hilfe gefragt ist?

Wir alle werden einmal alt. Wenn wir jung sind, wollen wir nichts darüber wissen. Wenn wir altern, beginnen wir uns zu fürchten oder zu flüchten in Erinnerungen und Vergessen. In intakten Mehr-Generationen-Familien gibt es Brücken, wo Jung und Alt einander ergänzen und sich fördern in gegenseitigem Respekt und Verantwortung. Dieses Modell wird auch im ländlichen Raum immer seltener.

Meist ist die Situation so, dass Junge die Alten pflegen. Und oft ist es so, dass jeder in dieser Situation überfordert ist: die Jungen mit der Mehrbelastung und einem Mangel an Verständnis oder Zeit und die Gepflegten mit ihren Schmerzen, ihren Wünschen nach Zuwendung und Respekt und ihrer Einsamkeit.

In der heutigen Zeit des moralischen und familiären Niedergangs führt dieses Ungleichgewicht des Haben-Wollens und Geben-Könnens in Verbindung mit fehlender Toleranz und Liebe füreinander allzu oft zu ungewollter Gewalt. Gefühle von Hilflosigkeit und Scham für Kontrollverluste in der Pflegesituation quälen sowohl die Pflegenden als auch die Gepflegten. Über all dieser Not liegt häufig ein Schleier des Schweigens, es ist ein Tabuthema.

Es geht auch gar nicht um die Theorie; theoretisch gibt es das alles nicht – es geht um Lösungen direkt vor Ort. Es geht auch nicht um Schuld, wie oft ist der Täter oder die Täterin ebenfalls Opfer durch Überforderung – aus Angst und Sprachlosigkeit. Bei Pflegesituationen innerhalb der Familie sind oft unbewältigte Situationen aus der Vergangenheit vorrangig, es kommt ganz darauf an, welche Beziehung schon zuvor bestanden hat. Doch auch der liebevollste Pflegende kommt an seine Grenzen, wenn Geduld in Gereiztheit umschlägt und Liebe in Hilflosigkeit oder Verzweiflung, während die gepflegte Person mit Fremdbestimmung und der Idee von Endstation und der Endlichkeit ihres Lebens konfrontiert ist.

In Pflegeeinrichtungen ist die Situation nicht besser. Personalmangel, schlechte Bezahlung, Überstunden, fehlende oder schlechte Ausbildung führen auch zu einer schon im System verwurzelten Überforderung der Pflegekräfte. Dazu kommt der unvermeidbare Körperkontakt mit hilflosen seelisch Fremden – oft ohne Lebensinhalt. Je nach psychologischer Disposition und Umgebung verstärkt das bestehende Übergriffe bis hin zur Grausamkeit. Und immer wird alles vertuscht.

Handeln statt Misshandeln

Zum sechsten Mal findet am 15. Juni der „Welttag gegen Misshandlung alter Menschen“ statt. Die Initiativen gegen Gewalt im Alter, „HsM – Handeln statt Misshandeln“ in Bonn, Frankfurt a.M., Siegen und das Sorgentelefon „Pflege in Not“ der Diakonie Berlin-Stadtmitte fordern angesichts der wachsenden Zahl alter Menschen in unserer alternden Gesellschaft, solchen Missständen und Diskriminierungen ein Ende zu setzen. Mehr Wissen und Aufklärung von Pflegepersonal, Hausärzten und betreuenden Personen tun Not. Deshalb bieten die Initiativen Informationsveranstaltungen, Podiumsdiskussionen und Fortbildungen an. Das Sorgentelefon bietet nicht nur alten Menschen bei Gewalterfahrungen Ansprechpartner, Unterstützung und Hilfe an, sondern will auch gerade für diejenigen Hilfestellung bieten, die aus eigener Überforderung, Hilflosigkeit und fehlendem Wissen um Alternativen Gewalt anwenden.

Bewusstsein wecken – Sensibilisieren – Informieren

Welt-Tag gegen Diskriminierung und Misshandlung

alter Menschen am 15. Juni 2011

Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Krisenberatungs- und

Beschwerdestellen für alte Menschen in Deutschland

fordert zum diesjährigen

6. „World Elder Abuse Awareness Day“:

1. Keine Toleranz von Gewalt gegen alte Menschen in keiner Situation

und zu keiner Zeit!

2. Schaffung von Krisen- und Notrufberatungsstellen für alte Menschen

in jedem Bundesland!

3. Intensive Förderung der Wissensvermittlung über Gewalt gegen alte

Menschen für Ärzte!

4. Deeskalationstraining für die pflegenden Berufe!

5. Förderung von Präventionsprojekten!

6. Schaffung einer Lehr-, Forschungs- und Dokumentationseinrichtung

zur Problematik von Gewalt gegen alte Menschen für Deutschland!

7. Verbreitung und Einhaltung der Charta der

Rechte für hilfs- und pflegebedürftige Menschen!

Handeln statt Mißhandeln

Tel: 030 69 59 89 89 / Fax: 030 69 59 88 96 / E-Mail: [email protected]

 

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