“Auch durch neue Anstoßzeiten sind uns Einnahmen flöten gegangen”

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Foto: Steffen Andritzke/The Epoch Times
Von 18. August 2010

In einer prekären Situation befindet sich momentan die Arbeit der Fanbetreuung des FC St. Pauli. Zwar kann man mit den jetzt zur Verfügung stehenden Mitteln den “normalen” Betrieb des Fanladens noch aufrecht erhalten, doch zeichnet sich derzeit eine Entwicklung ab, die man durchaus mit Attributen wie “bedenklich” oder “traurig” versehen könnte.

Um diese finanzielle Entwicklung bei der Fanarbeit und die soziale Bedeutung des Fanladens für den Stadtteil St. Pauli einmal genauer zu beleuchten, sprach die Epoch Times mit Justus Peltzer, einem der Fanbetreuer und Verantwortlichen des Fanladens.

Epoch Times: Herr Peltzer, wie stellt sich die derzeitige finanzielle Situation des Fanladens dar?

Justus Peltzer: Im Moment bekommen wir nach dem “Nationalen Konzept für Sport und Sicherheit” unsere Zuschüsse, von denen zwei Drittel die Stadt Hamburg und ein Drittel die DFL bzw. der DFB finanzieren. Damit können wir zur Zeit den Hauptteil der Gehälter und unsere Miete bezahlen. Allerdings ist es seit Bestehen des Fanladens so – und wir sind ja dieses Jahr 20 geworden – dass wir auch noch zusätzliche Einnahmen generieren mussten, die wir dann wiederum in soziale Projekte stecken konnten. Diese Einnahmen hatten wir zum Beispiel durch die Organisation von Fahrten zu den Auswärtsspielen; durch den Verkauf von Fanartikeln im Fanladen unter der Woche, aber auch durch den Verkauf von Getränken an Spieltagen.

In den letzten Jahren waren die Einnahmen hier im Fanladen aber leider rückläufig, weil die Anstoßzeiten in der 2. und 3. Liga relativ schlecht für uns sind. Sonntags zum Besipiel, wenn um 13:30 Uhr das Spiel angepfiffen wurde, kamen halt weniger Fans zu uns und nach dem Spiel fahren die meisten dann lieber nachhause, weil sie am Montag wieder arbeiten müssen. Auch bei den Auswärtsfahrten sind uns Einnahmen weggebrochen, weil wir aufgrund der “neuen” Anstoßzeiten nur Busfahrten organisieren konnten und keine Sonderzüge. Dazu kommt noch, dass die Spiele sehr spät terminiert werden und wir dann kaum noch Vorlauf haben, um kostendeckend oder gar gewinnbringend zu planen. Dadurch sind uns nicht nur die Einnahmen flöten gegangen, sondern auch die Rücklagen, die wir im Laufe der Jahre bilden konnten.

Leider haben sich dann auch noch die früheren Austausch- und Diskussionsrunden hier im Fanladen ins Internet verlagert. Vor 20 Jahren war das hier der Informationsplatz überhaupt und heute treffen sich die Fans in Foren. Viele sind mittlerweile mit dem Internet aufgewachsen und kennen es nun schon gar nicht mehr anders.

Epoch Times: Was könnten diese finanziellen Einbußen für Folgen haben?

Peltzer: Im schlimmsten Fall müssten vielleicht soziale Projekte runtergefahren werden; vielleicht müssten wir die Öffnungszeiten einschränken und Jugendliche, die jetzt hier noch eine Anlaufstelle haben, würden dann wahrscheinlich auf der Straße rumlungern und vielleicht irgendwelchen Blödsinn verzapfen. Möglicherweise könnten wir dann auch aufgrund von Arbeitszeitkürzungen weniger U-18 Fahrten für unsere Jugendlichen anbieten. Das ist aber genau das, was wir gerade für wichtig halten – nämlich dass der Kontakt zu den Fans gehalten wird. Man muss diesen Kontakt zu den Fans in der Woche aufbauen um sie zu kennen und auf sie eingehen zu können, falls es am Spieltag wirklich einmal zu Stresssituationen kommen sollte. Kein Fan ist wie der andere und man muss “X” eben anders ansprechen als “Y”. Und genau das kann ich eben nur, wenn ich sie in ihrem Kontext kenne und so ungefähr weiß, wie sie ticken.

Der FC St. Pauli ist auf dem Kiez ...Der FC St. Pauli ist auf dem Kiez …Foto: Steffen Andritzke/The Epoch Times

Epoch Times: Aber die Bedeutung des Fanladens für den Stadtteil ist doch auch nicht gerade klein?

Peltzer: Dadurch, dass der FC St. Pauli einer der letzten Stadtteilvereine im bezahlten Fußball ist, hat das Viertel natürlich eine große Bedeutung für den Verein und auch umgekehrt. Da sind wir natürlich auch in diesem Konglomerat beteiligt, indem wir zum Beispiel Stadtteilarbeit durch “Kiezkick” machen. Dabei wird den Jugendlichen, die ganz spezielle Probleme haben, die dieser Stadtteil nun einmal so mit sich bringt, und deren Familien einfach kein Geld haben, oder wo die Eltern nicht aus Deutschland stammen und dadurch dann auch wieder andere Probleme damit verbunden sind – diesen Jugendlichen stellen wir kostenlos einen Fußballplatz mit Training zur Verfügung. Dadurch konnten genau diese Jugendlichen zu unseren Trainern ein gutes Vertrauensverhältnis aufbauen und letztendlich auch hier bei uns andocken.

Auf der anderen Seite ist das Viertel auch im extremen Wandel und die Gentrifizierung, die im Schanzenviertel angefangen hat, ist auch hier deutlich zu spüren. Auch beim Verein FC St. Pauli spürt man diese Wandlung: manche Plätze werden teurer, auf der Haupttribüne gibt es jetzt Business-Seats … Das ist ja auch in Ordnung, und wenn jemand beim Fußball eben ganz dringend Scampis essen und Sekt schlürfen muss, dann soll er das ruhig machen. Aber es sollte auch immer noch einen Platz für die Leute geben, die eben nicht so viel Geld haben; die stehen wollen und die ihre Wurst essen wollen. Da sehen wir uns dann in der Pflicht, dem Verein FC St. Pauli auf die Finger zu gucken und zu sagen, “aber ein ermäßigter Stehplatz muss auch noch bezahlbar sein”. Man muss dem Verein gelegentlich auch noch einmal klar machen, in welchem Stadtteil er eigentlich beheimatet ist und mit welchem Stadtteilnamen er in ganz Deutschland und in der ganzen Welt in Verbindung gebracht wird. Würde dieser Verein FC Poppenbüttel heißen, wäre er höchstwahrscheinlich für viele nicht einmal ansatzweise so interessant, als wenn er eben FC St. Pauli heißt.

... und bei den Menschen dort tief verwurzelt.… und bei den Menschen dort tief verwurzelt.Foto: Steffen Andritzke/The Epoch Times

Epoch Times: Werden die Vertreter der sozialen Fanarbeit im Verein auch gehört?

Peltzer: Wir werden im Verein schon gehört, obwohl es machmal nicht so ganz einfach ist. Beim FC St. Pauli gibt es keinen Fanbeauftragten, der direkt beim Verein angestellt ist. Dadurch sind wir zwar etwas weiter weg vom Verein, weil wir nicht direkt mit auf der Geschäftsstelle sitzen. Andererseits ist das uns und den Fans hier auch sehr wichtig, weil wir dadurch dem Verein auch ganz klar und deutlich sagen können, was uns nicht gefällt, ohne Angst haben zu müssen, dass wir in drei Monaten keinen Job mehr haben. Wenn ich als Angestellter beim Verein arbeiten würde, wäre es schwierig meinem Chef zu sagen “hey, was du da gerade machst, ist ja völlig Banane”.

Es gibt aber auch einen relativ großen Respekt voreinander und der Verein fragt uns auch bei manchen Problemstellungen und auch wir können sehr schnell ans Präsidium herantreten. Wir sind zwar nicht immer der gleichen Meinung, aber das ist ja auch völlig in Ordnung. Aber es muss ja nicht immer nur Kritik sein, denn es gab auch schon viele Sachen, wo wir gesagt haben, “hey, das habt ihr super gemacht”.

Epoch Times: Wenn man den Wandel, die Gentrifizierung [Anm. D. gezielte Aufwertung eines Wohnumfeldes] des Stadtteils beobachtet und sieht, dass auch der FC St. Pauli mehr teure Eintrittskarten verkauft als je zuvor, stellt sich doch die Frage, ob dem Verein eigentlich bewusst ist, dass er in Deutschland vor allem wegen seiner über Jahrzehnte gewachsenen Fangemeinde einen solch guten Ruf hat, und dass eben genau diese Fans auch das “Kapital” für den FC St. Pauli darstellen.

Peltzer: Manchmal ist ihnen das schon bewusst, aber es ist auch an uns, ihnen das immer mal wieder ins Gedächtnis zu rufen. Machmal scheinen sie es aber auch zu vergessen und denken “ach, das läuft ja im Moment ganz gut und die teuren Logen werden doch prima verkauft”.

Aber wir kriegen Anfragen nach Eintrittskarten aus der ganzen Welt. Gegen den HSV wollen sogar Fans aus Australien hierher kommen. Das war auch schon zu Zweit-Ligazeiten so und auch zu Dritt-Ligazeiten. Das ist ja nicht, weil der FC St. Pauli so einen hervorragenden Zauberfußball gespielt hat, sondern wegen der Atmosphäre hier und unseren Fans. Viele der Fans kommen deswegen hierher und viele unserer Fans kommen eben auch in der 3. Liga, um den Verein zu unterstützen. Da könnten wir dann ja mal schauen, ob auch alle Logen in der 3. Liga verkauft würden. Der Ruf, den der FC St. Pauli hat, mit dem Flair, mit dem er sich gerne umgibt und womit er ja schließlich viel Geld verdient – das sind eben die Fans des FC St.Pauli.

Epoch Times: Was könnten Menschen tun, die sich aktiv daran beteiligen wollen, um die finanzielle Situation wieder etwas aufzubessern?

Peltzer: Wir sind ein eingetragener, gemeinnütziger Verein und das heißt, jeder kann spenden und bekommt eine Spendenbescheinigung dafür. Des Weiteren wird es von uns ein Soli-T-Shirt geben. Vor allem aber wollen wir den Fans unsere Arbeit und unseren Laden wieder mehr ins Bewusstsein holen, damit wieder mehr Leute hierher kommen. Schließlich ist das der Laden für die Fans und den können und sollten sie natürlich auch nutzen.

Epoch Times: Herr Peltzer, ich danke für das Gespräch.

Das Interview führte Steffen Andritzke.

Foto: Steffen Andritzke/The Epoch Times


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