Zwangsabtreibungen und mehr: Chinas Exil-Schriftsteller Ma Jian spricht über seine zerstörte Heimat China

Von 15. September 2015 Aktualisiert: 11. Februar 2018 15:23
Wir sprachen mit Ma Jian in Berlin über seinen Roman „Die Dunkle Straße“. Dass er für das heutige China kein Licht am Ende dieser dunklen Straße sieht, wird nicht nur beim Thema Zwangsabtreibungen sehr schnell klar.

Mit seinem neuen Roman „Die Dunkle Straße“, erschienen im Rowohlt Verlag, war Ma Jian zum diesjährigen Internationalen Literaturfest in Berlin eingeladen. Das Internationale Literaturfestival Berlin ist ein wichtiger kultureller Impulsgeber, eine literarische Agora, die für Weltoffenheit und künstlerischen Austausch steht, die literarische und politische Diskurse zusammenbringt. So können Autorinnen und Autoren teilnehmen, die mit ihren Büchern in ihren eigenen Ländern auf der Indexliste stehen, teilweise auch nicht mehr in die Heimat zurückkehren dürfen.

Auf seine Weise steht das Internationale Literaturfestival Berlin damit für die soziale Kraft von Kultur. Dass der Titel von Ma Jians Roman „Die Dunkle Straße“ vorausahnen lässt, dass sich wahrscheinlich kein Licht am Ende dieser dunklen Straße befindet, wird nach den ersten Seiten klar. Aber auch in der Diskussionsrunde während des Festivals hatte das Publikum teilweise Mühe, all den Gräueltaten zuzuhören, die Ma Jian explizit in seinem Roman erwähnt. Ma Jian veranschaulichte zudem seine Rechercheergebnisse mit selbstaufgenommenen Fotos, die er während seiner Recherchetour in China gemacht hatte. Die Realität, die letztendlich hinter seinem Roman steht, ist so viel grausamer, als die fiktive Geschichte um Meili und Kongzi.

Jenseits der Lichter Beijings oder Shanghais und weit entfernt vom Wirtschaftswachstum, schlagen sich Meili und Kongzi als Tagelöhner und Flussnomaden durch, immer auf der Flucht vor den Behörden, die ihnen das ersehnte zweite Kind verbieten wollen und Meili mit der Zwangssterilisation drohen. Ma Jian lasst in seinem einfühlsamen und zugleich leidenschaftlichen Roman die ungehörten Stimmen Chinas zu Wort kommen, die vergessenen Verlierer des Aufschwungs, die von vergifteten Gewässern, unfruchtbarem Boden und den Müllhalden der fortschreitenden Industrialisierung leben müssen. Und das sind nicht Wenige.

Er erzählt von der Abschlachtung von Millionen ungeborener Kinder – nicht selten im 8. Monat. Er berichtet von tausenden Kindern, die entführt, gestohlen und verschleppt wurden, weil viele Frauen durch Zwangsabtreibungen und Zwangssterilisationen keine eigenen Kinder mehr bekommen können. Also werden Kinder gestohlen und dann weiterverkauft. Umgerechnet 600 Euro kostet ein Kind.

Die verwehrte Geburt

Natürlich könnte der Titel „Die Dunkle Straße“ als Metapher für die düstere Zukunft der Volksrepublik China stehen. Aber zu Beginn des Romans hatte Ma Jian eigentlich eher an die Kraft und Wunder einer Schwangerschaft und Geburt gedacht. Am Anfang stand für ihn die „Dunkle Straße“ als der Geburtskanal. Es sollte ursprünglich eine Geschichte werden, über das Glück einer Geburt an sich, mit all seinen besonderen Augenblicken und Erlebnissen.

Was den meisten männlichen Chinesen vorbehalten ist, während der Geburt des Kindes dabei zu sein, konnte Ma Jian in London im Exil anders erleben. Bei der Geburt seines zweiten Kindes war er zugegen und er berichtet dem Publikum, dass er spüren konnte, was für eine Kraft und was für eine Besonderheit so eine Geburt ist.

Als er dann aber letztendlich tiefer in die Recherchen seines Landes einstieg, und die Realität hinter dem Gesetz der Ein-Kind-Politik in China erkannte, musste er feststellen, dass Millionen von Föten und fast ausgewachsene Säuglinge auf grausame Art im Mutterleib getötet oder zwangsweise abgetrieben werden.

Damit wird dem ungeborenen Menschen der Weg durch den Geburtskanal genommen, und damit auch die Möglichkeit verwehrt, in den See des Lebens einzutauchen. Die Mütter dieser Säuglinge erleben nach dem Abtöten ihres Kindes, wie der kleine Leib in ihrem Bauch immer kälter wird. Sie spüren, wie das Leben, das noch nicht einmal begonnen hatte, langsam erlischt.

So erfuhr ich im Laufe meines persönlichen Gespräches mit Ma Jian über viele weitere Gräueltaten, die er während seiner Recherchetour in China erleben musste. Die Bilder als Beweis der Grausamkeiten verdeutlichen, dass insbesondere die Frauen dem Druck dieser Politik hilflos ausgesetzt sind. Aus einem Dorf erfuhr er zum Beispiel, wie Frauen alle drei Monate zur Untersuchung gezwungen werden, um festzustellen, ob sie schwanger sind. Diesen Eingriff in die Privatsphäre empfindet er als Menschen verachtend und es steht für ihn im eindeutigen Kontrast zu dem Bild, was das moderne und hochwirtschaftlich entwickelte China nach außen hin aber gerne darstellen möchte.

Diese persönlichen Erfahrungen haben ihm irgendwann verdeutlicht, dass es für seine Hauptfiguren im Roman keine Chance geben kann, ein normales und menschenwürdiges Leben zu führen. Deshalb kann der Titel „Die Dunkle Straße“ auch als Metapher stehen, dass es keinen Ausweg gibt und letztendlich die Dunkelheit der permanente Tod ist, der einen begleitet. Und ganz bewußt lässt er seine Figuren jahrelang auf dem Wasser herumschippern, denn das Wasser steht im chinesischen Denken für das weibliche Element. Und Meili kann sich durch drei Schwangerschaften hindurch nur auf dem Wasser einigermaßen vor dem Gesetz schützen. Sobald sie den Boden unter ihren Füßen spürt, und damit das männliche Element, erlebt sie eine Zwangsabtreibung, verliert das zweite Kind, weil ihr Mann es heimlich verkauft, und das dritte Kind, ein Junge, will erst gar nicht auf die Welt kommen. Lieber bleibt es im schützenden Bauch, im Fruchtwasser. Dem weiblichen Element.

Betrachtet man die Fotos, die Ma Jian zeigt, wird einem bewusst, dass es für viele Chinesinnen und Chinesen nur ein Leben unter permanenter Angst, Bedrohung, Folter und Schikane gibt. Er glaubt nicht, dass es nur eine sadistische Mentalität ist, die da zufällig zutage tritt. Er ist der Meinung, dass nur in einer Diktatur das wirklich Böse auch seinen Nährboden findet. Und dieses Böse wird dann leider von vielen Menschen auf sadistische Weise ausgelebt.

Fotos von jungen Frauen, die auf winzigen Booten leben, in Müllhalden herumwühlen, als Tagelöhner weit weg von ihrer Familie unter unwürdigen Bedingungen arbeiten müssen, all diese persönlichen Schicksale prägten Ma Jian und er übertrug diese ganzen Begegnungen und Erfahrungen vieler Menschen auf seine zwei Hauptfiguren Meili und Kongzi.

Die Todesstrafe für einen verzweifelten Ehemann

Am meisten berührte ihn die Geschichte eines jungen Paares, das von den Behörden erwischt wurde, weil die Frau ihr zweites Kind ohne Genehmigung erwartete. Es wurde zwangsabgetrieben, hilflos liegt die junge Mutter im Bett, neben ihr das tote Kind. Ein Foto, das kaum auszuhalten ist. Ihr Mann will sich rächen, wehrt sich gegen die Beamten und tötet zwei Polizisten. Daraufhin wird der Mann zum Tode verurteilt. Noch einmal darf sich das Paar kurz vor der Hinrichtung sehen. Dieses letzte Foto der beiden verdeutlicht, wie bewegt Ma Jian noch nach Jahren ist. Kaum kann er die Tränen zurückhalten. Eine wirkliche Liebe wurde seiner Meinung nach mit dem Tode bestraft.

Natürlich gibt es auch die sachlichen und rationalen Stimmen, die behaupten, dass die Ein-Kind-Politik auch als Chance gesehen werden kann, dass das Milliardenvolk China nicht ins Uferlose explodiert. Wo wäre für Ma Jian die humanitäre Mitte anzutreffen, einerseits die Population nicht wie in Indien ins Unermessliche zu steigern, und trotzdem eine gewisse Entscheidung den einzelnen Menschen zu belassen, wie viele Kinder sie haben wollen? Hier zieht Ma Jian Bilanz aus Japan, Taiwan und Vietnam, die nicht diese Probleme aufweisen. Der politische Druck des kommunistischen Regimes in China, nicht den Einzelnen an sich zu würdigen, sondern nur die Masse als Ganzes zu sehen, sieht er als eines der Hauptprobleme, um die Bevölkerung aufzuklären.

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Die Einwohnerdichte Japans ist zum Beispiel fünfmal höher als in China, und längst gibt es hier nicht diese horrende Armut und Perspektivlosigkeit. Was läuft in China verkehrt, dass nur über Zwang und Abschreckung ein Volk geführt werden kann? So wäre eine gute Aufklärung ein wichtiges Thema, das dringendst in China, vor allen Dingen für die Landbevölkerung, vorangetrieben werden sollte, um dieser Barbarei ein Ende zu setzen.

Eines wird immer wieder deutlich, wenn man Ma Jians Roman liest, viele junge Menschen, besonders die Landbevölkerung, sind nicht einmal aufgeklärt. Weder über Verhütung, noch über die Sexualität.

In seinem Roman tauchen genügend Beispiele auf, dass dies eine der Hauptursachen ist, warum Frauen immer wieder ungewollt schwanger werden. Und damit der Willkür der Politik ausgesetzt sind. Die Gebärmutter gehört nicht der Frau, sondern dem Staat.

Und der Staat allein bestimmt, was mit dieser Gebärmutter geschieht. Zuhause ist es der Ehemann, dem sie oft hilflos ausgeliefert sind, denn der Druck und Wahn, immer nur einen männlichen Nachkommen zu zeugen, bringt viele Frauen in diese prekäre Lage. Ma Jian kritisiert zu Recht, dass dieses patriarchalische System veraltet und unwürdig ist.

Starke Frauen Chinas

Eigentlich ist sein Roman eine Hommage an starke Frauen. Immer wieder betont Ma Jian, wie besonders wertvoll eine Schwangerschaft und Geburt ist, und etwas Überwältigendes beinhaltet, was Frauen erleben, und wie sie auch in den schwierigsten Umständen die Kraft entwickeln, ein Kind zur Welt zu bringen. Deshalb ist dieses Massaker an Ungeborenen, das tagtäglich in China geschieht und betrieben wird, für ihn ein Skandal und er möchte diesbezüglich die Menschen aufklären. Zu Recht kritisieren viele Länder die nicht eingehaltenen Menschenrechte in China, über diese Zwangsabtreibungen wird jedoch noch viel zu wenig gesprochen.

Er berichtet von einer anderen Geschichte aus einem Dorf, in dem über hundert Tage lang Frauen zu Zwangsabtreibung gezwungen wurden. Diese Aktion stand unter dem Motto „100 Tage ohne Kind“. Irgendwann fand man nicht mehr genügend Platz für die ganzen Leichen und warf die toten Föten und Säuglinge in den Brunnen.

Der Gestank muss unerträglich gewesen sein, und dieses Massaker vergleicht Ma Jian gerne mit den Praktiken, die auch während der nationalsozialistischen Herrschaft stattfanden. Die Leichenberge quollen aus dem Brunnen hervor, vergifteten das Wasser, und nicht selten begannen Tiere an den Leichen zu nagen.

Auch geht er ganz bewusst auf den Unterschied zwischen der Stadt- und Landbevölkerung ein, um zu verdeutlichen, dass hier große Unterschiede zwischen Menschen und ihrem Alltag herrschen.

Interessant ist, in alten Filmen und Romanen gehörte das Land immer zu den Guten, der heilen Welt, denjenigen Menschen, die hier ein friedliches Leben führen wollen und können. Die Stadt hingegen steht für das Böse, den Verfall an Moral und Sitte und das Unmenschliche. In seinem Roman ist es oft genau andersrum. Meili will unbedingt in die Stadt, denn nur hier sieht sie überhaupt eine Zukunft zu leben, frei zu sein und sich als Frau behaupten zu können. Die Abschlachtung an den Ungeborenen, die sie in ihrem Dorf erlebt, verdeutlicht ihr, dass sie in ihrer Heimat keine Chance mehr zum Überleben hat. In der Stadt zählt hauptsächlich, wer genügend Geld besitzt, kann auch einigermaßen frei leben. Wer Arbeit hat, verdient Geld, kann damit auch die Strafen zahlen, um sein illegales Kind zu gebären. Nur auf dem Land, in den Dörfern werden die Zwangsabtreibungen vorgenommen.

Mittlerweile hat sich das Bild in China ein wenig gewandelt. Besonders die Frauen in der Stadt wollen kaum noch Kinder bekommen. Auf dem Dorf und Land ist es anders, denn hier sind Kinder ein Garant, dass man im Alter auch versorgt ist. In China gibt es definitiv keine Balance zwischen der Entwicklung auf dem Land und der Entwicklung in der Stadt. Immer mehr junge Leute ziehen aus den Dörfern weg in die Städte, um überhaupt eine Arbeit zu finden. Zurück bleiben die Alten, oft auch die Enkel, da die Eltern in der Stadt keine Zeit haben, sich um ihre Kinder zu kümmern. Die Prognose ist, dass in ein paar Jahren zwei Drittel aller Chinesen in den Städten leben wird. Was passiert dann mit der Landbevölkerung? Nach Ma Jians Meinung hat die Kommunistische Partei es geschafft, diese beiden Pole voneinander zu trennen. Bald wird es nur noch verlassene Dörfer geben, und hier sieht Ma Jian große wirtschaftliche Probleme auf China zu rollen.

Deswegen beginnt China mittlerweile die Ein-Kind-Politik etwas zu lockern. Denn auch ein anderes Problem ist über die Jahrzehnte entstanden. Durch das Töten, vor allen Dingen von weiblichen Säuglingen, herrscht in China Frauenmangel. Viele junge Männer finden keine Partnerin und damit droht ihre Genealogie auszusterben. Auch kritisieren viele zu Recht, dass die vielen Einzelkinder wie „kleine Kaiser“ in der Familie behandelt werden, und später ein soziales Miteinander im Arbeitsleben kaum noch aufrecht erhalten können. Das ist aber hauptsächlich ein Problem der städtischen Bevölkerung. Auf dem Land bleibt es weiterhin der Garant, dass viele Kinder ein Überleben sichern.

Falun Gong

Ma Jian erwähnt es nur einmal, aber auch hier ist es eine starke Frau, die versucht sich aufzulehnen. Eine Falun-Gong-Praktizierende wird gezwungen in einem Arbeitslager Dinge zu tun, die sie nicht tun will. Interessant ist es, Meili erkennt sofort, dass es sich hier um eine Falun-Gong Praktizierende-handelt. D.h., diese Bewegung ist ihr vertraut, aber sie geht nicht weiter darauf ein.

Hatte Ma Jian als Autor die Befürchtung, dass ihm weitere politische Nachteile daraus entstehen könnten, sollte er ausführlicher über diese spirituelle Bewegung berichten, die in China seit 1999 verboten ist? Dies verneint Ma Jian im Gespräch. Denn schon in seinem vorherigen Roman „Peking Koma“, geht er explizit auf die Bewegung von Falun Gong ein.

Dieser Roman brachte ihn in China auf die Indexliste. Er selbst ist kein aktiv Praktizierender, versucht aber auf die Ungerechtigkeiten gegenüber den verfolgten Falun-Gong-Praktizierenden aufmerksam zu machen. Und es war ihm wichtig, auch hier eine starke Frau zu präsentieren, die sich gegen die willkürlichen Behandlungsmaßnahmen im Arbeitslager versucht zu wehren.

China und seine Umwelt

Zu Recht kritisiert er in seinem Roman die fatale Umweltbelastung, Verschmutzung und Verseuchung. China gehört zu einem der Länder mit dem höchsten CO-2 Ausstoß. Warum ist China so resistent dagegen, die Natur und diese unglaublich großen Ressourcen zu erhalten? Ein Land, das eigentlich gerade für seine mystischen und philosophischen Gedanken und Traditionen bekannt ist. Schaut man einmal die Landschaftsfotos an, die Ma Jian auch für seine Recherchen genutzt hatte, wird einem klar, dass auch Europa Teil dieser Verschmutzung ist. Jahrelang wurden alte Computer, technische Geräte und anderer Müll in China entsorgt.

Sieht man dann, wie die Frauen auf diesem Müllhalden leben und arbeiten, wird einem bewusst, dass die weltweite Verschmutzung und Zerstörung der Natur uns alle betrifft.

Der Kindsgeist

Der Roman wird aus zwei Blickperspektiven wiedergegeben. Schon zu Beginn des Romans beobachtet der Kindsgeist seine Eltern, und ist kurz davor, geboren zu werden. Durch eine Zwangsabtreibung wird ihm der Weg durch den Geburtskanal aber verwehrt. Nach uralter chinesischer Tradition kann er durch Reinkarnation aber wieder auf Erden zurückkehren. Der Kindsgeist beobachtet über Jahre seine Eltern, ist aber nicht in der Lage, ihnen zu helfen. Am Schluss verweigert er zu leben, und damit stirbt eine ganze Familie aus. Mit dieser Perspektivlosigkeit versucht Ma Jian darauf hinzuweisen, dass erst durch ein Umdenken in der Politik auch ein neues China erwachen kann.

Solange dies nicht geschieht, solange werden viele Kinder in der dunklen Straße verenden. Das Erlebnis einer Geburt wird zerstört. Und dass diese ungeborenen Kinder leben wollen, kann Ma Jian auch wieder an einem Beispiel verdeutlichen. Nach einer Zwangsabtreibung hatte ein Ungeborenes noch gelebt. Es landete auf einem kalten Tablett. Als der Chirurg das Kind in den Abfall werfen wollte, klammerte es sich mit seinen Händen an dem Tablett fest. Nur mit Mühe und Not konnte man diese Finger von dem Klammergriff lösen. All diese Geschichten verdeutlichen, dass ein Wegschauen nicht die Zukunft sein kann.

Natürlich erhoffte sich Ma Jian von seinem Besuch in Deutschland, dass auch in irgendeiner Form die Politik aufmerksam wird. Seiner Meinung nach müsste die Politik in Deutschland mehr eingreifen, was die Menschenrechte in China betrifft. Er weiß aber auch, dass die wirtschaftlichen Interessen viel schwerer wiegen, als das Leben vieler ungeborener Säuglinge. Denn Geschichte vergessen bedeutet für ihn, keine Hoffnung mehr zu haben. Das könnte den Untergang der Zivilisation in der ganzen Welt bedeuten. Denn nur eine boomende Wirtschaft wird die Menschheit nicht retten.

Er selbst lebt seit 1987 im Exil. Für ihn herrschen barbarische Methoden in China, die weiterhin durch Blut und Schmutz aufrechterhalten werden. Für ihn zählen auch der Mangel an Moral und Ethik, um ein menschenwürdiges Miteinander in China überhaupt aufrechtzuerhalten. Das ist für ihn die wahre Realität. Trotz allem wünscht er sich die Hoffnung. So schreibt er seine Erinnerungen nieder, und es ist ihm egal, wo er sich befindet. Im Exil fühlt er sich als freier Mensch, möchte seinen freien Geist bewahren.

Sein neuer Roman wird das Thema Selbstmord behandeln. Wie viele Menschen sind während der Kulturrevolution freiwillig in den Tod gegangen? Eine erschreckende Bilanz, die Ma Jian in seinem nächsten Roman verarbeiten möchte.

Er wird uns die Augen öffnen.

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Foto: Cover Rowohlt Verlag

Ma Jian

DIE DUNKLE STRASSE

Roman

Aus dem Englischen von Susanne Höbel

Rowohlt

Gebundene Ausgabe: 496 Seiten

Verlag: Rowohlt (31. Juli 2015)

ISBN-10: 3498032399

€ 21,99