Die Menschen versammeln sich zur Querdenken-Demo am 7.11.2020 auf dem geschichtsträchtigen Augustusplatz in Leipzig. Die Mehrheit der Teilnehmer einer online-Umfrage hat vollstes Verständnis für die Demonstrationen.Foto: Epoch Times

Öffentliche vs. Veröffentlichte Meinung: Man sollte die Mehrheit nicht mit der Wahrheit verwechseln

Von 9. November 2020 Aktualisiert: 30. November 2020 11:27
„Der überwiegende Teil der Menschen in Deutschland“ scheint zu glauben, was die Medien als „öffentliche Meinung“ veröffentlichen. Statistische Methoden machten es möglich, aus einer kleinen Stichprobe auf die Gesamtheit der, so INSA-Chef Binkert, „eigentlich unpolitischen“ Bürger zu schließen. Da kann es schon mal passieren, dass die Mehrheit der Deutschen weggerechnet wird ...

Leipzig, 7. November 2020: 16.000 bis 45.000 Menschen – je nachdem wer (er)zählt – haben sich zu einer friedlichen Kundgebung versammelt und ein Ende der Corona-Maßnahmen gefordert. Wer nicht in Leipzig war, hat es womöglich schwer, sich ein wahres Bild von den Geschehnissen zu machen.

Vermeintlich einfacher haben es Meinungsforscher, die die Reaktionen erfassen und anhand repräsentativer Umfragen auf die Meinung aller Deutschen schließen. Dass das nicht immer unproblematisch ist, weiß auch Hermann Binkert, INSA-Chef. Er sagt: „veröffentlichte Meinung prägt öffentliche Meinung“ und „die große Mehrheit der Bevölkerung ist eigentlich unpolitisch“.  Mit anderen Worten: Traue keiner Berichterstattung, die du nicht selbst gefälscht hast.

Viel wichtiger scheint jedoch ein anderes Zitat aus dem vergangenen Jahrhundert: Der französische Schriftsteller John Cocteau (1889 – 1963) sagte einst: „Man darf die Mehrheit nicht mit der Wahrheit verwechseln.“ Angesichts der aktuellen Berichterstattung darf man jedoch auch die „veröffentlichte Mehrheit“ nicht mit der „öffentlichen Mehrheit“ verwechseln.

„Der überwiegende Teil der Menschen in Deutschland“ …

So berichtet „Focus“ von „vielen Tausend Querdenkern“, die in Leipzig demonstrierten. Andere Teilnehmer und die 24 weiteren angemeldeten Kundgebungen, einschließlich der ANTIFA, werden verschwiegen. Darüber hinaus wiederholt der „Focus“ die Worte des sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU): „Keiner in der sächsischen Regierung und auch der überwiegende Teil der Menschen in Deutschland habe Verständnis für diese Art von Demonstrationen“.

Hat Kretschmer „den überwiegenden Teil der Menschen in Deutschland“ gefragt? Vermutlich nicht – aber der „Focus“ hat diesbezüglich eine Umfrage des SPD-nahen Start-Ups Civey eingebettet, die genau dies übernehmen soll. Wer sich die Ergebnisse etwas genauer ansieht, stellt jedoch schnell fest, dass eine geschickte Zählung der Stimmen, „den überwiegenden Teil der Menschen in Deutschland“ ignoriert.

Wie „klar erkennbar“ ist, hat „der überwiegende Teil der Menschen in Deutschland“ tatsächlich kein Verständnis für diese Art von Demonstrationen. Diese – garantiert unverfälschte – Umfrage unter 5.036 Personen stellt die öffentliche Meinung dar?

Weil sich der Mensch gern an der Mehrheit orientiert, bilden derartige Umfragen die (ver)öffentlich(t)e Meinung nicht nur nicht ab, sondern beeinflussen sie maßgeblich.

… hat das Kleingedruckte nicht gelesen

Im Kleingedruckten stehen zudem einige vermeintlich kryptischen Zahlen, die den Statistiker aufmerksam werden lassen. Ein Klick auf die Rohdaten unten rechts zeigt plötzlich ein ganz anderes Bild.

Hoppla. Da sind ja die „COVIDioten“, die „Querdenker“, die Verschwörungstheoretiker und Revoluzzer plötzlich in der Mehrheit! Dazu warnt das nicht mehr ganz so Kleingedruckte: „Vorsicht, Rohdaten geben nicht die Meinung der Bevölkerung wieder!“.

Aus statistischer Sicht bis hierhin alles richtig gemacht: Bevölkerung und Befragte sind nicht gleichzusetzen. Die Erklärung der Methodik und zur Ver-Wertung der Daten findet man jedoch erst nach weiteren Umwegen durch die Hilfe-Seite der Umfragenbetreiber. Es heißt weiter:

Der „Unterschied zwischen den Rohdaten und repräsentativen Ergebnissen [zeigt], wie stark ein Ergebnis zwischen den im Internet weit verbreiteten Klickumfragen und repräsentativer Meinungsforschung abweicht.“ Unter Berücksichtigung „wie viele Teilnehmer und aus welchem Zeitraum ausgewählt wurden“, wird eine Stichprobe zusammengestellt. „Diese Stichprobe wird dann durch hochwertige statistische Methoden in repräsentative Ergebnisse umgerechnet.“ Sie beinhaltet dabei alle „Antworten, die stellvertretend für die Grundgesamtheit […] zur Berechnung [der] Ergebnisse berücksichtigt wurden.“

Berichtigung für öffentliche Meinung

Ein Grund der Berichtigung aus statistischer Sicht ist: Wenn beispielsweise zu viele Stimmen aus einer Region kommen, können diese die Ergebnisse verzerren. Zugunsten der Grundgesamtheit müssen diese herausgerechnet werden. Gleiches gilt natürlich auch für Alter und Geschlecht. Andere Angaben waren im Fall der Leipzig-Umfrage nicht anzugeben.

Davon unberücksichtigt bleiben jedoch allgemeine Mängel der Methodik Online-Umfrage, die beispielsweise vermehrt von Technik-affinen, jungen Menschen beantwortet werden – und dass bestimmte Gruppen einige Umfragen verstärkt teilen. Die große Mehrheit der Bevölkerung ist laut INSA-Chef Binkert nach wie vor „eigentlich unpolitisch“. Mehrere Millionen Menschen haben zudem angegeben, dass sie nicht von Meinungsforschungsinstituten befragt werden wollen.

Interessanterweise zeigt ein Vergleich der Ergebnisse zu Leipzig, dass der Umfang der Stichprobe seit Erstellung der Umfrage leicht gesunken ist! Umfasste die „repräsentative Stichprobe“ in der Nacht 5.040 von 25.000 Rohdatensätzen, waren es 12 Stunden später nur noch 5.036 von 50.000 Rohdatensätzen. Mit anderen Worten: Die ersten 5.000 passenden Antworten entscheiden, was alle anderen denken sollen.

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Im letzten Satz des „Focus“-Artikels bilanzierte die Leipziger Polizei „am Sonntag […] 102 Straftaten mit 89 Beschuldigten […]. Es habe 13 vorläufige Festnahmen und 18 Ingewahrsamnahmen gegeben. Zudem seien 140 Ordnungswidrigkeiten erfasst worden.“ Zur Erinnerung, es waren bis zu 45.000 Demonstranten im Stadtzentrum.

Merkel (un)beliebteste Politikerin Deutschlands

Dass Umfragen mitunter die veröffentlichte statt die öffentliche Meinung wiedergeben, zeigt sich auch an anderer Stelle. So ist Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel sowohl die beliebteste als auch die unbeliebteste Politikerin des Landes – je nachdem, wer und wie gefragt wird und wer darüber berichtet. Das sogenannte Framing führt dazu, dass manche Medien über bestimmte Themen in vorher festgelegter Richtung berichten – und zeichnet so ein unvollständiges Bild. Doch auch hier sind die zugrunde liegenden Umfragen nicht ohne Mängel und erfordern einen zweiten Blick.

Besonders unbeliebt sei die deutsche Regierungschefin demnach bei Nicht- und AfD-Wählern, Frauen, Menschen islamischen Glaubens, bei Menschen zwischen 40 und 60 Jahren, sowie Menschen aus Sachsen-Anhalt und Niedersachsen. Dies ergab eine repräsentative Umfrage des INSA-Meinungsforschungsinstituts im Auftrag von Boris Reitschuster, ehemaliger Russland-Korrespondent vom „Focus“ und Blogger.

Bundeskanzlerin Angela Merkel wurde jedoch – in anderen, ebenfalls repräsentativen, Umfragen – zur beliebtesten Politikerin Deutschlands gewählt. Über diese berichteten nicht nur die öffentlich-rechtlichen (staatlichen) Medien, sondern auch große und kleine private Medien, einschließlich der Epoch Times. So titelten wir: „INSA-Umfrage: Wagenknecht beliebter als Kanzlerin Merkel“ oder „Emnid: Merkel ist die beliebteste deutsche Politikerin“.

Während öffentlich-rechtliche und zu Parteien gehörende Medien oft selektiv berichten und die (unbeliebte) Hälfte verschweigen, stellen sich eigentlich ganz andere Fragen: Wie funktionieren „Meinungsumfragen“ wirklich? Und welche Voraussetzung müssten, insbesondere repräsentative, Umfragen erfüllen, um ein wahres Bild zu zeichnen?

Fortsetzung folgt.

 

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