Rudolf Buchbinder gut gelaunt mit Beethoven-Sonaten in Berlin

  War beim Teil 2 des Beethoven-Zyklus noch ein halbleerer Kammermusiksaal in Berlin zu beklagen, so hat sich offensichtlich langsam herumgesprochen, dass es mit Buchbinder den besten Beethoven-Pianisten der Welt …

 

War beim Teil 2 des Beethoven-Zyklus noch ein halbleerer Kammermusiksaal in Berlin zu beklagen, so hat sich offensichtlich langsam herumgesprochen, dass es mit Buchbinder den besten Beethoven-Pianisten der Welt zu verpassen gibt. Im gestrigen dritten Teil von Rudolf Buchbinders Beethoven-Zyklus waren die Reihen in der Berliner Philharmonie schon deutlich gefüllter. Auf einmal bevölkerten nicht mehr nur Klavierkenner älteren Semesters den Saal – auch so einige junge Musiker hatten den Weg dorthin gefunden, was die Stimmung aufhellte und eine Atmosphäre von gespannter Offenheit und Interesse schuf.
Und auch der Altmeister am Klavier war diesmal besonders spielfreudig aufgelegt, weshalb es ein Abend der musikalischen Überraschungen wurde. Die Programmauswahl begünstigte dies, denn es gab hier allerlei Codas, Trugschlüsse und Attacca-Satzübergänge, die unter Buchbinders Händen ungeahnte Wendungen unternehmen durften und das Publikum in Atem hielten. Und so einige Male merkte man auch, wie er sich selbst das Mitsingen verkneifen musste.
Auf dem Programm standen diesmal die ziemlich frühen Sonaten, Nr. 3 C-Dur (op. 2/3), Nr. 19 g-moll (op.49/1), und Nr. 7 D-Dur (op. 10/3). Dazu die programmatische Nr. 26 Es-Dur (op. 81a) „Les Adieux” („Der Abschied“) und die späte Sonate Nr. 28 A-Dur (op.101). Und obwohl der zeitliche und stilistische Bogen weit gespannt war, schilderte Buchbinder sie alle in seinem glasklaren und unbestechlichen Stil, der Emotionen sublimiert und zu höchsten Nuancierungen fähig ist. Wie nüchtern und gleichzeitig unentrinnbar er Melancholie interpretieren kann, wurde besonders eindrucksvoll im „Largo e mesto“-Satz der Sonate Nr. 7 oder dem Andante espressivo der Abschieds-Sonate, der Verlassenheit und Einsamkeit darstellt. Im Vivacissimamente des „Wiedersehens“ entfachte er jedoch nicht nur lauten Freudentaumel, sondern machte diesen als seelenvollen Moment des Innehaltens spürbar.
Lesen Sie weiter auf Seite 2 über Buchbinders Gesanglichkeit
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Rudolf Buchbinder spielte diesen Abend mit aufs Äußerte gespannten melodiösen Bögen und größter Gesanglichkeit. Er zog die Zuhörer gleichsam sogartig in den Beethovenschen Klangkosmos hinein. So dass man am Ende seiner Ritardandi und wohlkontrollierten Spannungspausen nie mehr wusste, ob es gleich mit federleichten Tönchen oder einem Prankenhieb weitergeht, oder ob er die Klangströme nicht am Ende als luftigen Hauch entschweben lässt.
Einem Musiker wie Buchbinder zuzuhören heißt, sich auf den Augenblick einlassen zu können, denn er verlangt eine fast schon meditative Konzentration, die im heutigen Klassik-Business oft in Vergessenheit zu geraten droht. Umso schöner, dass es seinen Beethoven-Zyklus gibt und dass auch das Publikum in Berlin darauf immer teilnahmsvoller reagiert. Am Ende bekam der Pianist einen Applaus – noch herzlicher und enthusiastischer als beim letzten Konzert und sogar einen Blumenstrauß aus dem Publikum.
Er bedankte sich mit dem rasanten Scherzo aus der Sonate op 31, Nr. 3. „Die Jagd“, das er mit einer zupackenden Frische und Munterkeit spielte, als hätten die Anstrengungen der letzten zwei Stunden für ihn gar nicht stattgefunden. Es bleibt zu hoffen, dass beim Konzert Nummer 4 noch mehr Berliner Beethoven mit Buchbinder feiern werden. Dann wird er unter anderem die Hammerklavier-Sonate spielen.
Info:
Rudolf Buchbinders Berliner Beethoven-Zyklus hat noch 4 weitere Konzerte im Kammermusiksaal der Philharmonie Berlin: Die Termine sind am 26. März, 15. April, 26.April und am 10. Juni 2013.
Buchbinder spielte die 32 Klaviersonaten schon in über 40 Städten. Sein Dresdener Beethoven-Zyklus wurde in der Semperoper mitgeschnitten und 2011 bei Sony/RCA Red Seal auf CD veröffentlicht.