Studien zeigen: Die Auswirkungen auf Kinder durch Unterrichtsausfall sind gravierend

Von 20. Juni 2020 Aktualisiert: 20. Juni 2020 18:19
Der Unterrichtsausfall wegen der Corona-Krise könnte tiefe Bildungslücken bei den Kindern in Deutschland hinterlassen – vor allem im wichtigen Fach Mathematik.

Spätestens mit Beginn des neuen Schuljahrs soll der reguläre Schulbetrieb überall in Deutschland wieder aufgenommen werden. Es werde angestrebt, „dass alle Schülerinnen und Schüler spätestens nach den Sommerferien wieder in einem regulären Schulbetrieb nach geltender Stundentafel in den Schulen vor Ort und in ihrem Klassenverband oder in einer festen Lerngruppe unterrichtet werden“, heißt es in einem Beschluss der Kultusministerkonferenz (KMK) vom Donnerstag (18.6).

„Die Länder stimmen dabei überein, dass hierfür die Abstandsregelung von 1,5 Metern entfallen muss, sofern es das Infektionsgeschehen zulässt“, erklärten die Minister weiter. Weiterhin seien aber Hygienemaßnahmen und deren „situationsadäquate Anpassung vor Ort“ notwendig. Die KMK werde „rechtzeitig“ einen gemeinsamen Rahmen für aktualisierte Schutz- und Hygienemaßnahmen beschließen.

„Die Länder stellen sicher, dass Schülerinnen und Schüler ihre angestrebten Abschlüsse im Schuljahr 2020/2021 erreichen können“, heißt es in dem Beschluss weiter. Außerdem würden „geeignete Maßnahmen“ ergriffen, um während der Pandemie entstandene „mögliche Lernrückstände zu überwinden“.

Unterrichtsausfall beeinflusst jedes Kind

Doch ist das überhaupt möglich? Bildungsexperten sagen „Nein“. Vor allem nicht im Fach Mathematik. Das ist aber ein Problem, denn Mathematik würde im künftigen Berufsleben eine immer größere Rolle spielen, so die Experten.

Wie die „Welt“ unter Berufung auf drei großangelegte Forschungsarbeiten berichtet, sind Wissenschaftler indes zu dem Ergebnis gekommen: Der Fernunterricht habe nur wenig – oder gar nichts – gebracht. Zudem wurde festgestellt, dass Kinder generell in den langen Sommerferien einen Teil des Gelernten wieder vergessen. Wegen der Schulschließungen in der Corona-Krise und der nun folgenden Sommerferien werde dieser Effekt noch größer sein.

Und das wird sich auch auf die Kenntnisse in der Mathematik niederschlagen: in dem Fach werden die Schüler nach Angaben der spezialisierten gemeinnützigen Organisation NWEA nur noch 37 bis höchstens 50 Prozent der Kenntnisse aufweisen, die sie ohne Schulschließungen in diesem Schuljahr erworben hätten. Der Unterrichtsausfall bedeute beim Rechnen nicht nur eine Stagnation, sondern einen Rückschritt der Fähigkeiten – im Fach Deutsch hingegen seien die negativen Auswirkungen nicht so drastisch.

Mathematische Kompetenzen würden sehr stark von der Schule abhängen, die sprachlichen Fähigkeiten von Kindern aber eher vom Elternhaus, sagt der Bildungsforscher Ludger Wößmann vom Ifo-Institut gegenüber der Zeitung. In Mathematik bräuchten die Kinder einen richtigen Unterricht, da sie den Lernstoff verstehen müssten. Dies könnten sich die Schüler nicht selbst beibringen, da würde es auch nichts bringen den Kindern Aufgaben per E-Mail zu verschicken, so Wößmann.

Die Kinder, die es zu Hause mit Unterstützung der Eltern schaffen gut zu lernen, würden nach den Sommerferien dennoch mit Problemen konfrontiert. Denn, so der Wissenschaftler, die Lehrer müssten sich auf das abgefallene Durchschnittsniveau der Klasse einstellen. Deshalb werde es nach der Rückkehr in den Regelbetrieb langsamer vorangehen.

Soziokultureller Hintergrund der Kinder spielt wichtige Rolle

Die Wissenslücke bei jedem einzelnen Schüler hängt, laut NWEA, unter anderem stark von der jeweiligen Klassenstufe ab. Drittklässler würden demnach ein größeres Defizit aufweisen, als Achtklässler. Denn junge Kinder würden sich beim digitalen Lernen im Homeschooling schwerer tun und könnten sich weniger gut neuen Unterrichtsstoff aneignen. Zudem würden sie das Gelernte schneller wieder vergessen.

Auch der soziokulturelle Hintergrund der Schüler spiele eine wichtige Rolle. Finanzschwache Haushalte beispielsweise hätten nicht die technischen Voraussetzungen ihre Kinder zu Hause gut zu unterrichten. Zudem fehle vielen Eltern die Zeit, die Kinder ausreichend zu unterstützen. Der Leistungsabfall beim digitalen Mathematik-Lernen sei sogar „eklatant“, schreibt die „Welt“ unter Berufung auf eine Studie aus den USA – dort ist die Situation sehr ähnlich wie in Deutschland.

Hinzu komme auch noch die Tatsache, dass bei lernschwachen Schülern im Homeschooling die Motivation schneller sinkt. Auch die Qualität des digitalen Unterrichts spiele eine Rolle, wie viel die Kinder lernen. Doch auch wenn das Programm des Fernunterrichts, beispielsweise für Mathematik, durchschnittlich gut ist, entspräche die Lernlücke dennoch einer Schulabwesenheit von drei bis vier Monaten, heißt es in einer Studie der Unternehmensberatung McKinsey & Company – durchgeführt an amerikanischen Highschools.

Sollte der Fernunterricht qualitativ niedrig sein, oder eine Schule gar keinen Onlineunterricht anbieten, würde diese Lücke auf sieben bis 14 Monate steigen. Der Studie zufolge werde der Leistungsabfall umso größer je länger für die Schüler dieser Ausnahmezustand herrscht. Für die Kinder hierzulande dürften die Bildungslücken noch gravierender ausfallen, da Deutschland im Bereich Digitalisierung im Bildungsbereich weit hinter den USA liegt.

Deutschlands Bildungsniveau sinkt

Eine internationale Pisa-Studie hatte Ende 2019 bereits gezeigt, dass Deutschland in Mathematik und anderen Fächern im Vergleich zu anderen Ländern schlecht abschneidet.

Insgesamt landete Deutschland auf Platz 20 von 77 Ländern und Volkswirtschaften. Vorn landeten die vier teilnehmenden chinesischen Provinzen, gefolgt von Singapur. In Europa zeigten die Schüler in Estland, Finnland oder Polen teils deutlich bessere Leistungen als die deutschen Schüler.

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Die Leiterin des deutschen Teils der Pisa-Studie, Kristina Reiss, sagte damals, Deutschlands Anspruch müsse „einfach größer sein, als ein bisschen über dem OECD-Durchschnitt zu liegen“. Reiss zeigte sich besonders besorgt darüber, dass etwa ein Fünftel der 15-Jährigen nur schlecht lesen kann. Dazu komme, dass die Freude am Lesen abgenommen habe.

Wie die Studienmacher feststellten, hängt der Schulerfolg in Deutschland weiter stärker von der sozialen Herkunft ab als im Durchschnitt der OECD-Länder. So stellten die Experten der OECD im Bereich der Lesekompetenz deutscher Schüler ein erhebliches Auseinanderdriften der Leistungen unterschieden nach sozialen Schichten fest.

Forderung nach „nationaler Kraftanstrengung für bessere Bildung“

Die von den Forschern der OECD festgestellte abflachende oder zunehmend negative Entwicklung könne „nicht unser Anspruch sein“, sagte Bundesministerin Anja Karliczek. So mache ihr Sorge, dass die Gruppe der leistungsschwachen Schüler wachse und gleichzeitig die Gruppe der leistungsstarken Schüler stagniere.

Karliczek sagte zu den nun nötigen Konsequenzen, es brauche „eine nationale Kraftanstrengung für bessere Bildung“. Ein von der Bundesregierung geplanter nationaler Bildungsrat war allerdings kürzlich de facto gescheitert, weil Bayern und Baden-Württemberg ausstiegen.

Karliczek sagte, die Bundesregierung bleibe bei ihrem Angebot an die Bundesländer zur verstärkten Zusammenarbeit. „Jetzt müssen sich die Länder überlegen, was sie wollen.“

Die nachlassenden Leistungen der Schüler treiben auch die Wirtschaft um. Der stellvertretende DIHK-Hauptgeschäftsführer Achim Dercks verwies auf die nötigen Kenntnisse in Naturwissenschaften, Mathematik und Lesen, um „einen guten Start ins Berufsleben zu finden“.

(Mit Textteilen von afp)