Ein Dissident kam nach Deutschland

Von 8. November 2005 Aktualisiert: 8. November 2005 10:55
Wie Wang Wanxing 13 Jahre im chinesischen Irrenhaus überlebte

Am 16. August wurde Wang Wanxing nach 13 Jahren aus einem chinesischen Irrenhaus in Peking entlassen und sofort auf einen Flug nach Frankfurt gebracht. Man hatte sich in USA und in der EU für ihn eingesetzt. Noch am gleichen Tage betrat er die freundliche Sozialwohnung im 6. Stock in Frankfurts Vorort Sossenheim, in der seine Frau schon seit zwei Jahren lebt. Er schildert, wie beeindruckt er von dem Anblick war. So etwas wurde ihm in China auch nach Jahren harter Arbeit nie zuteil, auch nicht gegen Geld. Und in Deutschland hat das der Staat seiner Frau zur Verfügung gestellt!

Der zierliche Wang, heute 56 Jahre alt, mit glatten rosa Wangen, sehr beweglich, lebendige Augen, beredte Gestik, sehr auf das Wohl seiner Gäste bedacht, empfängt uns herzlich. Er ist der erste berühmte chinesische Dissident, der nach Deutschland entlassen wurde. Seine Festnahme in China erfolgte, weil er an die Reformierbarkeit der KP glaubte und darum 1992 allein auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking die Rehabilitierung der Ideen und der Anführer der studentischen Demokratiebewegung forderte, die am 4. Juni 1989 mit Militäreinsatz und rollenden Panzern blutig niedergeschlagen worden war. Wang kam sofort in eins der neuen Spezial-Irrenhäuser. Sie heißen Ankang Krankenhäuser. Es heißt, sie wurden eingerichtet, um Peking Sicherheit zu geben, vor Brandlegern, vor Mördern. An bedeutet Sicherheit, Kang bedeutet Gesundheit.

Mit Liegestütz und Dauerlauf

Physisch gesund ist Wang Wanxing offensichtlich. Er hat sich mit Liegestützen und mit Joggen in den 13 Jahren körperlich fit halten können. Aber die Sicherheit im Ankang? Er berichtet von 13 Jahren höchster Unsicherheit. Er hat noch immer einen äußerst leichten Schlaf, denn selbst im Schlaf konnte er vor brutalen Attacken seiner Mitinsassen nicht sicher sein. Vom Personal wurden keine Grenzen gesetzt, jeder musste sich selbst schützen. Einmal schlug ihm einer seiner „Kollegen“ eine Eisenstange auf den Kopf, ein Knochenbruch und ein nicht enden wollender Blutstrom waren die Folge. Keiner kümmerte sich darum. Wegen der bis heute andauernden Kopfschmerzen lässt er sich jetzt untersuchen.

Wang erzählt von Li Li Xin, einer Aufseherin, die ihn immer gut behandelte, die ihn nie zwang die verordneten Tabletten einzunehmen, die „ein Gefühl wie Sterben“, Erbrechen und elende Kopfschmerzen zur Folge hatten. Als Li Li schwanger war, schlief sie an einem nicht erlaubten, aber sicheren Platz, um vor den unberechenbaren Angriffen der Insassen sicher zu sein. Als das herauskam, musste sie 200 Yuan Strafe bezahlen. Sie kümmert sich jetzt um Drogenentzug, in Wangs Augen eine Beförderung.

Die 10 + 20 Frauen

Li Li gehörte zu den 10 + 20 weiblichen Aufseherinnen (da ist Wang ganz genau), an die der von Frau und Tochter abgeschnittene Irrenhaus-Häftling unendlich viele Briefe schrieb. 10.000 Blätter mit im Schnitt 400 Zeichen pro Blatt habe er in den 13 Jahren vollgeschrieben. Ihm ist wichtig, Frau Wang Peixian zu erwähnen, die jetzt Vizevorsitzende des Ankang-Krankenhauses ist. Und Frau Song Li Na, die ihn vor gefährlichen Gefangenen schützte. Er hatte da seine Kategorien, zehn Frauen galten seine erotischen Gefühle. Jede Geste, Körperhaltung, Gesichtsausdruck, Stimme, ihre Schönheit, alles erweckte erotische Vorstellungen bei dem Zwangsgefangenen. Er  schrieb seine Empfindungen  auf und überreichte die Blätter den solcherart Geehrten. Die andere Kategorie bildeten 20 Frauen, für die er Zuneigung empfand. Er spricht von Zuneigung.

Mit klarem Kalkül zählt er die vier Ziele auf, die er mit dem Schreiben verfolgte. Erstens die genaue Erinnerung an das tägliche Leben als Beweis dafür, dass er nicht geisteskrank war. Zweitens eine Verbesserung der Beziehung zum Personal, das ihn dadurch nicht mehr als großen Systemkritiker ansah. Drittens eine Geldquelle durch die Veröffentlichung nach der Entlassung. Viertens das Erregen von Aufmerksamkeit bei Beamten höherer Ebenen. An dieser Stelle lacht er! Denn es hat funktioniert. Im Jahr 1994 besuchte ihn der Vizepropagandaminister Yu Qian Yu, weil er durch die Berge von Briefen auf ihn aufmerksam geworden war. Nach dessen Besuch wurde die Dosis der quälenden Tabletten  reduziert. Wang schrieb ein Dankesschreiben an seinen Besucher.

Neben der ständigen Furcht vor Angriffen der Irren gehörten die Tabletten wohl zum Quälendsten in den 13 Jahren von Wangs Leben im Ankang Krankenhaus. Minutiös beschreibt er die Dosis, in den ersten Zeiten dreimal täglich zwei, mit anschließendem Erbrechen, rasendem Puls, großen Schmerzen und Schwindelgefühl. Und das jeden Tag! Später eine Reduzierung auf 3×1 Tablette, zuletzt (nach dem Besuch des Propagandaministers) auf 1×1 Tablette täglich. Er versuchte, sie trotz Mundinspektion durch das Personal hinter die Oberlippe zu schieben und später auszuspucken. Aber manchmal hat er sie doch runtergeschluckt, um nachts wenigstens ein paar Stunden schlafen zu können. Denn Tag und Nacht konnte die Hölle los sein. Lauthals wurde über Partei und Funktionäre geflucht, niemanden kümmerte das. Ausländische Radiosender wurden gehört, niemanden kümmerte das. Es waren ja alles Irre. In den 8 Männerabteilungen mit etwa 60-75 Insassen, in den 2 Frauenabteilungen mit etwa 30-50 Insassinnen. Wenn in Peking große Veranstaltungen stattfanden, dann kamen  vorrübergehend noch viele “Normale“ dazu.

So konnte Wang auch sehr früh von den „Neun Kommentaren über die Kommunistische Partei“ erfahren. Nun hält er sie gedruckt in Händen. Er findet sie sehr gut, er findet die Fakten korrekt. Allerdings ist er der Meinung, dass ein Großteil der Bevölkerung auf dem Land nur schwer von ihnen erfahren kann, und gerade der sei von der Partei gründlich betrogen worden und müsse das erkennen. Ja, und in China müsse ein Wechsel eintreten. Am besten, indem vom Ausland Druck ausgeübt wird, denn dann hätte es Staatschef Hu Jintao leichter, Reformen durchzuführen. Wang Wanxing glaubt auch nach 13 Jahren unrechtmäßiger Haft in einem Irrenhaus noch an die Reformierbarkeit einer Partei, die jahrzehntelang zu ihrem eigenen Machterhalt die Rechte der Bürger mit Füßen getreten hat.

In diesen Tagen trifft sich Wang mit einer Gruppe chinesischer Demokraten. Sie saßen nicht 13 Jahre lang in einer Irrenanstalt, aber sie haben ein Leben ohne die Diktatur einer Partei kennen gelernt.

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