Wenn der Winter an die Substanz geht

Seit Wochen Kälte und Dunkelflaute: Energie wird in Deutschland knapper und teurer. Die Menschen sollen beim Heizen sparsam sein. Auch der klirrend kalte Kriegswinter 1939/40 hatte zu viel Verzicht geführt. Eine Gegenüberstellung.
Qualm und Dampf steigt aus zahllosen Schornsteinen an einem kalten Wintermorgen in der Leipziger Südvorstadt auf. Auch in Sachsen sind die Temperaturen in der Nacht eisig kalt gewesen.
Je kälter die Temperaturen, desto höher die HeizrechnungFoto: Jan Woitas/dpa
Von 19. Dezember 2022

Seit Tagen herrscht Dauerfrost in weiten Teilen Deutschlands. Auch wenn es in den nächsten Tagen wieder zu Temperaturen weit über dem Gefrierpunkt kommen soll, weiß niemand, wie das Wetter ab Januar 2023 aussehen wird. Dazu herrscht „Dunkelflaute“ – also jener Zustand, wenn die Sonne kaum scheint und der Wind nicht weht.

Die Energieträger, allen voran das zum Heizen und zur Stromerzeugung benötigte Gas, könnten bei wochenlanger klirrender Kälte noch knapper werden. Der Chef der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, hatte schon am 14. Dezember zum Gas-Sparen aufgefordert, auch wenn man „von einer Mangellage ’sehr, sehr weit entfernt‘ sei“.

„Ein, zwei, drei Wochen, wo es kalt wird und wir mehr verbrauchen – das halten wir auch locker aus“, betonte Müller, „aber es darf sich in den Januar und Februar so nicht fortsetzen“. Auch der Winter 2023/24 sei „schon in den Blick“ zu nehmen.

Russland-Gas muss ersetzt werden

Betrachten wir das Thema im Vergleich zum Kriegswinter 1939/40. Energiesparen war bereits damals ein großes Thema. Die Lage nach Wintereinbruch Mitte Dezember 1939 war so schwierig, dass die Bürgerinnen und Bürger von staatlicher Seite angehalten wurden, so wenig Heizmaterial wie möglich zu verfeuern.

Der Mangel an Heizkohle im Winter ’39 war auf fehlende „Transportkapazität“ und Personalprobleme „in den Lausitzer Braunkohletagebauen und schlesischen Steinkohlebergwerken“ zurückzuführen, wie die „Welt“ in dem Artikel von Sven Felix Kellerhoff „In der Kälte griff der Staat auf das Ersparte der Deutschen zurück“ erklärt.

Heute liegt die drohende Gasmangellage vor allem am mangelnden Nachschub aus Russland, das bis Anfang 2022 laut „Tagesschau“ noch mit über der Hälfte des importierten Gases der größte Lieferant Deutschlands gewesen war. Die Sanktionspolitik Deutschlands und der EU änderten diesen Sachverhalt in wenigen Monaten.

Bereits zwei Tage vor dem russischen Angriff auf die Ukraine hatte Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) am 22. Februar 2022 das Genehmigungsverfahren für die bereits mit 330 Millionen Kubikmetern Gas befüllte, elf Milliarden teure Pipeline Nord Stream 2 gestoppt. Ende September wurden mit der Sprengung der Pipelines Nord Stream 2 und Teilen der älteren Nord Stream 1 neue Fakten geschaffen. Informationen zur Täterschaft scheinen zwar seit Wochen vorzuliegen, die Bundesregierung aber schweigt. Begründung: Eine Herausgabe der Erkenntnisse würde das Staatswohl gefährden, schreiben unter anderem die Deutschen Wirtschaftsnachrichten.

Heute liegt der Gesamtanteil des täglich gelieferten russischen Gases laut „Tagesschau“ bei unter zehn Prozent. Bis Ende des Jahres soll nach dem Willen von Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) noch weniger Energie aus Russland kommen: „Wir werden bis zum Sommer das Öl halbieren und bis Ende des Jahres bei null sein, und dann wird Gas folgen, in einem gemeinsamen europäischen Fahrplan“, kündigte Baerbock nach „Spiegel“-Informationen bereits am 20. April an. Aktuelle Zahlen zur Gasversorgungslage gibt es unter anderem beim ZDF und über agsi.gie.eu.

Schulunterricht und Körperhygiene

Zurück zum Kriegswinter 1939/40. Bis Ende Januar 1940, schreibt die „Welt“, mussten in Berlin „praktisch alle Schulen“ wegen des Kohlemangels schließen. „In den folgenden zwei Monaten hatten die Kinder in der Regel zweimal pro Woche in ihre Schulen zu kommen, um erledigte Hausaufgaben abzugeben und neue abzuholen. Nur noch einmal pro Woche durfte Wasser zum Waschen und Baden erhitzt werden.“

Auch in der Bundesrepublik Deutschland gab es vor zwei Jahren ähnliche Maßnahmen – allerdings wegen der Corona-Maßnahmen. Wenn die Schulen geöffnet waren, mussten zeitweise auch im Winter die Fenster geöffnet bleiben, um eine Ausbreitung des Virus zu minimieren. Die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) empfahl im Dezember 2020 den Schulpflichtigen neben dicker Kleidung und Masken Kniebeugen und Händeklatschen, wie u.a. das Redaktionsnetzwerk Deutschland berichtete. Nach einer aktuellen Energiesparverordnung darf nach dem Willen des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz die Raumtemperatur ab September in „öffentlichen Nichtwohngebäuden“, wie eben Schulen, höchstens 19 Grad Celsius betragen.

Was das Waschen und Baden angeht, empfehlen manche Ratgeber auch 2022 Verzicht. Nicht mehr so oft duschen, riet bereits im April Netzagenturchef Müller. Dabei gleich in die Dusche pinkeln, um Wasser zu sparen, hieß es beispielsweise bei t-online im Oktober. Am besten sei, die Körperhygiene nur noch per Waschbecken und -lappen zu erledigen, empfahl Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann schon Mitte August.

Appell an die Solidarität

Vor 82 Jahren, so die „Welt“, wurden in Berlin manche Wohnblocks mit Zentralheizungen geräumt, weil das Wasser aus Angst vor geplatzten Leitungen abgestellt wurde. 2022 denkt der Deutsche Städte- und Gemeindebund nach Informationen der Berliner Zeitung über Wärmestuben für Menschen aus dem Mittelstand nach, die sich das Heizen finanziell nicht mehr leisten können.

Das Thema Solidarität wurde offenbar auch im Winter 1939/40 großgeschrieben. Das Winterhilfswerk des Deutschen Reiches habe sozialen Druck auf die Bürger ausgeübt, um die Spendenbereitschaft für Kleider oder Geld zu erhöhen, schreibt die „Welt“. „Wer ,den Sinn der Volks- und Opfergemeinschaft noch nicht begriffen‘ hatte, so hieß es im Schreiben eines Berliner Kreisleiters der Hitler-Partei, dem müsse ,in entsprechender Weise‘ nachgeholfen werden: ,Ein Anschlag an der Haustafel wirkt oft Wunder‘.“

2022 ist die Solidarität mit den Menschen in der Ukraine gefragt – sowohl, was die Lieferung von Winterkleidung und Nahrungsmitteln angeht, als auch, was die Aufnahme von Flüchtlingen angeht. Noch immer sind die ukrainischen Farben im Straßenbild Deutschlands zu sehen. Baerbock sagte laut Correctiv.org bereits im März voraus, dass zehn bis zwölf Millionen Menschen aus der Ukraine fliehen würden und auch Deutschland seinen Beitrag zu ihrer Unterkunft leisten müsse. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts hatten bis Anfang Dezember rund 16 Millionen Menschen die Ukraine verlassen. Deutschland habe bereits bis Anfang Mai „etwa 967.000 Ukrainer:innen“ aufgenommen. Der Mediendienst Integration spricht von 1.036.135 Geflüchteten aus der Ukraine im Ausländerzentralregister zum Stichtag 13. Dezember 2022.

„Kriegssparen“

Auch im ersten Kriegswinter 1939/40 brauchte der Staat viel Geld. Bereits „ausgereizt“ gewesen sei damals „eine indirekte Lohnsenkung durch Arbeitszeitverlängerung“, erläutert die Welt. Das Wort „Kriegsanleihe“ habe nach den Verlust-Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg keinen guten Klang mehr gehabt.

Auch eine Inflation per Druckerpresse habe man nach den entsprechenden Zerwürfnissen aus den frühen 1920er-Jahren unbedingt vermeiden wollen – ebenso wie massive Steuererhöhungen. Also habe das NS-Regime nach anderen Wegen gesucht, um an die Spargroschen der „Volksgenossen“ zu kommen.

Und so habe Reichswirtschaftsminister Walther Funk das „Kriegssparen“ erfunden: Die Bürger sollten ihr Geld, welches sie nicht unbedingt für die Dinge des täglichen Bedarfs brauchten, nicht mehr für langlebige Gebrauchsgüter wie Schreibmaschinen oder Radios ausgeben, sondern lieber auf die hohe Kante legen.

„Kriegssparen“ habe das damals geheißen. „Weil aber alle Banken und Sparkassen streng öffentlich kontrolliert wurden und den Anweisung der Finanzverwaltung folgen mussten, konnte das Reich sie problemlos zwingen, im Umfang ihrer Spareinlagen Staatsanleihen zu zeichnen oder Kredite an Firmen der Rüstungsindustrie zu vergeben“, berichtet die Welt. Nach dem Krieg sei das Geld für die Sparer verloren gewesen.

Wie sieht das im Jahr 2022 aus? Im September 2022 präsentierte Helmut Schleweis, der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, neue Zahlen, nach denen bereits 60 Prozent der Durchschnitts-Haushalte wegen der hohen Inflation und der massiv gestiegenen Energiepreise nichts mehr zur Seite legen könnten.

„Nach Berechnungen der Sparkassen bleibt Haushalten mit einem Nettoeinkommen von weniger als 3.600 Euro derzeit am Monatsende kein Geld mehr übrig“ schrieb das Portal Nordbayern.de. Ende November 2022 hatte die Inflationsrate in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamts im Vergleich zum Vorjahresmonat bei rund zehn Prozent gelegen. Bei vielen Menschen in Deutschland reicht das monatliche Einkommen schon heute kaum noch aus, um etwas zu sparen.



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